Dienstag, 18. August 2015

Sankt Petersburg

Ein bisschen erinnert es an naive Malerei, ein bisschen an Heiligenbildchen; die Striche sind schief, und nicht immer stimmen die Proportionen. Aber egal. Die von Doris Matthäus gestaltete erste Ausgabe von SANKT PETERSBURG besitzt Retro-Charme. Weshalb es mir schwer fällt, mich davon zu trennen, obwohl es mittlerweile eine deutlich reichhaltigere Neuauflage gibt.
Und um genau die geht es hier. – Verrückt! Ich muss mich selber loben, wie toll ich diese Einleitung direkt ins Ziel geschossen habe.

Wie geht SANKT PETERSBURG? So leid es mir tut: Die strikt elitäre Herangehensweise dieses Blogs und meine Faulheit verbieten es, das zu erklären. Wer SANKT PETERSBURG nicht kennt, sollte es sich einfach kaufen – und fertig.

Was bietet die Neuauflage?
1. Damit jetzt auch fünf Spieler mitmachen können, sind zusätzliche Karten im Spiel. Während einer Marktphase erwirbt man Dinge wie Salat oder Hühner. Es gibt fünf solcher Waren-Kategorien, und in jeder davon erfolgt eine Mehrheitswertung. Nebenbei trägt dieses neue Element zum Feinschliff des Gesamtspiels bei. „Schiffsbauer“ und „Markt“ bringen nun auch Mehrheiten-Symbole mit, was diese oft unattraktiven Karten etwas aufwertet.
Allerdings verändert das Marktgeschehen auch den Spielcharakter. Die Fragen, die SANKT PETERSBURG bislang so lang spannend machten (Wann ist der Zeitpunkt, um vom Geldsammeln aufs Siegpunkte-Sammeln umzusteigen? Lieber viele Adlige oder starke Gebäude?), treten in den Hintergrund. Die Strategien nivellieren sich. Man muss beim Markt mitmachen; sonst entgehen einem zu viele Punkte. Aus Geldmangel entstehen daraufhin weniger imposante Adeligen-Sammlungen, weniger spektakuläre Gebäude-Ensembles.
2. Auch am alten SANKT PETERSBURG hatte ich ein paar Dinge auszusetzen. Nach meinem Empfinden war die Adeligen-Strategie zu oft überlegen, der frühe Erwerb einiger Schlüssel-Karten (vor allem: Hofmeisterin) zudem vorentscheidend. Das neue SANKT PETERSBURG nimmt sich der Sache an; die problematischen Karten wurden in ihren Werten ein bisschen verändert. Außerdem liegt als eines der sechs Module„Das Bankett“ bei, das die Gebäude-Strategie gegenüber der Adeligen-Strategie gelungen aufwertet.
Allerdings braucht es für all dies nicht unbedingt das neue Spiel. Schon vormals gab es Austauschkarten sowie „Das Bankett“. Für Besitzer der Erweiterung IN BESTER GESELLSCHAFT & DAS BANKETT reduziert sich der Vorteil des neuen SANKT PETERSBURG an dieser Stelle darauf, dass die zusätzlichen Karten nicht mehr anhand ihrer Rückseiten zu unterscheiden sind.
3. Darüber hinaus bietet das neue SANKT PETERSBURG noch vier bislang unveröffentlichte Module, die – um es sehr kurz zusammenzufassen – nicht groß stören, sich aber auch nicht aufdrängen. Am besten gefallen mir „Die Hürden“ und „Die Aufträge“. Die anderen beiden werde ich wohl nicht mehr einsetzen.

Muss man das haben? Ja! Ganz zweifellos muss man SANKT PETERSBURG haben. Aber soll es nun die neue Ausgabe sein, genügt die alte oder braucht man gar beide?
Ich finde: Wer die alte Version inklusive der Erweiterung hat, braucht die neue nicht. In keiner meiner Runden hat sich der Markt etabliert. Im Gegenteil sagen alle: „Nächstes Mal bitte wieder ohne!“
Wenn eine Gruppe sehr häufig SANKT PETERSBURG spielt, kann es interessant sein, von Partie zu Partie ein paar Kleinigkeiten zu verändern. Die Module erlauben, das Spiel dem Gruppengeschmack anpassen. Was einem nicht gefällt, lässt man weg. Die gestiegene Variabilität wäre somit fast doch das Killer-Argument gegen die alte Ausgabe – wäre nicht bei der neuen grafisch manches schlechter gelaufen. So sehr mir das neue Artwork generell gefällt (die Karten mehr als das Cover): Mich stört, dass einige Köpfe arg nach Photoshop aussehen. Und noch mehr stört mich, dass die Überbaukarten nur schwer als solche zu erkennen sind.
SANKT PETERSBURG ist eins meiner Lieblingsspiele. Nach mehr als 150 Partien wäre das Label „genial“ sicher angebracht. Eine in jeder Hinsicht gelungene Neuausgabe hätte ich begeistert begrüßt. Diese aber lässt mich zwiegespalten.

SANKT PETERSBURG von Bernd Brunnhofer und Karl-Heinz Schmiel für zwei bis fünf Spieler, Hans im Glück.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Vor der selben Wahl stand ich letztens auch - das alte, von Franz Vohwinkel sehr hübsch gestaltete 'Kardinal und König' oder das weniger hübsche, überarbeitete, besser ausgestattete 'Han'? Jetzt ist Han im Gegensatz zur St.Petersburg-Neuauflage (zumindest die Karten) nicht direkt hässlich, aber etwas unbefriedigend war die Entscheidung trotzdem...

SpaceTrucker

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