Dienstag, 12. September 2017

Lorenzo der Prächtige

Eines Tages gab es das Arbeitereinsetzspiel. Man stellte seine Figur auf ein Spielfeld und machte, was dort zu machen war. Dann gab es das Würfeleinsetzspiel. Jetzt setzte man Würfel ein, und ihre Augenzahl bestimmte darüber, wie stark oder schwach man machte, was zu machen war. Wenn manche Spieler besser würfelten als andere, konnte das ungerecht sein. Und um dieses Problem zu umgehen, gibt es nun LORENZO DER PRÄCHTIGE.


Wie geht LORENZO DER PRÄCHTIGE? Jeder besitzt vier Arbeiter. Den Arbeitern sind in jedem Durchgang zufällige Augenzahlen zugeordnet. Aber: bei jedem Spieler dieselben. Ein Würfelwurf zu Beginn des Durchgangs bestimmt darüber. Und so gibt es Durchgänge mit allerseits starken oder allerseits schwachen Arbeitern, aber alle Spieler müssen gleichermaßen damit zurechtkommen.
Wozu dienen die Arbeiter? Man setzt sie ein, um Karten zu kaufen. Die gibt es in vier Farben. Punkte zählen sie irgendwie alle. Aber jeder Kartentyp bietet andere Vorteile: Vereinfacht gesagt, bringen violette Karten einen kräftigen Soforteffekt, blaue Karten attraktive Dauereffekte, Doppelzüge oder Punkteboni. Und grüne und gelbe Karten bringen Erträge, wenn man eine Figur für die Aktionen Ernte oder Produktion einsetzt.
Um grüne oder gelbe Karten auf diese Weise ausschütten zu lassen, benötigen Arbeiter allerdings eine bestimmte Augenzahl. Für manche Karten muss es eine Fünf oder Sechs sein, für andere genügt weniger. Und auch der Erwerb von Karten kostet nicht bloß GeldHolzStein. Je nach (zufällig ausgeloster) Karten-Position auf dem Spielplan muss ein Arbeiter mit mindestens einem, drei, fünf oder sieben Würfelpunkten anmarschiert kommen. Weil aber nicht immer so hoch gewürfelt worden ist (im Falle der Sieben: eigentlich nie), darf man Diener hinzubezahlen, die den Wert der Arbeiter erhöhen. Und damit man nicht so schnell in Sackgassen gerät, gibt es noch Einsatzfelder, um Diener oder Geld zu erhalten oder um die Spielerreihenfolge zu verändern.
Wichtig, weil bedrohlich, ist die Glaubens-Skala. Wer nach zwei, vier und sechs Durchgängen hier nicht einen bestimmten Wert erreicht, wird übel bestraft. Bei Abwehr der Strafe wird der eigene Stein wieder auf Null gesetzt, und die Sammelei von Glaubenspunkten beginnt ganz von vorn. Manchmal mag es deshalb klüger sein, eine oder mehrere Strafen bewusst in Kauf zu nehmen.


Was passiert? LORENZO hat den typischen Thrill von Arbeitereinsetzspielen. Man kommt sich schnell in die Quere. Deshalb stellen sich Fragen wie: Welche Aktion ist wichtig für mich? Wo muss ich zuerst hin? Was kann noch eine Runde warten? Eine Ernte ist natürlich viel schöner, wenn man vorher noch eine weitere grüne Karte erwirbt, die dann ebenfalls mit ausschüttet. Allerdings muss man, um die Karte überhaupt nehmen zu dürfen, erst noch die eigene Militärstärke erhöhen, dann holt man sich die Karte und dann … ist vielleicht das angepeilte Ernte-Einsetzfeld blockiert.
Alle Karten sind toll. Jeder Zug, der keine Karte bringt, fühlt sich ein bisschen falsch an. Doch ohne Hilfszüge, um auch mal Material zu holen, geht es nicht. Und so rechnet man, wie das Bestmögliche herauszuschlagen ist, und hofft, dass nicht andere denselben Plan verfolgen und den Tempoverlust beim etwaigen Hilfszug ausnutzen, indem sie sich die angepeilte Karte selber schnappen. Und zugleich sitzt einem die Kirche im Nacken. Irgendwo müssen dringend und möglichst nebenbei noch ein paar Glaubenspunkte her.
Als Kehrseite ergibt sich aus alldem, dass Spieler mit Schwierigkeiten bei der Entscheidungsfindung den Ablauf ziemlich verzögern können. LORENZO ist ein auffallend rechenintensives Spiel. Ich habe noch keine Partie erlebt, in der nicht irgendwann irgendwem aufgefallen wäre, dass er eine Kleinigkeit vergessen hat, seinen Spielzug deshalb gar nicht bezahlen kann und leider alles zurücknehmen muss. Meistens passiert so etwas sogar mehrfach pro Partie.


Was taugt es? LORENZO hat ein austauschbares Thema und ist auch nicht sonderlich neuartig. Es ist mal wieder eines der vielen Spiele, in denen man auf Skalen voranmarschiert, Dinge gegen andere Dinge tauscht und am Ende Siegpunkte dafür gewinnt. Weil ich derartige Spiele in den vergangenen Jahren vielleicht ein bisschen zu häufig gespielt habe, war mein erster Eindruck: solide.
Doch im Vergleich mit dem von mir als „solide“ bewerteten YOKOHAMA, finde ich LORENZO dann doch stärker, weil die Verdichtung hier besser gelungen ist. LORENZO hat eine klare Grundidee, die eine gesamte Partie lang trägt. Man setzt sechsmal seine vier Figuren ein. Auf diese 24 Spielzüge kommt es an. Das macht LORENZO sehr spannend. Man fiebert sehr intensiv mit, welche Karten und Felder die anderen Spieler okkupieren.
Die Profiversion macht das Spiel irritierenderweise etwas leichter. Jeder Spieler hat nun vier Zielkarten, die, sofern erfüllt, tolle Boni bringen. Alternativ darf man Zielkarten auch einfach abwerfen und erhält dann ein Geschenk nach Wahl, zum Beispiel einen Glaubenspunkt, was der Kirche etwas ihren Schrecken nimmt. Obendrein erhöhen diese Karten den Glücksfaktor. Zwei oder gar drei Ziele zu besitzen, die sich gut ergänzen, ist unbestritten ein Vorteil. Dennoch bevorzuge ich das Profispiel, weil die Zielkarten den Spielern entgegen dem üblichen Stiefel eine Entwicklungsrichtung nahelegen, die sie normalerweise vielleicht nicht ausprobiert hätten. Die Zielkarten variieren das Spiel recht gut.
Redaktionell ist aber nicht alles optimal. Die Symbolik ist uneinheitlich, die Spielregel lässt Zweifelsfälle offen und ist obendrein unübersichtlich. Beispielsweise wäre es äußerst hilfreich (und aus meiner Sicht auch extrem naheliegend) gewesen, die 20 Zielkarten in alphabetischer Reihenfolge zu erklären.


***** reizvoll

LORENZO DER PRÄCHTIGE von Virginio Gigli und Flaminia Brasini mit Simone Luciani für zwei bis vier Spieler, Cranio.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

"...finde ich LORENZO dann doch stärker, weil die Verdichtung hier besser gelungen ist."
Das liegt natürlich auch am Titel des Spiels! ;-)

Lorenz

Florian hat gesagt…

Wenn ich mir die Fotos so anschaue ... hast Du seit zwei, drei Wochen einen neuen Tisch, nämlich einen weißen?

Udo Bartsch hat gesagt…

Gut beobachtet, aber natürlich kann ich mir ohne Millionen keinen neuen Tisch leisten. Manchmal lege ich beim Fotografieren weißes Papier unter.

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