Mittwoch, 10. Oktober 2012

Santiago de Cuba

Die Messe in Essen naht! Als kluger Journalist bringt man sich rechtzeitig vorher bei Verlagen und Autoren in gute Erinnerung. Damit sie einen loben, umarmen und mit netten Aufmerksamkeiten überhäufen. REZENSIONEN FÜR MILLIONEN weiß genau, wie es geht. Deshalb folgt nach MOGEL MOTTE (mäßig) und INDIGO (mäßig) nun SANTIAGO DE CUBA (richtig geraten: ebenfalls mäßig).

Wie geht SANTIAGO DE CUBA? Im Hafen wartet ein Schiff auf Waren. Wer sie anliefert, bekommt Punkte dafür. Umso mehr, je länger das Schiff schon ankert. Ist das Schiff voll, legt es ab, und das nächste von insgesamt sieben legt an den Kai.
Wir brauchen also Waren, und wir bekommen sie bei einer Stadtrundfahrt.
Wer am Zug ist, schiebt die gemeinsame Spielfigur (in Form eines Autos) auf dem zehn Felder langen Rundparcours weiter. Bewegungen um mehr als ein Feld kosten Geld. Der Haltepunkt des Autos bestimmt die anschließende Aktion: Beim Tabakhändler bekommt man zwei Tabak, beim Musiker drei Geld, und im Hafen dürfen die Spieler reihum das Schiff beliefern. Mit Ausnahme des Hafens erlaubt jeder Ort dem Spieler noch eine zweite Aktion. Bis zu drei stehen jeweils zur Auswahl. Beispielsweise tauscht man Tabak in Zigarren oder erhält einen Siegpunkt etc.
Der Spielaufbau von SANTIAGO DE CUBA ist absolut variabel. Nicht nur die Reihenfolge der Orte wird in jeder Partie komplett neu ausgelost, sondern auch die Zuordnung, zu welchen Orten welche drei Zweitaktionen gehören.

Was passiert? Theoretisch kann jede Ware bis zu vier Siegpunkte bringen. Praktisch wären aber schon drei eine tolle Ausbeute, und meistens kriegt man ohnehin nur zwei oder gar einen. Mit destruktiven Aktionen lässt sich die Nachfrage des Schiffes senken, man darf zu Dumpingpreisen schon vor Erreichen des Hafens anliefern oder statt der geforderten Waren den Ersatzstoff Holz an Bord bringen.
Meiner Erfahrung nach besitzt SANTIAGO DE CUBA keine langfristige Planungsebene. Bunkere ich von einer Warensorte besonders viel, werden meine Mitspieler alles tun, um den Preis dieser Ware niedrig zu halten, die Nachfrage zu reduzieren oder mir beim Verladen zuvorzukommen. In SANTIAGO DE CUBA wird von der Hand in den Mund gelebt. Lieber wenig sofort als vielleicht später mehr. Denn die Chance auf dieses Spätermehr ist gering.

Was taugt es? SANTIAGO DE CUBA ist ein sehr taktisches Spiel. Ein erfahrener Kubaner kann besser einschätzen, welche kleinen Punktevorteile sich bereits mitzunehmen lohnen, wann es nötig ist, aggressiv vorzugehen, wann das Spiel beschleunigt oder gebremst werden sollte und wann es sich auszahlt, mit dem Auto einen weiten Satz zu machen.
Einen Mangel an Einfluss würde ich SANTIAGO DE CUBA also nicht vorwerfen. Mir behagt jedoch das Spielgefühl nicht. Alles bleibt klein-klein. Und trotz Variabilität des Aufbaus verlaufen die Partien ähnlich. Nichts wächst, nichts entsteht, keine Geschichte spielt sich ab. SANTIAGO DE CUBA ist eine Kopfangelegenheit. Und weil oft der Bauch entscheidet, welches Spiel wieder auf den Tisch kommen soll, bleibt SANTIAGO DE CUBA bald außen vor.

SANTIAGO DE CUBA von Michael Rieneck für zwei bis vier Spieler, eggertspiele.

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