Mittwoch, 5. Dezember 2012

Hanabi

Als Hannoveraner kommt man um Feuerwerke nicht herum. Kleines Fest im Großen Garten: Bumm! Feuerwerkswettbewerb in Herrenhausen: Bumm! Frühlingsfest: Bumm! Oktoberfest: Bumm! Maschseefest: Bumm! Schützenfest: Bumm!
Bumm! Bumm! Bumm! Bumm! – In der Hochsaison mehrmals wöchentlich. Ich habe mich damit arrangiert. In der Stadt ist das eben so. Nur seltsamerweise werden bei anderen Kulturveranstaltungen ganz andere Maßstäbe angesetzt, speziell bei Musik-Openairs. Völlig egal, ob da vor Tausenden Zuschauern international bekannte Bands auftreten: Bei Sonnenuntergang muss Schluss sein. Musik ist nämlich Lärmbelästigung. Die Nachbarn wollen schlafen.
Mein prägendstes Erlebnis in dem Zusammenhang war ein Sommer-Openair des Béi Chéz Heinz. Pünktlich um 22 Uhr wurde der Top-Act auf der Bühne abgewürgt, nicht mal mehr Hintergrundbeschallung war gestattet, und ungefähr eine Dreiviertelstunde später brachen zwei Kilometer entfernt mit hochkulturellem Bumm! Bumm! Bumm! kriegsähnliche Zustände aus. Seit diesem Tag ist der Begriff „Feuerwerk“ bei mir sehr negativ besetzt. – Bis HANABI (Japanisch für„Feuerwerk“) kam und ein neues Zeitalter einleitete.

Wie geht HANABI? Ohne viel Bumm legen die Spieler kooperativ Karten aus. In fünf Farben sollen lücken- und fehlerlose Reihen mit aufsteigenden Zahlen von eins bis fünf gebildet werden.
Der Witz dabei? Jeder hält seine (vier bis fünf) Karten verkehrt herum und sieht die Blätter der anderen, nicht aber sein eigenes. Wer an die Reihe kommt, darf einem Mitspieler einen Hinweis auf sein Blatt geben. Er darf ihm alle Karten derselben Farbe anzeigen („Diese drei Karten sind rot“) oder alle derselben Zahl. Jeder Tipp verbraucht einen Hinweis-Chip.
Chips gewinnt die Gruppe zurück, wenn jemand eine Karte abwirft. Weil die meisten Karten doppelt im Spiel vorhanden sind, tut Abschmeißen oft nicht weh. Jedenfalls bis zu einem gewissen Zeitpunkt. Irgendwann trifft es eine unersetzliche Karte; die Reihen können nicht mehr perfekt vervollständigt werden, und jetzt tut es doch weh.
Die dritte und letzte Zugmöglichkeit ist Ausspielen. Passt die Karte in eine der Farbreihen, ist alles gut. Passt sie nicht, gibt es ein Gewitter. Nach drei Regengüssen ist die Partie sofort verloren. Ansonsten endet sie kurz nachdem der Talon aufgebraucht wurde. Jede korrekt gespielte Karte zählt nun einen Punkt. Das Optimum wäre 25, ist aber kaum zu erreichen. Jedenfalls wenn man sich streng an die Regeln hält.

Was passiert? In manchen Gruppen wird nebenbei viel mehr preisgegeben als eigentlich erlaubt wäre. Ich spiele zwar lieber die strenge Variante, aber um mit Pyrotechnik-Azubis gut ins Spiel zu kommen, ist mir auch eine Laber-Partie recht. Im Grunde ist mir alles recht. Hauptsache, wir spielen HANABI.
Denn das Spielgefühl ist einzigartig: Obwohl ich gar nicht dran bin, sitze ich mit schwitzenden Händen da und hoffe, dass A dem B genau den von mir erhofften Tipp gibt, damit ich anschließend C einen Hinweis geben kann, der – wenn B und C verstehen, was ich damit meine – beiden Klarheit darüber verschaffen soll, was sie ausspielen können, ja: müssen! Und dann beobachtet man und bibbert und merkt: Oh nein, es war wohl doch zu sehr um die Ecke gedacht. Und C traut sich nicht, etwas auszuspielen, und will lieber eine Karte abwerfen und hantiert mit einer herum, die noch dringend gebraucht wird, und keiner mag mehr hinsehen, aber C entscheidet sich doch für eine andere und – puuuh! Alle atmen auf. Und ja klar: C hat durch das kollektive Aufstöhnen einen unerlaubten Hinweis auf sein Blatt erhalten. Aber will man sich solche Emotionen verbieten?
HANABI erfordert Kombinationsgabe: Auslage, Müllhaufen und fremde Kartenhände sind einsehbar: Auch aus diesen indirekten Informationen kann ich auf mein Blatt schließen. Oder sogar aus Hinweisen, die mir nicht gegeben werden. In der strengen Auslegung erfordert HANABI zudem viel Konzentration. Will die Gruppe erfolgreich sein, muss sich jeder merken, wer wem welche Tipps gegeben hat und wer zu welchem Zeitpunkt was über sein Blatt weiß. In der nicht so strengen Auslegung kann man es auch einfach noch mal gemeinsam rekapitulieren.
Nicht hundertprozentig zufrieden bin ich mit der Wertung. Fast jede Partie endet in demselben Punktebereich. Trotzdem wird mir HANABI nicht langweilig. Auch wenn ich den Ehrgeiz besitze, auf Punkte zu spielen, ist das wirklich Reizvolle das Gemeinschaftserlebnis dabei.

Was taugt es? Fünfzig Karten in fünf Farben, jeweils von eins bis fünf: Solch simple Mittel kombiniert Antoine Bauza mit vollkommen einfachen Regeln, um daraus ein absolut ungewöhnliches Spiel zu kreieren, das von der ersten Minute an kribbelt und hochspannend ist, obwohl keiner gewinnt.

HANABI von Antoine Bauza für zwei bis fünf Spieler, Abacusspiele.

1 Kommentare:

elas hat gesagt…

Es hat den Titel "Spiel des Jahres" auf jeden Fall verdient. So viel Spannung in einer so kleinen Packung muss einfach belohnt werden. Und es zeigt, dass auch mit wenig Regeln viel machbar ist. Glückwunsch an Bauza und Abacusspiele!

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