Samstag, 29. März 2014

Rampage

In kleinen Schachteln steckt manchmal riesiger Spielspaß, und wenn es so ist, will ich auch gerne voller Hingabe davon schwärmen. Doch heute ist auf REZENSIONEN FÜR MILLIONEN mal wieder Anti-Tag. Denn man höre und staune: Manchmal steckt in riesigen Schachteln nur kleiner Spielspaß!


Wie geht RAMPAGE? Als Vorbereitung bauen wir aus vielen Pöppeln und viel dicker Pappe eine Stadt mit sieben mehrstöckigen Gebäuden und vier Fahrzeugen auf. An den Ecken des Spielplans starten die Monsterfiguren. Eine Holzscheibe dient als Fuß, darauf kommt der Körper. Soll sich das Monster bewegen, wird der Körper abgehoben, die Scheibe weitergeschnipst, der Körper wieder draufgesetzt.
Ziel des Spiels ist Zerstörung. Komplett abgeräumte Stockwerke bringen ebenso Punkte wie gefressene Pöppel und das Umwerfen der Mitspieler-Monster. Taktisch-kontrollierte Zerstörung ist zu bevorzugen: Denn erstens punkten Pöppel nur bei kompletten Menüs aus allen sechs Farben. Zweitens kann jeder Spieler einen individuellen Bonus gewinnen (beispielsweise falls kein anderes Monster mehr grüne Männchen gefressen hat). Drittens wird der Verursacher mit Strafe belegt, sobald eine bestimmte Menge Pöppel vom Spielplan geschossen wurde.
Wie wird zerstört und gefressen? Ist ein Saurier nahe genug an einem der Hochhäuser, darf der Spieler die Figur von oben auf das Gebäude fallen lassen. Oder er darf, falls sich ein Fahrzeug im Stadtviertel befindet, dieses vom Monsterkopf herunter durch die Gegend schnipsen. Oder er darf sein Kinn auf das Monster legen und pusten. Im Anschluss futtert der Saurier zwei bis sechs (je nach Anzahl seiner noch vorhandenen Zähne) in seinem Stadtviertel freiliegende Pöppel.

Was passiert? RAMPAGE ist ein anarchisches Spiel, das seinen Reiz aus der äußerst konkreten Themenumsetzung zieht: Autos werden durch die Luft geschleudert, Wolkenkratzer stürzen ein, panische Pöppel versuchen zu fliehen.
In seiner Albernheit bewegt sich RAMPAGE schon hart an der Grenze zum Gimmick. Dass die Autoren dennoch angetreten sind, ein Brettspiel mit festem Regelwerk zu erfinden, zeigt sich an den Strafen für sinnloses Rumgebolze, den taktisch nutzbaren Punktebedingungen und individuellen Monster-Eigenschaften. Die instinktive Lust an der Zerstörung wird auf diese Weise kanalisiert. Manchmal bremst sich RAMPAGE dadurch sogar aus und wird etwas zäh.

Was taugt es? RAMPAGE ist ein toller Hingucker; der Aufforderungs-Charakter ist riesig. Doch ich erlebe nicht den sportlichen Ehrgeiz, besser zu werden, wie ihn beispielsweise DUNGEON FIGHTER hervorruft. Wenn ich RAMPAGE spiele, muss ich mich darauf einstellen, dass es wahrscheinlich zu interpretationswürdigen Situationen kommen wird, die durch das Regelwerk nicht komplett abgedeckt sind. Es geht also mehr um den Event-Charakter als um den Sport. Das unterstreichen auch die unterschiedlich attraktiven Eigenschaften und Punktebedingungen. Wir spielen nicht chancengleich, vieles ist Gag.
Doch der Gag verbraucht sich rasch, und darüber hinaus hat RAMPAGE nicht die Substanz, um längerfristiges Interesse zu wecken. Um ein paar Mal Dinge durch die Gegend zu schnipsen wird ein vergleichsweise hoher Aufbau-, Verwaltungs- und Regelaufwand betrieben.
Wer auf das Thema abfährt und deshalb bereit ist, viel Emotion in das Spielgeschehen hineinzutragen, und wer sich nicht daran stört, bei einer weitgehend sinnfreien Klopperei etliche Regeln beachten zu müssen, wird zu einer besseren Bewertung kommen. Für mich ist RAMPAGE ein überproduziertes Monstrum, das nur wenige Partien lang trägt und die Spielewelt nicht bereichert.

RAMPAGE von Antoine Bauza und Ludovic Maublanc für zwei bis vier Spieler, Repos Production.

4 Kommentare:

Hendrik hat gesagt…

Rampage als Spiel ist völlig misslungen, meine ich. Es sieht zwar super aus und ist gut produziert, doch selbst ansatzweise konnten wir dabei noch keinen Spielreiz ausmachen. Dazu die lange Aufbauphase... Ich hatte sogar kaum noch Lust, es überhaupt ein zweites Mal zusammenzubauen.
Keine Ahnung, für wen das eigentlich gedacht ist, evtl. macht es mit kleineren Kindern Spaß? Vielleicht funktioniert es auf Conventions, wenn man nach einem langen Tag total übermüdet noch offen für was Albernes ist...?

Anonym hat gesagt…

Völlige Zustimmung. Ich habe es in Essen ausprobiert und hatte den gleichen Eindruck: Viel Aufhebens um wenig Spiel. Die Spielregel hilft da auch nicht wirklich, da sie lang und unübersichtlich ist. Nee, das habe ich zweimal gespielt: Das erste und das letzte Mal.
Frank.

Gummidoc hat gesagt…

Tja, Rampage ist zwar kein normales Brettspiel aber dafür herrlich Chaotisch und mehr Spielzeug als Spiel. Wenn man sich darauf einlassen kann gibt das Spiel einem unwahrscheinlich viel zurück. Und sind wir mal ehrlich ein bisschen albernheit ist doch nicht verkehrt. :-) Daumen hoch für den Mut des Verlages auch mal ein Spiel Abseits des gewöhnlichen Weges zu Produzieren. So und jetzt gleich noch eine Runde RAMPAGE! Har.har, har....

Bernd Weskamp hat gesagt…

Also ich finde das spiel ebenfalls sehr erfrischend und es bereichert jede sammlung. Ich bin selbst auch ein Stratege und mag dieses Spiel trotzdem. Man kann ja nucht immer Komplexitätsmonster spielen,
Bernd

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