Montag, 24. September 2012

Mogel Motte

Vor einer Woche wurde MOGEL MOTTE als Gewinner des Deutschen Spielepreises in der Kategorie „Kinderspiel“ bekannt gegeben. Trotz zeitlicher Nähe soll diese Rezension weder Kommentar noch Reaktion sein, und zwar aus folgendem Grund: Meine Kernkompetenzen – angenommen, ich habe welche – liegen ganz sicher nicht im Kinderspielbereich. Ich habe MOGEL MOTTE überwiegend mit Familien und Erwachsenen gespielt (schließlich ist es ja ein Spiel von 7 bis 99 Jahren), und mein Urteil beruht auf den dort gesammelten Erfahrungen. Wie sich das Spiel mit Kindern spielt, haben die Voter beim DSP ganz sicher in ihr Urteil einfließen lassen, ich aber nicht.

Wie geht MOGEL MOTTE? Wir wollen unsere Karten loswerden. Der herkömmliche Weg besteht darin, sie passend (immer um eine Zahl auf- oder absteigend) auf den Ablagestapel zu spielen. Der lustige Weg aber ist, Karten einzeln verschwinden zu lassen: „Erlaubt ist, was Spaß macht“, sagt die Regel.
Der Spieler mit der „Wächterwanze“ passt auf. Erwischt er jemanden beim Wegschummeln von Karten, kriegt der Übeltäter eine Strafkarte und wird neuer Wächter. War der Verdacht falsch, muss die Wanze höchstselbst eine Karte ziehen. Petzen gilt natürlich nicht. Und damit die Wächterwanze beim Aufpassen ein bisschen abgelenkt wird, lösen manche Kartenmotive Aktivitäten aus. Bei einer Mücke beispielsweise muss schnell mit der Hand auf die Karte geschlagen werden. Der Langsamste wird bestraft.

Was passiert? In der Kennenlernphase ist MOGEL MOTTE anarchisch und ein großer Spaß. Regeln spielen kaum eine Rolle und man lacht sich schlapp. Nach eins, zwei Partien will man das Spiel aber auch richtig spielen, also mit Regeln und wie es vermutlich vorgesehen ist, doch jetzt beginnt es zu haken:
Die Karten müssen laut Regel über dem Tisch gehalten werden. Aber muss es auch über der Tischplatte sein oder darf man sich zurücklehnen? Muss man die Karten aufgefächert halten? Darf man seinen Körper davorschieben, seine Haare davorfallen lassen? Viele grenzwertige Tricks machen der Wächterwanze ihren Kontroll-Job schwer bis unmöglich.
Und was ist überhaupt Schummeln? Ist es geschummelt, wenn ich nur so tue, als hätte ich geschummelt, oder ist das ein erlaubtes taktisches Manöver? Ist es geschummelt, wenn ich eine Karte unter den Tisch habe fallen lassen, der Vorfall aber schon einige Sekunden her ist, bevor die Wächterwanze mich anklagt? Und wenn jemand eine Karte falsch spielt (die Zahl passt nicht oder man ist gar nicht an der Reihe) und die Wächterwanze merkt es nicht: Soll ich als Erklärer dann unterbrechen, weil ich davon ausgehe, das Spiel sei falsch verstanden worden? Oder soll ich schweigen, weil ich sonst einen Schummler verpetze?
Es verleidet mir MOGEL MOTTE, wenn ich permanent solche Fragen entscheiden soll. Ich möchte spielen und nicht Schiedsrichter sein. Mein Dafürhalten lautet deshalb: Von mir aus eine Runde Anarchie, und dann packen wir MOGEL MOTTE wieder ein. Denn als Spiel komme ich nicht damit klar.
Übrigens ist auch das Schummeln als solches längst nicht so kreativ, wie man denkt. Es wird nichts in Ärmel geschoben oder unter Pullovern versteckt. Am einfachsten und unauffälligsten ist es, Karten unter den Tisch fallen zu lassen. Eine nach der anderen.

Was taugt es? MOGEL MOTTE hat eine tolle, unverbrauchte Idee und kreiert ein kribbelndes Angstgefühl: Man erlebt noch einmal, wie sich das Spicken in der Schule anfühlte. Aber MOGEL MOTTE ist eher ein lustiges Happening als ein funktionierendes Spiel.

MOGEL MOTTE von Emely Brand und Lukas Brand für drei bis fünf Spieler, Drei Magier Spiele.

1 Kommentare:

Harald Schrapers hat gesagt…

Die ist aber streng ausgefallen, die Rezension. Aber wieso fühlt sich der Kritiker immer direkt in die Rolle des Schiedsrichters gedrängt? Wenn einfach jeder fair spielt, braucht man den eigentlich gar nicht. Zugegeben: als Kinderspiel ist Mogel Motte in vielen Runden schlecht spielbar. Aber als Vielspielerspiel sollte es klappen.

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