Mittwoch, 15. April 2015

Vor 20 Jahren (28): Intrige

Vor 20 Jahren lebte ich in einer WG direkt unter dem Dach in der vierten Etage eines Altbaus mit sehr hohen Decken. Bis nach oben musste man exakt 100 Stufen bewältigen, so dass man sich unterwegs längst im fünften oder sechsten Stock wähnte.
Wenn es im Sommer sehr heiß war (und in den beiden Sommern, die ich dort wohnte, war es selbstverständlich brütend heiß), hätten sich einige meiner Gäste nach dem Aufstieg gleich unter die Dusche stellen können. Ich erinnere mich an einen Besucher, der mir noch beim Überschreiten der Türschwelle mit „Ah, danke!“ eine Flasche Mineralwasser aus der Hand riss, sich an den Mund setzte und ohne abzusetzen wegsoff.

Erinnerungen sind oft an Orte geknüpft, und so sind mir noch einige Spielepartien präsent, die definitiv in dieser Wohnung stattgefunden haben. Zum Beispiel jene, als ein Freund und ich zwei junge Frauen einluden und mit ihnen EXTRABLATT spielten. Hinterher sagte eine von beiden, sie hätte das Spiel „saulangweilig“ gefunden. Was mich als Schmiel-Fan seinerzeit sehr irritierte.
Aus heutiger Sicht irritiert mich eher etwas anderes: Wir laden zwei Frauen ein – und spielen mit ihnen EXTRABLATT?!


Der obige Bildausschnitt zeigt einen Teil meiner Spielesammlung im Jahr 1994. EXTRABLATT besaß ich zu diesem Zeitpunkt offenbar noch nicht. Aber INTRIGE. (Die rote Schachtel auf dem vierten Stapel von links.)
Dieses Spiel sorgte seinerzeit für Furore. Der spielbox-Rezensent vergab 1 (!) Punkt mit der Begründung, ausschließlich Sympathie entscheide über den Ausgang. Ein anderer Rezensent (9 Punkte) schrieb ein Heft später eine Erwiderung. Und in Essen fand sogar eine Podiumsdiskussion zum Thema „Gemeine Spiele“ statt.

Auch in meinem WG-Zimmer unter dem Dach spielten wir INTRIGE. Weil ich nicht genug Stühle besaß, musste einer – Dirk – auf einem Sessel sitzen, den wir mit irgendwelchen Holzstücken aufgebockt hatten, damit Dirk einigermaßen über die Tischplatte gucken konnte. Mit von der Partie war außerdem ein als sehr aufbrausend bekannter Zeitgenosse. Und der meckerte nach einigen ersten Misserfolgserlebnissen bereits herum.

Als sich der Motzer in dem von Dirk regierten Fürstentum (oder was auch immer man in INTRIGE regiert) auf einen besetzten Posten bewarb, bestach der Amtsinhaber Dirk mit einer exorbitanten Summe Schmiergeld. Der Motzer wollte daraufhin gar nichts mehr zahlen. Er glaubte, keine Chance zu haben und sowieso in die Wüste geschickt zu werden.
Dirk aber redete ihm gut zu: „Musst nicht viel geben. Ich will neue Gesichter sehen...“ Also schob ihm der Motzer grummelnd doch ein paar Scheine zu – und wurde von Dirk postwendend in die Wüste geschickt.

Noch mal kurz die Begleitumstände: 1. Dirk saß auf einer kippligen Konstruktion. 2. Sein Opfer war als sehr empfindlich und als schlechter Verlierer bekannt. Leicht hätte also ein Mord oder zumindest ein hässlicher Unfall geschehen können.
Aber wir anderen mussten ob der Situationskomik so schallend loslachen, dass selbst der Motzki mit einstimmte. Natürlich hat er INTRIGE trotzdem nie wieder angepackt, so wie er überhaupt viele Spiele nur ein einziges Mal spielte, weil sie alle doof waren. Aber das ist eine andere Geschichte.

Vor 20 Jahren (27): Die Siedler von Catan
Vor 20 Jahren (29): Was sticht

5 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vielen Dank für diesen wirklich herrlich erfrischend geschriebenen Blog!
Der ist so herrlich erfrischend geschrieben, dass ich nicht nur täglich vorbeischaue, sondern den heutigen Beitrag sogar gleich zweimal gelesen habe, wobei ich aus dem Lachen kaum herauskam.

Konrad D.

Joe Lionheart hat gesagt…

Ich LIEBE Intrige (und hatte auch schon die Ehre, es mit seinem Autoren zu spielen). Leider kann ich selten Mitspieler dafür gewinnen. Vermutlich verstehen sie alle nicht, dass dieses Spiel FUNKTIONIERT! :-)

Tom hat gesagt…

Hihi, das klingt wirklich amüsant!

Da ich es gerade auf dem Bild entdeckt habe: Ich finde so wenig zu Diplomacy im deutschsprachigen Raum. Ist das Spiel die mE horrende Einarbeitungszeit für alle Spieler wert?

Udo Bartsch hat gesagt…

Die Einarbeitungszeit bei Diplomacy sehe ich nicht als das Problem an. Aber die Spieldauer. Hier eine alte Geschichte zu Diplomacy.

Tom hat gesagt…

Ah, super, danke!

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