Samstag, 17. Mai 2014

SOS Titanic

Nautische Wochen bei REZENSIONEN FÜR MILLIONEN. Auf NORDERWIND folgt PACKET ROW folgt FRANCIS DRAKE folgt SOS TITANIC. Ahoi!

Wie geht SOS Titanic? Blickfang des Spiels ist ein Ringbuch mit elf Doppelseiten. Sie werden wie bei einem Countdown heruntergezählt. Die erste Seite ist die 10. Darauf sehen wir die noch stolz im Wasser schwimmende Titanic um 23:40 Uhr. Auf Seite 9 um 0:05 Uhr hat sie bereits etwas Schlagseite, und auf Seite 0 um 2:29 Uhr ist das Schiff fast vollständig versunken. Danach kommt: Game over. Das Ringbuch ist Spielbrett und Rundenzähler zugleich.
Eine Karten-Pacience bildet den Hauptmechanismus. Im Spiel sind zwei violette Kartensätze von 1 bis 13 (Passagiere erster Klasse) sowie zwei gelbe Kartensätze von 1 bis 17 (Passagiere zweiter Klasse). Ziel ist es, alle Passagiere in Rettungsboote zu bringen, was bedeutet, seitlich der Titanic vier aufsteigende Reihen zu bilden, die mit Einsen beginnen. Kinder und Frauen kommen dabei zuerst. Sie sind auf den niedrigen Karten abgebildet. Und damit im Untergangs-Chaos auch ja die Sitten stimmen, bleiben erste und zweite Klasse hübsch getrennt.
Das Spiel beginnt mit vier ungleich langen gemischten und verdeckten Kartenreihen an Bord der Titanic. Die jeweils oberste Karte wird aufgedeckt. Frei liegende Karten dürfen bewegt werden: a) Einsen werden als Rettungsboote ins Wasser gelassen. Hierauf werden gleichfarbige Zweien, Dreien usw. abgelegt. b) An Bord der Titanic werden Karten umgruppiert, solange sie eine absteigende gleichfarbige Reihenfolge bilden. c) Mit einer gelben 17 oder einer violetten 13 werden auf der Titanic noch zwei neue Reihen eröffnet.
Der Nutzen all dieser Umgruppierungen: Verliert eine Reihe ihre letzte offene Karte, wird wieder die oberste aufgedeckt. Dadurch ergeben sich eventuell neue Möglichkeiten. Wenn nichts mehr geht, darf der Spieler entweder eine Aktionskarte spielen. Will er das nicht oder hat er keine, muss er alternativ Karten vom gemischten Stapel aufdecken. Kann eine davon regelkonform angelegt werden, ist alles gut. Passen mehrere, muss man sich für eine entscheiden. Passt keine, muss eine Seite im Ringbuch umgeblättert werden. Nach dem dritten Mal Umblättern ist das erste Deck voll Wasser gelaufen. Unter den dortigen Passagieren entsteht Panik. Die beiden Kartenreihen links werden zusammengemischt und zu einer Reihe vereinigt. Für alle bisherigen Ordnungsbemühungen kann das verheerend sein. Optimalerweise hat man die beiden linken Decks zu diesem Zeitpunkt schon relativ leer gespielt. Ist der Kartenstapel aufgebraucht und muss neu gemischt werden, wird ebenfalls umgeblättert.
SOS Titanic kann solitär gespielt werden oder kooperativ als Gruppe. Jeder Spieler verkörpert ein Besatzungsmitglied und bringt eine Spezialeigenschaft in die Rettungsmannschaft ein.

Was passiert? SOS TITANIC hat ganz viel mit Glück zu tun. Die Entscheidungen sind Zockerei. Wenn ich Karten aufdecken muss: Wie viele wähle ich? Nicht zu wenige, denn ich riskiere, dass im Buch umgeblättert wird. Aber auch nicht zu viele, sonst verbraucht sich der Stapel zu schnell.
Taktischer wird es durch die Aktionskarten. Es gibt bessere und schlechtere Zeitpunkte für ihren Einsatz, wenngleich auch hier einiges auf Zock beruht. Das macht aber nichts, denn eine Solo-Partie ist locker in zehn Minuten heruntergespielt.
Bei mehreren Spielern kommt es etwas mehr aufs Timing an. Um eigene Aktionskarten zu nutzen, muss man an der Reihe sein. Außerdem bieten sich für die Crewmitglieder – je nach Eigenschaft – etwas unterschiedliche Spielweisen an.

Was taugt es? SOS TITANIC stieß in meinen Runden nicht gerade auf heiße Liebe, und ich kann die Kritik nachvollziehen. Der reine Mechanismus ist weder neu noch gehaltvoll. Wer Patiencen sowieso als Zeitvertreib einstuft, bei dem man weitgehend vom Stapel gespielt wird, wird keinen Mehrwert darin entdecken, diesen Zeitvertreib nun mit mehreren Spielern auszuüben und über die Spielzüge auch noch zu diskutieren.
Mein Empfinden ist allerdings ein anderes. Dazu beigetragen hat sicherlich, dass ich sehr viele Solo-Partien gespielt und bei aller Zufallslastigkeit viel Spannung dabei erlebt habe. Der Reiz, es endlich zu schaffen, ist hoch. Und ist es geschafft, lautet ein neues Ziel, dasselbe in Gestalt eines anderen Crewmitgliedes noch einmal zu vollbringen.
Vor allem aber finde ich die erzählerische Einbettung von SOS TITANIC überragend. Die Patience hat ein starkes und überzeugendes Thema bekommen. Die Illustrationen (leider ist die Symbolik teilweise unklar) verströmen Zeitkolorit, die Spielcharaktere sind an historische Personen angelehnt. Und es geht über Äußerlichkeiten sogar noch hinaus. Das Blätterbuch simuliert das versinkende Schiff. Die Mechanismen (Wer darf in welcher Reihenfolge ins Boot? Welche Folgen hat ein voll gelaufenes Deck?) passen zum Thema.

SOS Titanic von Bruno Cathala und Ludovic Maublanc für einen bis fünf Spieler, Ludonaute / Heidelberger Spieleverlag.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Ich denke auch, dass das Spiel solitär am besten funktioniert - dann aber wirklich sehr sehr gut! Wobei mich interessieren würde, wie der Rezensent denn Onirim und Urbion fand?
Matthias

Udo Bartsch hat gesagt…

Onirim hat mich nicht so angefixt, Urbion kenne ich nicht.

Anonym hat gesagt…

Danke! Anhand der Rezension hätte ich jetzt vermutet, dass Onirim als Solospiel gut angekommen wäre - es ist ja ein recht origineller Kartenmechanismus, der da enthalten ist (ebenso in Urbion).

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