Dienstag, 14. November 2017

Azul

Auf das erste mir bekannte Froschreiterspiel folgt das erste mir bekannte Fliesenlegerspiel. Man kann es nicht anders sagen: Die innovativsten Spielwelten kommen derzeit aus Hamburg-Harburg.

Wie geht AZUL? Wir kacheln. Ein bisschen weil es schön aussieht. Vor allem weil es Punkte zählt. Jede Kachel bringt beim Platzieren mindestens einen Punkt. Ist sie Teil einer senkrecht oder waagerecht zusammenhängenden Gruppe, punkten alle Fliesen dieser Gruppe mit. Es lohnt sich also, angrenzend zu legen.
Zu Beginn jedes Durchgangs werden fünf bis neun „Manufakturen“ mit je vier zufällig gezogenen Fliesen bestückt. In der Sammelphase müssen die Spieler reihum Fliesen nehmen: immer alle einer Farbe, entweder von einer Manufaktur oder aus der Tischmitte. Bis alles weg ist. Nimmt man von einer Manufaktur, werden die restlichen Fliesen von dort in die Mitte verschoben.
Es wird aber nicht gleich losgefliest, sondern erst mal nur vorsortiert. Links des zu fliesenden Rasters befinden sich auf den Spielertableaus fünf Sammelreihen, die eine bis fünf gleichfarbige Fliesen fassen. Alle Steine, die man erhält, muss man in dieselbe Reihe packen. Alle, die nicht reinpassen, zählen Minuspunkte.
Am Ende des Sammelns und Sortierens wird gefliest. Aus allen komplett gefüllten Sammelreihen wird ein Stein waagerecht ins Raster auf das Feld seiner Farbe verschoben. Die anderen Steine gehen zurück in den Vorrat. Nicht komplett gefüllte Sammelreihen bleiben für den nächsten Durchgang liegen.


Was passiert? Mein Bestreben: möglichst viele, aber nicht zu viele Fliesen bekommen, und dann auch noch die passenden Farben. Kann ich zwei oder drei gleichfarbige Fliesen abgreifen, ist das fein. So fülle ich mir in einem Zug die 2er- oder die 3er-Reihe.
Aber wie ist es mit den längeren Reihen? Vielleicht erst mal was nehmen und später auffüllen? Oder hoffen, dass irgendwann vier oder fünf gleiche in der Mitte liegen? Nette Vorlagen dieser Art werden mit wachsender Spielerfahrung jedoch seltener. Zunehmend wird beobachtet, welche Fliesen die anderen Spieler brauchen. Und welche man deshalb sofort abgreifen sollte und welche noch liegen bleiben können.
Das Liegenlassen birgt auch Gefahren. Möglicherweise sammeln sich sechs, sieben, acht … Fliesen in der Mitte. Ist man derjenige, der sie nehmen muss, verursacht das schon mal Minuspunkte. Schmerzhaft viele sogar, kann man die Farbe nicht mehr in einer der langen Sammelreihen unterbringen.
Im Laufe der Partie schränken sich die Platzierungsmöglichkeiten ein. Wenn ich eine Sammelreihe mit Gelb begonnen habe, muss ich hier Gelb weitersammeln. Wenn ich in einer Reihe bereits Rot gefliest habe, darf ich hier nicht noch einmal Rot hinlegen. So ergeben sich Zwänge und Nöte. Je nachdem, wie aufmerksam die Runde ist und wie vergnüglich sie Destruktion findet, kann man ganz schön einen reingewürgt bekommen.
Manchmal auch eher zufällig oder willkürlich. Es kommt vor, dass man ganz bewusst eine nett gemeinte Vorlage baut („Mein linker Nachbar wird definitiv X nehmen, der nächste Y, und mir bleibt dann Z.“), doch aus irgendwelchen Gründen lässt irgendwer die ihm zugedachten Steine liegen, man kriegt am Ende nicht das Erwartete, und trotz aller Vorüberlegung schlägt die Aktion mit Minuspunkten ins Kontor. Weil AZUL nur eine halbe Stunde dauert, muss man so etwas mal ertragen können. Ohnehin kommt es selten so arg.


Was taugt es? Die Regeln von AZUL sind angenehm schlank, die Mechanismen sind unverbraucht, die Spielzüge interessant, und zum Finale hin wird es immer spannender.
Weil die 4er- und 5er-Sammelreihen natürlich langsamer voll werden, ähneln sich die Fliesenwände am Ende jeder Partie. Üblicherweise ist es oben recht voll, unten recht leer. Trotz Mehraufwand lohnt es sich aber, auch die langen Sammelreihen zu beackern. Komplett belegte Senkrechten und komplette Farben bringen fette Schlussboni.
AZUL erlaubt verschiedene Spielweisen: Einige Spieler sammeln vorsichtig, agieren eher in den kurzen Sammelreihen und konzentrieren sich darauf, möglichst oft angrenzend zu fliesen. Andere sammeln spekulativer, wollen schnell auch die 4er- und 5er-Reihen füllen, um sich Chancen auf die hohen Boni zu eröffnen.
Die zahlreichen Rückfragen meiner Mitspieler beweisen mir allerdings auch: AZUL ist nicht intuitiv. Dass Fliesen erst vorsortiert werden und wie sie vorsortiert werden und wie sie beim Platzieren dann Punkte zählen: In jeder Erstpartie gab es da Probleme. Manche Spieler (selbst geübtere) musste ich mehrmals korrigieren, weil sie ihre Punkte falsch berechneten. Man muss AZUL in allen Details lernen, man kann sich nichts herleiten, auch nicht wenn man selber seine gesamte Wohnung gefliest hat.
Bislang hat es aber nahezu jeder gern erlernt. Das sehr attraktive und ungewöhnliche Erscheinungsbild des Spiels hat einen starken Anteil daran.


***** reizvoll

AZUL von Michael Kiesling für zwei bis vier Spieler, Plan B Games.

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