Sonntag, 19. Juli 2015

Vor 20 Jahren (31): Geister

hm, ist wohl längere Zeit nicht in Gebrauch gewesen
Besonders gute Erinnerungen habe ich an bestimmte Übergangsphasen in meinem Leben. Zum Beispiel an die Monate zwischen Abitur und Studienbeginn oder an die Monate zwischen Zuvieldienst und Referendariat. Dass dies tatsächlich Monate waren, verdankte ich der (höflich ausgedrückt) vorwiegend gewinnorientierten Arbeitsorganisation meiner damaligen Dienststelle.

Wir Zivis wurden erstens für Dinge eingesetzt, die wir allein gar nicht hätten machen dürfen. Zweitens waren von den drei Zivi-Stellen mehrere Monate lang nur zwei besetzt. Das bedeutete, dass jeder Zivi jedes zweite Wochenende Dienst hatte (ohne Freizeitausgleich unter der Woche), was wiederum bedeutete, dass sich bei beiden unglaublich viele Überstunden ansammelten.

Wir wurden vertröstet, wenn erst der dritte Zivi komme, werde sich alles wieder regulieren. Aber der dritte Zivi kam nicht.
Und trotz vollgestopftem Dienstplan: Sobald sich ein neuer Patient anmeldete, der gute Einnahmen versprach, fanden wir zu unserem Erstaunen im Übergabebuch den hingekritzelten Befehl, dass von nun an montags bis freitags auch Herr XY noch je eine halbe Stunde unterzubringen sei. Wäre ich damals nicht schon Zyniker gewesen, hätte ich es werden können.

So geschah es also, dass mein Zuvieldienst schon zwei Monate vor dem eigentlichen Ende endete, weil ich meine Überstunden abfeierte und den Resturlaub nahm. Und so wiederum kam es zu dieser langen, schönen Übergangsphase, in der ich die Beine hochlegte und nicht viel tat. Eigentlich gar nichts. Und genau das war ja das Schöne.

Noch während des Zuvieldienstes hatte ich im Schaufenster eines Gebrauchtwarenladens für Kinderbedarf GEISTER entdeckt und das Spiel erworben. Ich kannte es noch aus meiner frühen Jugend und wusste, dass es ein gutes Spiel war – außer man verlor zu oft.

Ich erinnere mich nun an einen Sommerabend, irgendwann in dieser lauen Übergangsphase: Mit meinem damals besten Spielekumpel radelte ich zu den Badeteichen. Wir schwammen eine Runde, hinterher kam mein neues gebrauchtes GEISTER auf den Rasen. Diesmal war es genau anders herum als 15 Jahre zuvor. Diesmal war ich derjenige, der dauernd gewann. Und mein Gegenüber verzweifelte und entwickelte eine zunehmend GEISTER-kritische Haltung.

In meiner Erinnerung haben wir fast zwanzig Partien gespielt. Allerdings habe ich bereits damals meine gespielten Spiele notiert. Und ein Blick in meine Aufzeichnungen zeigt mir heute: Es waren bloß sieben. Wie erbärmlich! Eine meiner gefühlt größten Siegesserien verpufft bei näherem Hinsehen zur Bedeutungslosigkeit!

Vielleicht war also gar nicht immer alles so toll, wie man sich das hinterher zurechtlegt. Vielleicht waren selbst die vermeintlich schönen Übergangsphasen nur in der Rückschau entspannt, während man damals voller Unruhe schon ans drohende Referendariat dachte: In welche Stadt wird es mich verschlagen? Komme ich mit den Schülern klar? Wird die Jugend an meinen Lippen hängen, während ich die coolsten Geistergeschichten von den Stränden dieser Erde erzähle, oder muss ich für meine Prahlereien etwa extra ein Blog aufmachen?

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