Freitag, 17. März 2017

Ein Fest für Odin

ARLER ERDE (ebenfalls Feuerland, ebenfalls Uwe Rosenberg) lag ein 36-seitiger Almanach über Ostfriesland bei, der das Spiel für meine Begriffe noch ein Stück aufgewertet hat.
EIN FEST FÜR ODIN kommt nun mit 20-seitigem Almanach daher, für den dasselbe gilt. Im Prinzip. Jedoch steht genau das nicht drin, was mich am meisten interessiert hätte: warum die Wikinger auszogen, um Puzzleteile zu erobern. Genau das tun sie nämlich, und da sind wir schon mitten im Thema ...

Wie geht EIN FEST FÜR ODIN? Es ist ein Arbeitereinsetzspiel. Und es ist ein Puzzlespiel. Jeder Spieler besitzt einen Heimatplan mit 143 Feldern. Die sollten bis Spielende mit Teilen abgedeckt sein, denn freie Felder zählen Minuspunkte.
Teile gibt es in Größen von zwei bis 13 Feldern und in den Farben orange, rot, grün und blau, was zugleich eine Hierarchie darstellt. Blau ist am wertvollsten. Nur Blau und Grün dürfen auf dem Heimatplan abgelegt werden, Grün darf dabei aber nicht Grün berühren.
Rote und orange Teile kann man über Aktionen farblich aufwerten oder gegen bessere Teile tauschen. Und man kann sie für die Ernährung der eigenen Sippschaft nutzen. Und man kann weitere (kleinere) Puzzleflächen erwerben, auf denen teilweise auch Orange und Rot abgelegt werden dürfen. Allerdings haben auch diese Ablagepläne Felder, die Minuspunkte zählen, falls sei frei bleiben.
Beim Puzzeln muss man sich entscheiden zwischen schnell oder langsam sowie grob oder filigran. Schnelles Puzzeln bringt ein höheres Einkommen. Doch was liegt, das liegt. Und einen Durchgang später hätte man vielleicht bessere Teile gehabt, um Blau und Grün so anzuordnen, dass man mit optimal wenig Blau auskommt. Grobes Puzzeln bedeutet, die Fläche einfach zuzubetonieren. Filigran wäre, Felder mit Rohstoff-Symbolen auszulassen und komplett zu umschließen. Dann nämlich erhält man diesen Rohstoff als regelmäßiges Einkommen.
Kurz zum Arbeitereinsatz: 61 Felder stehen zur Auswahl. Sie erfordern zwischen einem und vier Figuren. Mit sechs Wikingern startet man; am Ende des Spiels hat man zwölf. Der Aspekt, einander Aktionen wegzuschnappen, spielt keine so große Rolle. Eher besteht die Herausforderung darin, sich zwischen den vielen verlockenden (und zunächst auch erschlagenden) Optionen sinnvoll zu entscheiden.
Die Aktionen bringen Puzzleteile. Oder verbessern Puzzleteile. Oder sie bringen Rohstoffe, die wiederum Zahlungsmittel für andere Aktionen sind. Oder sie bringen Ablagepläne. Oder sie bringen Schiffe, die ebenfalls für manche Aktionen die Voraussetzung darstellen. Vom Walfang über Plünderung bis Auswanderung ist das thematisch alles sehr gut verankert. Bei manchen Aktionen entscheidet ein Würfel über Erfolg und Kosten. Und, ach ja, damit jeder Spieler seine Fähigkeiten individualisieren kann, gibt es auch noch Ausbildungskarten: gleich drei Decks, die ich-weiß-nicht-wie-viele Partien lang Abwechslung bieten.

Was passiert? Normalerweise erwerben wir in Spielen Dinge, die aufgrund ihrer Art oder Menge Siegpunkte zählen. Das ist vergleichsweise direkt. In EIN FEST FÜR ODIN erwerben wir Puzzleteile, deren Wert intuitiv schwer zu ermessen ist. Jedes Ding hat eine Farbe, eine Form, eine Größe. Manche Puzzleteile sind Teil einer Tauschkette, andere eignen sich gut für den Einsatz in der Ernährungsphase. Kurzum: Am Anfang fühlt sich EIN FEST FÜR ODIN arg abgehoben an, weil man kaum abschätzen kann, was man da eigentlich tut. Selbst die Erfahrung aus anderen Spielen hilft nicht so sehr weiter, weil man (oder ich zumindest) so etwas zuvor noch nie gespielt hat. Mein Ersteindruck war: Das ist mir eine Abstraktionsebene zu viel.
Es wird dann aber besser. Durch Ausprobieren beginnt man ein Gefühl für all das zu entwickeln. Man fängt an, Pläne zu machen. Man wird sogar so übermütig, sich zusätzliche Ablagepläne zu kaufen, und stellt euphorisiert fest: Hey, die bekomme ich ja auch noch vollgepuzzelt!
So entwickelt sich EIN FEST FÜR ODIN schließlich doch wieder zu einem dieser Spiele, bei denen man mal so, mal anders spielen möchte, durch irgendwelche Umstände daran gehindert oder durch anderweitige Verlockungen vom ursprünglichen Plan abgelenkt auf eine andere Bahn geführt wird.
Man will lernen, man will besser werden. Das macht Spaß, auch solo. Das Erwerben und Anhäufen von Dingen, das Basteln mit Puzzleteilen und das Gefühl, ganz viele Optionen zu besitzen, bewirken ein grundsätzlich positives Spielerlebnis.
Im Vergleich mit anderen Rosenberg-Brocken ist EIN FEST FÜR ODIN für mich trotzdem nicht ganz oben mit dabei. Andere Spiele sind runder, verdichteter, mehr auf den Punkt. Hier hingegen wurde recht viel ins Spiel hineingeschüttet. Die schiere Menge geht auf Kosten der Intensität. Ich mache alles ein bisschen, aber nichts so richtig. Und: Auch wenn man sich an die zusätzliche Abstraktionsebene gewöhnt; sie ist trotzdem da. Eine Geschichte erlebe ich in EIN FEST FÜR ODIN nicht.

Was taugt es? Ausdrücklich loben, nein: geradezu bejubeln möchte ich die redaktionelle Leistung. Der Verlag hat sich sehr intensiv Gedanken gemacht, wie er das Spiel optimal präsentiert. Die Spielregel inklusive Anhang zum Nachschlagen ist sehr gut aufgebaut und sehr klar. Dass die Puzzleteile in Sortierkästen und nicht etwa in Plastiktütchen untergebracht sind, erhöht Übersichtlichkeit, Spielverständnis und ganz enorm den Spielkomfort. Und spart viel Platz auf dem Tisch. Bravo! Und danke!
In EIN FEST FÜR ODIN stecken viele neue Ideen, auch viele gute neue Ideen. Das Spielkonzept als solches finde ich packend, wenn auch nicht ganz so packend wie bei manch anderem Rosenberg-Spiel. Ich bin gespannt, ob Uwe Rosenberg EIN FEST FÜR ODIN mit künftigen Puzzle-Spielen noch toppen kann. Dass der Mechanismus weiter durchdekliniert werden wird, halte ich für eine ausgemachte Sache.

EIN FEST FÜR ODIN von Uwe Rosenberg für einen bis vier Spieler, Feuerland.

2 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Mit den extrem vielen Feldern für die Wikinger (und wenig Wettbewerb darum) und ansonsten viel Tätigkeit auf dem Tableau klingt das für mich ziemlich solitär, so als würde man eher sehr friedlich nebeneinander herspielen und ziemlich wenig vom Gegner mitbekommen - außer seiner Endpunktzahl.
Eher noch "solitärer" als etwa ein Russian Railroads, bei welchem die zwar auch jeder auf seinem Tableau bastelt, aber wo ich die guten Felder zumindest als recht knapp knapp und umkämpft empfunden habe? Oder täuscht der Eindruck?

Danke für die Rezension!
SpacTrucker

Udo Bartsch hat gesagt…

Manche Felder sind schon ziemlich begehrt. Einen solitären Charakter hat Odin trotzdem. Der Vergleich mit RRR ist nicht ganz einfach. Bei RRR muss man manchmal einen längeren Mitspieler-Zug mit all seinen komplexen Kettenreaktionen abwarten. Bei Odin kann man parallel puzzeln, sofern das Vertrauen besteht, dass alle dies regelkonform tun.

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