Mittwoch, 22. Mai 2013

Rialto

Es gab mal eine Zeit, in der ich von Mehrheitenspielen begeistert war. Autor dieser Spiele war eigentlich immer... Moment mal, das stimmt überhaupt nicht! Vieles, was nach EL GRANDE kam, ging mir ziemlich auf den Keks. Alles in allem sind Mehrheiten wohl nicht mein liebstes Spielelement.
Das hat aber weniger mit den Mehrheiten an sich zu tun, sondern eher mit der Zähigkeit vieler Genrevertreter: Ich stelle Pöppel in ein Gebiet, dann stellt der Mitspieler Pöppel in dasselbe Gebiet, dann rüste ich nach, dann rüstet der Mitspieler nach, dann kommt ein Dritter und schmeißt Pöppel wieder heraus... gähn, schnarch, unspannend.

Wie geht RIALTO? Auch RIALTO ist ein Mehrheitenspiel, erspart uns aber langwieriges Hin und Her. Im ersten Durchgang werden Pöppel in Gebiet eins eingesetzt, im zweiten in Gebiet zwei und so weiter. Nach sechs Durchgängen ist Schluss. Wie viele Punkte die Gebiete zählen, klärt sich erst im Laufe der Partie. Wir verbinden die Stadtviertel mit Brücken und Gondeln, welche Zahlen zwischen eins und sechs tragen. Zu jedem Gebiet weisen am Schluss bis zu vier Zahlen. Ihre Summe ist der Punktwert für die Mehrheit dort.
Motor sind Karten. Sechs Sorten plus Joker gibt es. Jeder Spieler besitzt sieben Handkarten. Reihum werden die einzelnen Sorten abgefragt. Zunächst spielen alle Spieler Dogen-Karten, dann Gold-Karten, dann Gebäude-Karten und so weiter. Grundsätzlich bekommt man für jede gespielte Karte eine Gegenleistung. Wer die meisten Karten einer Sorte auslegt, bekommt obendrein ein Extra.
Dritte Zutat von RIALTO ist eine auf die Spitze getriebene Reihenfolge-Skala. Sie bestimmt nicht nur, in welcher Reihenfolge die Spieler aus mehreren offen liegenden Kartenpaketen ihr Blatt für den kommenden Durchgang wählen. Sondern sie entscheidet auch sämtliche Gleichstände. Und davon gibt es viele: sowohl beim Kartenausspielen als auch in der Mehrheitenabrechnung bei Spielende.

Was passiert? Sieben Handkarten klingen nach wenig Gestaltungsspielraum. Und die Tatsache, dass man zunächst acht bekommt und eine abwirft, ändert daran noch nichts. Aber es gibt ja noch die Gebäude. Sie werden mit Gebäude-Karten gebaut und erhöhen zum Beispiel das Handkartenlimit oder erlauben, Karten falscher Sorten auszuspielen. Jede Gebäudenutzung kostet allerdings Geld. Wer mit Gebäudemacht Zusatzkarten und Flexibilität einkauft, schafft sich den Zwang, ständig für Münznachschub sorgen zu müssen.
Der Ausspiel-Reigen ist sowohl spannend als auch interaktiv als auch taktisch und erinnert vom Spielgefühl an STRASBOURG: Um möglichst viel aus meinem Blatt herauszuholen, will ich hier und da Boni für die meisten gespielten Karten einer Sorte mitnehmen. Wann also zücke ich meine Joker? Und worauf spekuliert die Konkurrenz? Tja, und immer nur auf irgendwelche Boni zu spielen, funktioniert auch nicht, denn ich muss mich um stetigen Pöppelnachschub kümmern, brauche für meine Gebäude einen bestimmten Grundbestand an Münzen und so weiter.
Niemals kann man bei RIALTO alles in den Griff bekommen. Habe ich in einem Stadtteil die Pöppel-Mehrheit, wird es mir vermutlich nicht gelingen, dort auch noch lauter wertvolle Brücken anzulegen. RIALTO ist ein Mittelding aus Planen und Hoffen. Bei weniger Spielern etwas mehr Planung, in größerer Runde mehr Hoffnung.

Was taugt es? RIALTO bindet die Spieler ständig ein. Man ist an allen Fronten beschäftigt, das Timing beim Kartenausspiel sorgt für prickelnde Momente. Vor der ersten Partie gibt es zwar reichlich zu erklären, die Abläufe selbst erweisen sich als gut verzahnt und schlank, so dass RIALTO in knapp über einer Stunde gespielt ist, ohne dass die Spannungskurve abfällt.
Mehrere Male habe ich inzwischen erlebt, dass jemand gewann, ohne je einen Schritt auf der Reihenfolge-Skala zu machen. Einmal gewann einer, der insgesamt nur zwei Pöppel einsetzte. Dass jemand ohne Häuser gewinnen kann, glaube ich nicht, aber ich lasse mich gern eines Besseren belehren. Auf jeden Fall läuft RIALTO nicht immer gleich ab und bietet Raum, verschiedene Vorgehensweisen und Gebäudekombinationen auszuprobieren. Den merklichen Glücksfaktor muss man aushalten können. Die Kartenhand gibt die Gestaltungsmöglichkeiten für den kommenden Durchgang recht deutlich vor.
Grafisch gefällt mir RIALTO mit einer Ausnahme: Die Zählleiste ist misslungen. Dass die Wertungssteine zwischen die Lichterpunkte gesetzt werden sollen, hat bislang noch fast jeden irritiert.

RIALTO von Stefan Feld für zwei bis fünf Spieler, Pegasus Spiele.

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