Freitag, 29. August 2014

dimension

Nachdem sich noch niemand auf die vakante Stelle als Spiele-Prophet beworben hat, möchte ich die Dringlichkeit nochmals verdeutlichen, indem ich nach PRAETOR ein weiteres Beispiel meiner kolossal falschen Prognosen liefere.
Ende Februar 2014 hatte ich die Gelegenheit, einen Kosmos-Außendienstler einen Tag lang bei seiner Arbeit zu begleiten. Unterwegs sprachen wir natürlich auch über dies und jenes (wie die Jury arbeitet, was in der Branche passiert, welche Musik wir hören usw.) und eben auch über die Frühjahres-Neuheiten von Kosmos, die damals (außer BLITZ-DINGS) noch nicht vorlagen. Ich verriet – für meine Verhältnisse fast schon euphorisch –, dass ich mir von DIMENSION am meisten verspräche. Und Herr Kaya war so freundlich, mich in meinem seligen Glauben zu belassen.

Wie geht DIMENSION? DIMENSION erinnert an ULURU, und das kommt nicht von ungefähr, denn der Autor ist derselbe. Jeder spielt mit 15 Kugeln in fünf Farben. Bis zu elf davon sollen zu einer maximal dreistöckigen Pyramide gestapelt werden. Sechs zufällig ausgeloste Aufgabenkarten geben die Bedingungen der laufenden Runde vor: Beispielsweise sollen exakt zwei schwarze Kugeln verwendet werden, grüne Kugeln müssen blaue berühren, blaue dagegen dürfen weiße nicht berühren, Grün darf nicht auf anderen Kugeln liegen, es müssen mehr orangefarbene als schwarze Kugeln verbaut werden usw.
Während die Sanduhr läuft, bastelt jeder Spieler an der optimalen Lösung. Für jede verwendete Kugel gibt es anschließend einen Punkt. Jeder Regelverstoß zählt zwei Minuspunkte. Wer fehlerlos geblieben ist, kann obendrein bis zu zwei Bonus-Chips gewinnen. 1. wenn er alle Farben verwendet hat, 2. wenn er nicht die meisten Kugeln verbaut hat. Die Chips werden bei Spielende nach einer Tabelle gegen Punkte eingetauscht. Viele Chips zu sammeln, lohnt sich ganz unbedingt.

Was passiert? Spontan passiert erst mal das, was auch bei ULURU passiert: Alle knobeln eifrig vor sich hin, kombinieren, probieren, geraten vielleicht ein bisschen in Stress und haben durchaus Spaß.
Das kann sich ändern, sobald die Bedeutung der Bonus-Chips klar wird. Es lohnt sich nämlich nicht, möglichst viele Kugeln in der Pyramide unterzubringen. In dem Fall bekommt man vielleicht einen oder zwei Punkte mehr als die Konkurrenz – aber höchstens einen der zwei Bonus-Chips. Und wer alle möglichen Bonus-Chips abräumt, steht am Schluss trotz weniger Punkte durch Kugeln besser da.
Also beginnt man, bei den anderen Spielern abzugucken, wie viele Kugeln sie verbauen, und einfach eine weniger zu verwenden. Oder – falls die Hände vor das Bauwerk gehalten werden – erfüllt man die Aufgabe mit dem absoluten Kugel-Minimum. Ungünstigerweise werden die Aufgaben bei dieser Spielweise sogar leichter. Wer intuitiv so spielt, dass er dem vermeintlichen Spielgedanken folgt und möglichst viele Kugeln aufstapelt, ist der Dumme. Die Bonus-Chip-Regel zerstört das Spiel.
Zwei weitere Beobachtungen fallen da schon gar nicht mehr sonderlich ins Gewicht: 1. Die Bedingung „x und y müssen sich berühren“, sorgt immer wieder für Verständnisschwierigkeiten, weil die grafische Gestaltung der Karte suggeriert, der Auftrag erfordere, dass man x und y einsetzen muss. Tatsächlich gilt die Bedingung nur, falls man x und y einsetzt. 2. Viele Aufgabenstellungen sind nicht knifflig genug. ULURU war da abwechslungsreicher und packender.

Was taugt es? Aufgrund der optischen Aufgeräumtheit, der Schönheit des Materials und der Dreidimensionalität versprach ich mir von DIMENSION, es könnte ein noch besseres ULURU sein. Tatsächlich liefert DIMENSION ein trauriges Beispiel dafür, wie eine einzige unglückliche Regel (die womöglich zur Unterstützung weniger talentierter Knobelkünstler gedacht war?) ein Spiel ruinieren kann. Das sieht inzwischen auch der Autor so und hat auf boardgamegeek eine Regeländerung bekannt gegeben. Zu spät. Denn die Spiele sind trotzdem nun mal so, wie sie sind.

DIMENSION von Lauge Luchau für zwei bis vier Spieler, Kosmos.

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