Mittwoch, 21. Mai 2014

Vor 20 Jahren (17): Schach

In meinem Leben hatte ich drei Schach-Phasen. Während der ersten war ich ungefähr in der 9. Klasse und tankte Selbstvertrauen, indem ich ahnungslose Mitschüler als Schlacht-Opfer rekrutierte. Meine dritte und vorläufig letzte Phase erlebte ich während einer einjährigen beruflichen Fortbildung in den Jahren 1998/99. Mein Sitznachbar hatte ein Schachprogramm auf unserem gemeinsam genutzten Rechner installiert. Und während er nach drei chancenlosen Partien gegen „Fritz“ die Lust verlor, war mein Ehrgeiz geweckt. – Auch wenn in meinem Abschlusszeugnis letztendlich andere Dinge behauptet wurden, habe ich in dieser Fortbildung womöglich am meisten über Schach gelernt.

Was fehlt? Genau: die zweite Phase. Sie war die kürzeste und währte nur wenige Tage. Und zwar jene Tage, in denen ich 1994 unmittelbar vor meinen vier mündlichen Uni-Abschlussprüfungen stand. Es waren also genau die Tage, an denen man lernen hätte können. Und sollen. Aber an denen ich mich plötzlich sehr zu Schach hingezogen fühlte.

Damals verbrachte ich viel Zeit mit einem Freund, der im Jahr 1991 Brillenputztücher von Swirl benutzt hatte und den wir auch an dieser Stelle wieder Guido nennen wollen. Guido war in seiner Jugend ein aufstrebendes Schachtalent gewesen, hatte die großen Meister studiert und kannte die gängigen Eröffnungen aus dem Effeff. Gegen Guido zu spielen war die interessanteste Schach-Erfahrung meines Lebens, denn ich bekam demonstriert, was Schach überhaupt war: ein brutales Angriffsspiel.

Weil ich unter normalen Umständen keine Chance gehabt hätte, spielten wir ausschließlich Blitzschach. Und während Guido nur fünf Minuten Bedenkzeit bekam, hatte ich zehn oder sogar eine Viertelstunde. Letztendlich zog ich trotzdem so schnell wie irgend möglich, denn im Gegensatz zu so manchem Grübler aus dem Jahr 2014 war der Guido des Jahres 1994 so gewieft, unautorisiert auch meine Bedenkzeit für seine Überlegungen mitzunutzen.

Partie für Partie war mein einziges Ziel, die Abwehrschlacht über die Zeit zu bringen. Was auf dem Brett passierte, war faszinierend: Guido konnte, auch ohne dass ich offensichtliche Fehler machte, meine sicher geglaubte Stellung in Trümmer hauen. Er vollzog die wildesten Opfer, ich hatte riesige Figurenvorteile – und stand trotzdem mit dem Rücken zur Wand. Ich verlor reichlich oft. Aber nie zuvor und nie danach hat mir Schach so viel Spaß bereitet wie in diesen Tagen.

Dann bestand ich meine Uni-Prüfungen, und die Schachfiguren wurden wieder eingepackt. Der Ernst des Lebens begann.

Teil 16: Der Feuersalamander
Teil 18: Café International

1 Kommentare:

Heinrich Glumpler hat gesagt…

Unser (Matthias Schmitt & Heinrich Glumpler) "Schachen" für Millionen! Yeah!
...wenn auch nur zum Angucken :)

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