Donnerstag, 19. September 2013

Voll ins Schwarze

Jedes Jahr im Frühherbst ergibt sich dieselbe Situation: Da stehen noch ein paar mittelgute Spiele im Regal, die man längst hätte rezensieren können... aber nicht unbedingt wollen.
Und genau das ist diskriminierend! Warum soll es einigen Spielen besser ergehen als anderen? Hat nicht jedes Spiel dieselben Rechte? Verdient nicht jedes Spiel gleichermaßen, mit einer Erwähnung auf REZENSIONEN FÜR MILLIONEN bestraft zu werden?
So sei es!

Wie geht VOLL INS SCHWARZE? Es ist ein Quizspiel, und demzufolge werden Fragenkarten vorgelesen: „In welchem Jahr des 20. Jahrhunderts wurde einem Patienten zum ersten Mal eine Leber transplantiert?“ „Etwa wie viele Milligramm wiegt eine einzelne Träne?“ „Wie viele Millionen Besucher hatte Disneyland Paris im Jahr 2011?“
Alle Antworten sind Zahlen zwischen 1 und 99. Die Spieler legen verdeckt Zahlenkarten. Deren Werte werden addiert. Wer am dichtesten an der Lösung ist, bekommt einen oder zwei Punkte, verliert aber seine eingesetzten Karten. Wer genau trifft, erhält Punkte und darf seine Karten behalten. Neue Zahlenkarten erhält, wer eine Bluffkarte spielt und so eine Runde aussetzt. Er zieht drei Karten von Stapeln seiner Wahl („1-9“, „10-20“, 30-80“).

Was passiert? Ziemlich schnell stellt sich heraus, wie nachteilig es ist, keine gute Zahlenauswahl zu besitzen. Ab und zu kommt nämlich eine Frage, deren Antwort man ungefähr weiß. Und dann wäre es fatal, die Wunschzahl nicht bilden zu können.
Ziemlich genauso schnell zeigt sich auch, dass man beim weit überwiegenden Teil der Fragen die Antwort überhaupt nicht weiß. Allenfalls hat man eine Einschätzung, ob eine höhere oder eine niedrigere Zahl gefragt sein könnte. Es macht dann auch keinen Sinn, mit vier Karten mühevoll eine 69 zu kreieren, wenn man auch einfach auf blassen Dunst eine einzelne 70 legen kann.
So pendelt VOLL INS SCHWARZE zwischen zwei beiderseits nicht überzeugenden Extremen: meist Runden, in denen blind geraten wird, plus seltene Runden, in denen die Stückelung der Handkarten entscheidet.

Was taugt es? In ihrer vorliegenden Form ist die Spielidee nicht ganz ausgereift. Dasselbe gilt übrigens auch für den Schachteleinsatz. Es wirkt so, als sei an dem Spiel kurzfristig noch einiges verändert worden, und danach hätten die Materialien nicht mehr gepasst. Dass es für sechs Kategorien nur fünf Kartenfächer gibt, ist jedenfalls seltsam. Oder dass die Aussparungen im Spielplan mitten durch die Zahlen der Punkteskala gestanzt sind. Überhaupt ist die Idee, Fragenkarten senkrecht im Spielplan aufzustellen, in der Praxis nicht überzeugend. Wirklich seeehr oft habe ich erlebt, dass Spieler versehentlich zuerst die Antwortseite ansehen.
Phasenweise kann VOLL INS SCHWARZE gut unterhalten. Manche originelle Fragen provozieren Gelächter („Beim Frauentragen muss ein Mann eine Frau durch einen 250 Meter langen Parcours tragen. Wie viel Kilogramm muss die Frau mindestens wiegen?“). Und auch das Glücksgefühl, mit total blinder Raterei zum Erfolg gekommen zu sein, erzeugt Spielspaß und bringt – sofern man mit seinem Erfolg genügend prahlt – eine kommunikative Ebene ins Spiel. Von einer Empfehlung ist dieses Quiz dennoch eine ganze Ecke* entfernt.

VOLL INS SCHWARZE von Touko Tahkokallio für zwei bis sieben Spieler, HUCH! & friends.

* Empfehlenswerter als jenes Quizspiel mit den Ecken ist es jedoch allemal.

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