Montag, 15. Juli 2019

Reykholt

Das Cover von REYKHOLT macht alles richtig: Es sieht wunderschön idyllisch aus, und als Autor steht Uwe Rosenberg drauf.

Wie geht REYKHOLT? REYKHOLT erinnert an VOR DEN TOREN VON LOYANG, ist aber deutlich einfacher. Es gewinnt, wer auf einer Skala am weitesten kommt. Um vorangehen zu dürfen, muss man vorgegebene Mengen gleicher Waren bezahlen, für den ersten Schritt eine Tomate, für den zweiten Schritt einen Salat usw. bis hin zu sechs Möhren für den (hypothetischen) 30. Schritt.
Tückisch ist, dass die Waren zugleich als Saatgut dienen. Ich erwerbe im Laufe des Spiels Gewächshäuser mit mehreren Beeten. Wenn ich aussäe, platziere ich auf einem leeren Beet ein Saatgut, die übrigen Beete füllt die Bank für mich auf. Am Ende jedes Durchgangs ernte ich aus jedem Gewächshaus eine Pflanze.
Das ist ein langsamer Vorgang, insbesondere wenn ich mittlerweile im schmerzhafteren Bereich der Abgabe-Skala angekommen bin, wo jeder Schritt drei oder vier gleiche Waren kostet.
Beschleunigend können meine Arbeiter eingreifen. Jeder Spieler hat drei. Und mit ihnen spielt man ein klassisches Arbeiter-Einsetzspiel auf 24 Einsetz-Feldern. Man bekommt Saatgut. Oder Gewächshäuser. Oder Saat-Aktionen. Oder Ernte-Aktionen außer der Reihe. Oder man erwirbt Spezialfähigkeiten, die für den Rest des Spiels gelten.


Was passiert? In REYKHOLT geht es um die richtige Balance. Ich will Waren produzieren und ausgeben, um so viele Schritte wie möglich zu machen. Aber ich muss haushalten. Spiele ich mich bei einer Sorte blank – in bestimmten Situationen kann das sinnvoll sein –, kostet es mich eine Arbeiteraktion, überhaupt wieder an Saatgut zu gelangen.
Das ist stimmig und logisch und die Abläufe sind gut überschaubar. Weniger überschaubar ist allerdings das Spielbrett. Trotz nachvollziehbarer Symbolsprache lassen sich die vielen optischen Informationen kaum erfassen. Anfänger irren auf dem ungeordneten Spielplan herum und müssen sich bei jedem einzelnen Feld wieder und wieder die Texte durchlesen, um zu verstehen, was sie dort tun können.

Diese Hürde lässt sich nehmen. Was dennoch bleibt, ist ein streng mathematisches Spielgefühl. REYKHOLT fühlt sich an, als würde ich ein Programm durchlaufen. Und ich habe den Eindruck, dass ein Computer den perfekten Zug viel besser ausrechnen könnte als ich.
Anders als bei zum Beispiel AGRICOLA, wo man auf bestimmte Aktionen giert, weil sich vielleicht neun Holz angesammelt haben, ist REYKHOLT eher ein Spiel kleiner, unauffälliger Vorteile. Beispielsweise besagt eins der Felder, dass ich mindestens dreimal aussäen darf. Was zweifellos besser ist, als nur einmal oder zweimal auszusäen. Und bin ich in der glücklichen Lage, dass niemand außer mir drei leere Gewächshäuser zum Aussäen hat, kann ich die Sache prima aussitzen und erst mal was anderes machen. Trotzdem wird kein Spieler total abgehängt: Erstens weil immer genügend sinnvolle Einsetzfelder für alle da sind, zweitens weil die Schritte auf der Skala immer teurer werden, was die Führenden bremst.


Was taugt es? Das Cover und das schöne Material täuschen: REYKHOLT versetzt in keine Idylle, sondern ist ein Spiel für Rechner und Optimierer. Weil es sehr auf den mathematischen Kern von Vermehrung und Abgabe reduziert ist, hat es nicht die Wärme und die Anziehungskraft anderer Rosenberg-Arbeiter-Spiele.


*** mäßig

REYKHOLT von Uwe Rosenberg für einen bis vier Spieler, Frosted Games.

Donnerstag, 11. Juli 2019

Showtime

Ein kleines Spiel zu Beginn: Ich nenne meine letzten drei Filme, dann kann sich jeder sein eigenes Bild über den Gelegenheitskinogänger Udo Bartsch machen: Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm, Gundermann, The Favourite.
Und weil dies eine Bonus-Rezension ist, hier als Bonus drei weitere Filme, die mich in demselben Zeitraum stark interessierten, die ich aber verpasste: BlacKkKlansman, The Sisters Brothers, Border.

Wie geht SHOWTIME? In drei nacheinander laufenden Filmvorstellungen will jeder Spieler seine Personenkarten optimal platzieren. Immer vier hat man zur Auswahl. Jede dieser Personen mag ein bestimmtes Filmgenre. Themengetreu bringt es Punkte, den Action-Fan tatsächlich in einen Haudrauf-Film zu setzen und nicht etwa in eine Schnulze.
Darüber hinaus zählt, auf welchen Plätzen die Personen sitzen (jeder Sitz hat einen Grundwert, die Mitte ist besser als außen) und welche Eigenschaften und Sitznachbarn sie haben. Linda Love ist beispielsweise besonders glücklich, wenn sie ein Liebespaar bildet, indem sie entweder neben einer anderen Linda Love oder neben Louis L’Amour sitzt. Nachbarn der Popcorn futternden Mia Mampf erhalten einen Abzug. Und wer hinter dem Sitzriesen Leo Lulatsch Platz nehmen muss, hat komplett abgelost.


Was passiert? Die bewusst klischeehaften und überspitzten Eigenarten der Personen sind lustig gewählt. Obwohl jede Karte anderen Regeln folgt, kommt man über das Thema schnell ins Spiel. Allerdings verbraucht sich der Gag enorm schnell und übrig bleibt ein Spiel, das kaum relevante Entscheidungen bietet.
Unter seinen vier Handkarten wählt man üblicherweise eine, die das aktuelle Filmgenre mag. Und welches der nach aktuellem Wissensstand beste Platz ist, lässt sich ebenfalls leicht ermitteln.
Zwei Personenkarten können andere Karten verdrängen. Das ist die einzige Spannungs- und Überraschungskomponente. Passiert einem dies, ist es eben Schicksal. Verhindern kann man es eh nicht, außer indem man jammert und lamentiert und darauf verweist, dass andere in Führung liegen.


Was taugt es? Die Spielgeschichte von SHOWTIME finde ich stärker als die in BEASTY BAR, das aus derselben Autorenwerkstatt stammt und ähnlich abläuft. Darüber hinaus sammelt SHOWTIME nicht viele Pluspunkte und der Spielreiz verfliegt schnell. Als Film wäre SHOWTIME eine harmlose Komödie, die einen hin und wieder schmunzeln lässt, aber nach wenigen Wochen aus den Kinos verschwindet.


*** mäßig

SHOWTIME von Anna Oppolzer und Stefan Kloß für zwei bis vier Spieler, Pegasus Spiele.

Sonntag, 7. Juli 2019

Senators

Auch beim „Tag der Brettspielkritik“ habe ich leider nicht gelernt, wie man Einleitungen schreibt.

Wie geht SENATORS? Wer am Schluss die meisten Senatoren hat, gewinnt. Senatoren kauft man für Geld, also braucht man Geld. Geld wiederum verdient man mit dem Einlösen von Warenkartensets (drei gleiche Zahlen oder drei einer Farbe oder am besten: drei aufeinanderfolgende Werte einer Farbe), also sammelt man tunlichst Karten.
Bin ich am Zug, wähle ich eine von drei Aktionsmöglichkeiten, zum Beispiel das Versteigern. Vier Karten aus dem Vorrat stehen nun zum Verkauf. Reihum machen die Spieler Gebote. Ich entscheide, ob der Höchstbietende kaufen darf (und mir das Geld zahlt) oder ob ich selber kaufe und das Geld dem Höchstbietenden zahle.
Irgendwann habe ich Sets und wähle dann wohl die zweite Aktionsmöglichkeit: Einlösen. Ich gebe Sets ab und / oder kaufe Senatoren.
Und dass SENATORS ein hinterlistiges Spiel ist, lehrt Möglichkeit drei: das Erpressen. Reihum mache ich jedem Spieler ein Gebot für eine seiner Karten. Entweder er verkauft sie mir zu diesem Betrag oder er zahlt mich aus und darf die Karte gnädigerweise behalten.


Was passiert? Besonders amüsant ist es, Mitspieler auf dem falschen Fuß zu erwischen. Gerade haben sie teuer ihre ultimative Wunschkarte erworben, hatten aber noch keine Gelegenheit zum Einzulösen. Mit der Drohung, das kostbare Set zu zerstören, kann man diesen Opfern noch mal prächtig Geld aus der Nase ziehen – oder tatsächlich das Set zerstören.
SENATORS ist hart und ungerecht. Wer am Boden liegt, kriegt gerne noch mal extra einen drauf. Mit Erfahrung lernt man, vorsichtiger zu spielen und sich nicht allzu angreifbar zu machen. Doch um zu gewinnen, muss man die sichere Deckung irgendwann verlassen. Denn SENATORS endet plötzlich.
Vor jedem Spielerzug wird immer eine Ereigniskarte aufgedeckt. Fünfmal ist der „Krieg“ im Stapel und der vierte von ihnen beendet das Spiel sofort. Und wer jetzt nicht die meisten Senatoren hat, gewinnt auch nicht. Es gibt keine Schlusswertung, es geht nicht um Senatoren, die man mittels wertvoller Karten oder großer Bargeldreserven hätte kaufen können oder wollen.
SENATORS verteilt Glück und Pech sehr großzügig. Glück: Man hat schnell ein wertvolles Set beisammen. Pech: Man hat angefangen, Oliven und Eisen zu sammeln und genau diese Karten tauchen nicht mehr auf. Glück: Man hat gerade Senatoren gekauft und prompt schüttet ein Ereignis eine Belohnung für Spieler mit vielen Senatoren aus. Pech: Man hat gerade Joker gekauft und prompt eliminiert ein Ereignis sämtliche Jokerkarten.
Allein schon der Zufall, wann SENATORS endet, kann Planungen und Bemühungen zunichtemachen. Um zu gewinnen, genügt es, nur einen kurzen Moment der Führende zu sein: beim Aufdecken des vierten Krieges. Dass der nächste Spieler in seinem Zug die Führung übernommen hätte, ist für die weitere Geschichtsschreibung vollkommen egal.
SENATORS beinhaltet also eine Menge Schicksal – aber eben auch jede Menge Thrill. Die Fallen und Gemeinheiten und die Möglichkeit, anderen Spielern direkt zu schaden, erzeugen ein besonders intensives Spielgefühl. Man bibbert mit. Jede Entscheidung erscheint wichtig. Jede Entscheidung kann nach hinten losgehen. Und hoffentlich hat noch keiner geschnallt, dass man hinterm Sichtschirm fast gar kein Geld mehr besitzt!

Dennoch gleitet SENATORS nicht in Willkür ab. Dass man Einfluss besitzt, zeigt sich schon daran, dass Anfänger fast immer Kanonenfutter sind. Es hilft, zu verfolgen, welche Karten andere Spieler sammeln. Wichtig ist zudem das Timing für die richtige Aktion zum richtigen Zeitpunkt. Und natürlich erfordert SENATORS als Versteigerungsspiel auch ein Gespür für das passende Gebot. Und okay: Glück braucht man auch.

Was taugt es? SENATORS erzeugt mit einfachen Mitteln zahlreiche Dilemmata und positive wie negative Emotionen. SENATORS fühlt sich deshalb besonders intensiv an. Wie man heutzutage so schön sagt: Es macht etwas mit einem. Einen ärgern zum Beispiel.


***** reizvoll

SENATORS von Haig Tahta und Rikki Tahta für drei bis fünf Spieler, Ferti.

Sonntag, 30. Juni 2019

Gern gespielt im Juni 2019

DETECTIVE – L.A. CRIME: Wie schmeckt eigentlich der Kaffee in L.A.?


GREAT WESTERN TRAIL – RAILS TO THE NORTH: Nie wieder mit Spielplan oben ohne.


CHAMPIONS OF MIDGARD: Trolle umhauen, Draugr umhauen, Monster umhauen. CHAMPIONS OF MIDGARD fasst das tägliche Wikinger-Einerlei recht gut zusammen.


DOWNFORCE: Aus immer wieder gegebenem Anlass möchte ich an §7 StVO erinnern: Endet ein Fahrstreifen, ist den am Weiterfahren gehinderten Fahrzeugen der Übergang auf den benachbarten Fahrstreifen im Reißverschlussverfahren zu ermöglichen!!!


FLAMME ROUGE: Fühlt sich wie echter Radrennsport an. Nur ohne Doping. Fühlt sich also doch nicht wie echter Radrennsport an.


SENATORS: Wo bleibt der verdammte Krieg, wenn man ihn braucht?




Freitag, 28. Juni 2019

Welcome To ...

… in meinem Fall: Nürnberg!

Wie geht WELCOME TO?
„Flip and write“ statt „Roll and write“. Drei Kartenpaare, bestehend aus Symbol- plus Zahlenkarte, werden aufgedeckt. Jeder wählt eines dieser Kartenpaare und nimmt daraufhin Eintragungen auf seinem Block vor.
Thematisch geht es um Neubausiedlungen im Amerika der 50er-Jahre. Der Block zeigt drei leere Straßenzüge. Die Grundstücke sind schon eingeteilt, sonst ist noch nichts passiert.
Die gewählte Zahl trägt der Spieler als Hausnummer auf einem der leeren Grundstücke ein. Alle drei Straßen müssen aufsteigend nummeriert werden. Das Symbol bringt irgendeinen Bonus, beispielsweise einen Pool. Pools zählen viele Punkte, zwingen allerdings dazu, die Nummer an einer ganz bestimmten Stelle der Straße einzutragen, also vielleicht die 11 neben der 14, wo man viel lieber eine 13 hingesetzt hätte.
Andere Symbole erleichtern die Eintragungen, zählen dann aber kaum Punkte oder gar Minuspunkte.


Was passiert? Erst mal gar nichts! Ich habe WELCOME TO immer mal wieder in meine öffentlichen Runden mitgenommen, und alle, die versucht haben, sich das Spiel selber zu erarbeiten, hatten massive Probleme. Entweder wurde WELCOME TO ungespielt wieder weggelegt oder ich wurde um Hilfe gebeten.
Die Anleitung will das Spiel thematisch statt technisch erklären. Was grandios misslingt, weil nicht mal die elementaren Abläufe klarwerden. An einigen Stellen fehlen zudem Bildbeispiele. Hier und da bleiben Detailfragen offen.
Gewiss, man kann sich heutzutage Hilfe im Netz holen, Erklärvideos ansehen, fremdsprachige Anleitungen herunterladen. Von einem analogen Spiel erwarte ich trotzdem, dass man es so, wie es geliefert wird, beginnen kann.


Was taugt es? Wenn man WELCOME TO endlich spielt, stellt sich tragischerweise heraus, dass das Spiel sogar recht gut ist. Der Thrill ergibt sich aus dem Widerspruch, hier und da viele Punkte herauskitzeln zu wollen, wobei sich leider die Möglichkeiten, Hausnummern einzutragen, immer weiter einengen. Kann man keine Karten-Kombi verwenden, setzt es Minuspunkte.
Vorsichtige Spieler halten also die Zahlenabstände klein. Zocker pfeifen drauf, nehmen lieber das punkteträchtigste Symbol und hoffen, dass es irgendwie trotzdem hinhaut. Drei öffentliche Aufträge geben eine Fokussierung vor und halten (weil es viele verschiedene Aufträge gibt) das Spiel variabel.
Zwar spielt man weitgehend solitär, aber zumindest das Wettrennen um die Aufträge und die Frage, wer wann das Spielende auslöst, sind Anlässe, um mal vom eigenen Blatt aufzuschauen und sich über die Spielfortschritte der Konkurrenz zu informieren.
Wirklich gut gefallen mir die Optik und wie es gelungen ist, dem Spiel ein stimmiges Thema zu verpassen. Und auch wenn die Anleitung nichts taugt: Theoretisch könnte ich das Spiel potenziellen Mitspielern ja einfach erklären und trotzdem genießen. Ich merke allerdings, dass ich dazu keine große Lust habe, denn insgesamt sind es mir zu viele Regeln und Kleinigkeiten, ohne dass WELCOME TO dem Genre Neuartiges hinzufügt. Es ist etwas taktischer und vielfältiger als vergleichbare Spiele. Aber der Reiz liegt dann doch im Zocken, und das können simplere Spiele auch. Selbst mit verständlicher Anleitung würde ich WELCOME TO lediglich bei „solide“ einstufen.


** misslungen

WELCOME TO von Benoit Turpin für einen bis hundert Spieler, Blue Cocker.

Freitag, 21. Juni 2019

Azul – Die Buntglasfenster von Sintra

Meine persönliche Befangenheit beim Thema Buntglasfenster hatte ich bereits bei SAGRADA zu Protokoll gegeben. Ich wiederhole meine Parole: People, lasst euch von diesem schönen bunten Schein nicht blenden!

Wie geht AZUL – SINTRA? AZUL – SINTRA benutzt denselben Mechanismus, um Steine zu erhalten, wie AZUL. Anders geregelt ist, wie die Steine verarbeitet werden und wie sie punkten.
Jeder Spieler besitzt acht zufällig kombinierte Pappstreifen, auf die je fünf Glassteine passen. Deren Farben sind vorgegeben. Wird ein Pappstreifen komplett gefüllt, gibt es Punkte für diesen und alle rechts von ihm liegenden Pappen, sofern sie zuvor ebenfalls schon gefüllt wurden. Der aktuelle Streifen wird umgedreht und kann ein zweites Mal beglast werden, jetzt in anderer Farbkombination.
Erhaltene Steine darf man immer nur auf einem Streifen ablegen, überzählige gehen in den Müll und zählen minus. Außerdem muss die Glaserfigur vor Ort sein. Sie darf für diesen Zweck beliebig weit nach rechts versetzt werden. Aber eben nicht nach links. Den Glaser ganz nach links zu ziehen, um wieder handlungsfähiger zu werden, kostet einen gesamten Zug, ist also wie einmal Aussetzen. Manchmal, wenn heftige Minuspunkte drohen, setzt man durchaus gerne mal aus.


Was passiert? Zunächst einmal checkt man wie bei AZUL die Manufakturen ab und schaut, wo sich auf einen Schlag möglichst viele passende Steine ergattern lassen. Was am besten weiterhilft, lässt sich bei AZUL – SINTRA allerdings weniger leicht ermitteln.
Effizient wäre es, den Glaser möglichst selten zurückzubewegen. Effizient wäre es außerdem, die Streifen exakt zu befüllen: Werden zum Beispiel vier gelbe Steine benötigt, dann am besten mit genau diesen vier und nicht so gern erst zwei und dann noch mal zwei. Was aber immer noch besser wäre als erst zwei und dann drei, von denen einer im Schrott landet.
Obendrein gibt es in jedem der sechs Durchgänge eine Superfarbe. Glassteine dieser Farbe zählen in Wertungen einen Extrapunkt. Ist es im dritten Durchgang blau, wäre es nicht schlecht, in den Durchgängen davor schon mal blaue Steine auf den Fensterstreifen anzusammeln und diese Streifen in Durchgang drei zu vollenden.
Knifflig ist schließlich noch eine gewisse Widersprüchlichkeit der Wertung: Die linken Streifen zählen mehr Punkte, was einem bei dem Plan, den Glaser links zu halten, entgegenkommt. Doch andererseits zählen die Wertungen ja noch mehr, wenn man zuvor auch weiter rechts schon was fertiggestellt hat, wozu wiederum auch der Glaser mehr herumwandern muss.


Was taugt es? In kleiner Besetzung habe ich mehrfach erlebt, dass bestimmte Glassteinfarben zwischenzeitlich von niemandem benötigt wurden (weil die entsprechenden Streifen gerade nicht auslagen), irgendwer sie aber nehmen musste und eine Riesenfuhre Minuspunkte bekam. Nach meiner Erfahrung gleicht das ursprüngliche AZUL zufällige Überangebote besser aus, weil die Sammelreihen nicht komplett festgelegt sind. So kann man eher auf eine nicht ganz so passende Manufaktur-Auslage reagieren. In AZUL – SINTRA schlug das Schicksal häufiger und eher willkürlich zu.
Der Nehm-Mechanismus macht in AZUL den besonderen Reiz aus und ist der Grund, warum ich gerne AZUL spiele. Lege- und Punktemechanismus sind herkömmlicher, runden das Spiel aber gelungen ab, und ich habe an dieser Stelle nie etwas vermisst.
AZUL – SINTRA fügt dem Nehm-Mechanismus etwas komplexere Lege- und Punktemechanismen hinzu. Für mein Empfinden ergibt sich daraus kein so sehr großer Vorteil, dass man deshalb ein neues AZUL braucht. Denn alles, was noch nebenher mitbedacht werden muss, lenkt letztlich auch vom so spannenden Hauptmechanismus ab. Er kann sich in AZUL gerade deshalb so gut entfalten, weil er mit keinem anderen Mechanismus konkurriert.
Weil der Hauptmechanismus auch in AZUL – SINTRA trägt und unbestritten gut ist und spannende Planungen und Entscheidungen erfordert, ist auch AZUL – SINTRA ein gutes Spiel. Aber weniger gut als AZUL. Außerdem weniger schön. Und weniger nötig.


**** solide

AZUL – DIE BUNTGLASFENSTER VON SINTRA von Michael Kiesling für zwei bis vier Spieler, Next Move.

Montag, 17. Juni 2019

Ohanami

Nee, sorry, eine Bonus-Rezension bekommt nicht auch noch eine Bonus-Einleitung. Also, irgendwo hört’s echt auf.

Wie geht OHANAMI? Wir draften. Jeder startet mit zehn Zahlenkarten, behält davon zwei, gibt den Rest weiter und so fort, bis alles verteilt ist. Behaltene Karten fügt man im Regelfall seinen Kartenreihen zu, seltener wirft man sie ab.
Jeder Spieler darf maximal drei Kartenreihen von jeweils 1 bis 120 bilden. Ich darf logischerweise immer nur vorne oder hinten verlängern. Bedeutet: Reicht eine meiner Reihen bereits von 28 bis 77, darf ich hier nur noch kleiner als 28 oder höher als 77 anlegen.
Diesen Ablauf spielen wir drei Durchgänge lang. Der Trick ist die Wertung. Nach dem ersten Durchgang punkten nur blaue Karten, nach dem zweiten zusätzlich auch grüne, nach dem dritten obendrein schwarze und rosafarbene.


Was passiert? Für die Wertung optimal wäre es, im ersten Durchgang nur blaue Karten zu spielen, im zweiten nur grüne, im dritten nur schwarze. Und ansonsten viele rosafarbene. Die bringen dann ordentlich Punkte, wenn man möglichst viele von ihnen gesammelt hat – was von den Mitspielern abhängt. Sammelt sonst keiner rosa, ist es ein Selbstläufer. Sammeln sonst alle rosa, kann man es vernachlässigen.
Wie zu befürchten war, klaffen Theorie und Praxis auseinander, weil man die Karten nicht in der gewünschten Farbe auf die Hand bekommt oder weil einem der Punktesprung – würde man beispielsweise an die 82 gleich die 40 legen – doch etwas arg erscheint.
Wirkliche Nöte durchlebt man in OHANAMI allerdings nicht. Meistens passt es, meistens muss man nicht lange überlegen, meistens macht man einfach.

Was taugt es? OHANAMI flutscht gut. Die Wertung ist klar und trotzdem clever. Man muss ein bisschen auf die Mitspieler achten. Das Spielgefühl ist angenehm, weil man sich meistens zwischen positiven Optionen entscheidet.
Die Kehrseite: So richtig spannend wird es selten. Probleme beim Ablegen treten kaum auf, man kann sich größere Zahlensprünge erlauben, als man zunächst glaubt. Ein bisschen mehr Abwägungen hätten gutgetan, um OHANAMI statt mechanisch spielerischer werden zu lassen. Zumal sich die Auswertung der Durchgänge im Verhältnis zur gesamten Spieldauer recht lange hinzieht.


**** solide

OHANAMI von Steffen Benndorf für zwei bis vier Spieler, Nürnberger-Spielkarten-Verlag.

Donnerstag, 13. Juni 2019

Werwörter

Kann man es anfassen? - Nein.
Ist es vom Menschen gemacht? - Ja.
Von einem bestimmten Menschen? - Ja.
Ein Mann? - Ja.
Deutscher? - Ja.
Gibt es das nur einmal? - Ja.
Ist es … öhm, vielleicht ein Blog? - Ja.
Verdient der Mann damit Millionen? - Fragezeichen.

Wie geht WERWÖRTER? Wir raten das Zauberwort. Na ja, nicht wir alle. Denn einige (Werwolf, Seherin, Bürgermeister) kennen das Wort bereits und tun allenfalls so, als würden sie raten. Und zumindest einer (der Werwolf) will gar nicht, dass es erraten wird. Aber vordergründig raten wir, denn die Rollen sind (mit Ausnahme des Bürgermeisters) geheim.
Ohne festgelegte Spielreihenfolge stellen alle Spieler Fragen zum Wort, die der Bürgermeister mit „Ja“-, „Nein“- und „?“-Chips beantwortet. Ist das Wort nach vier Minuten erraten, gewinnt die Dorfgemeinschaft – außer der Werwolf enttarnt die Seherin. Ist das Wort nach vier Minuten nicht erraten, gewinnt der Werwolf – außer die Mehrheit der Spieler tippt richtig, werWolf ist.


Was passiert? WERWÖRTER wird sehr gut von einer App moderiert (es geht auch ohne App, aber mit ist besser). Sie gibt dem Bürgermeister mehrere Zauberwörter zur Auswahl, sagt, wer wann die Augen zumachen soll oder aufs Display gucken darf, und misst die Zeit. Sie unterstützt die Spieler, ohne vom Spiel abzulenken. Perfekt.
Geraten werden (in der mittleren Schwierigkeitsstufe) Wörter wie „Buchhandlung“, „Jazz“ oder „Werder Bremen“. Darauf kommt man nicht so ohne Weiteres, vor allem nicht, wenn die Gruppe so unkoordiniert herumrät, wie Gruppen es üblicherweise tun. Zum Glück gibt es die Seherin, die den verwirrten Mob mit schlauen Fragen in die richtige Richtung lenken kann. Oder das Wort sogar selber „errät“.
Natürlich sollte sie dabei möglichst unauffällig vorgehen. Denn der Werwolf hört genau hin: Wer hat hier überraschende Geistesblitze? Wer gibt entscheidende Impulse? Bemerkt ein Werwolf, dass die Dorfgemeinschaft sich vergaloppiert, wird er mit doofen Fragen gerne mithelfen, dass sich das Rumgerate noch mehr festfährt. Oder er fragt einfach nur sehr, sehr viel und verbraucht dabei Chips. Denn sobald der Bürgermeister blank ist, war’s das ebenfalls.
WERWÖRTER initiiert vier sehr spannende, intensive und höchst interaktive Minuten. Die Auflösungen sind oft überraschend: Die Spielerin, die bei „Vene“ schon zu Anfang gefragt hat: „Kann es bluten?“, ist tatsächlich Dorfbewohner und nicht Seherin? Der Bürgermeister, der bei „Clown“ so antwortete, dass alle dachten, es handle sich um einen Streetworker in sozialen Brennpunkten, ist nicht Werwolf?
Genau: Der Bürgermeister ist nicht nur Bürgermeister, sondern im Nebenberuf auch noch Dorfbewohner, Seherin oder Werwolf. Für Anfänger kompliziert dies das Spiel. Auch ein Start in Runden zu dritt oder viert kann unglücklich verlaufen, weil viele am Tisch oder gar alle das Lösungswort kennen und die „Raterunde“ in dieser Konstellation mehr Können erfordert.

Was taugt es? In WERWÖRTER ist das Wörterraten nicht der Selbstzweck. Die eingewobene Meta-Ebene hebt das Spiel von anderen ab: Wer macht beim Raten was? Wer ist verdächtig still, wer verhält sich teamfeindlich, und macht er das wohl absichtlich oder entspricht das bloß seinem Charakter?
Im Vergleich zu üblichen WERWOLF-Szenarien besitzt WERWÖRTER den schönen Vorteil, dass eine Runde nur wenige Minuten dauert, dass niemand ausscheidet und dass es statt Rascheln oder Antipathie valide Argumente gibt, um jemanden als Werwolf zu verdächtigen. Diese Vorteile besaß auch schon WERWÖLFE VOLLMONDNACHT, aber WERWÖRTER setzt noch einen obendrauf, indem hier niemand die Initiative ergreifen muss, damit das Spiel abgeht. Durch die gemeinsame Rateaufgabe geschieht dies von ganz allein.


****** außerordentlich

WERWÖRTER von Ted Alspach für drei bis zehn Spieler, Ravensburger.

Sonntag, 9. Juni 2019

Vor 20 Jahren (78): Spiel des Lebens

aus: Fiese Freunde Fette Feten, 2F

Im Juni 1999 endete meine einjährige journalistische Fortbildung. Damals dachte ich, es sei ein ziemliches Organisations-Wirrwarr und eine beträchtliche Verschwendung von Ressourcen gewesen. Heute sehe ich es positiver: Eigentlich waren wir doch alle erfolgreich. Diejenigen im Kurs, die tatsächlich einen Job finden wollten, fanden auch irgendwas. Und diejenigen, die von Ämtern unbehelligt nur das Jahr absitzen wollten, saßen gemütlich das Jahr ab.

Okay, sie zogen den Kurs runter. Aber ich will nach so langer Zeit mal nicht nachtragend sein. Immerhin rund die Hälfte der Teilnehmer ist später tatsächlich im Journalismus oder zumindest im PR-Bereich gelandet. Was man auch wieder nicht überbewerten sollte, denn fast dieselbe Menge war schon vor dem Kurs journalistisch tätig gewesen. Viele arbeiteten als Praktikanten oder Ungelernte und kamen in den Kurs, um sich zu verbessern. Uns allen war ein Volontariat versprochen worden. Und das wiederum erreichte keiner.

Für mich war nach diesem Jahr klargeworden: Wenn ich muss, könnte ich das mit dem Journalismus wohl machen. Aber lieber wär’s mir, ich müsste nicht. Also dieselbe Feststellung wie nach meinem Referendariat, als ich beschloss, mir das mit dem Lehrerdasein noch mal in Ruhe zu überlegen. In meinem Spiel des Lebens hatte ich nun zweimal mit meinem bonbonfarbenen Plastikauto an einem Berufsfeld angehalten, fuhr dann aber doch lieber dran vorbei.

Wenn ich mir heute ansehe, wie Redakteure an Tageszeitungen schuften müssen, unter welchem Druck und zu welchen Tageszeiten sie arbeiten, muss ich sagen: Richtig entschieden! Auch wenn ich glaube, dass ich gar nicht so ungeeignet gewesen wäre. Das jedenfalls war die Rückmeldung, die ich bei meinem sechswöchigen Praktikum bei einer lokalen Tageszeitung erhielt.

Das Praktikum war so ziemlich der beste Bestandteil der gesamten Fortbildung, weil ich hier keine Artikel nur für die Tonne schrieb, sondern richtige, echte Artikel (na gut: über Dinge wie das neue Programm der Volkshochschule, Heiraten am 9.9.99 oder einen Typen, der sein illegal errichtetes Wochenendhaus abreißen musste und total empört war), die, bevor sie in der Tonne landeten, immerhin noch gedruckt und vielleicht sogar gelesen wurden (vom Leiter der Volkshochschule, den interviewten Pastoren und dem Typen mit dem Wochenendhaus).

Und am Ende des Praktikums bekam ich die tollste Zusage, die ich mir vorstellen konnte. Die Drehbuchautoren meiner Fortbildung hätten vermutlich von mir erwartet, dass ich den Ausbildungsredakteur frage: Hey, wie sieht’s aus, darf ich hier künftig ein Volontariat machen? Tatsächlich aber fragte ich: Hey, wie sieht’s aus, darf ich hier künftig über Brettspiele schreiben?


  • Vor 20 Jahren (77): Tikal

Mittwoch, 5. Juni 2019

Pikoko

Zunächst mal möchte ich für mich in Anspruch nehmen, dass ich etwas Ähnliches vor rund 25 Jahren auch schon erfunden habe. Hah!

Wie geht PIKOKO? Es ist ein Stichspiel mit Stichvoraussage. Aber ich sage nicht nur meine eigenen Stiche voraus, sondern die jedes Spielers. Das ist möglich, weil ich alle fremden Handkarten sehe, nur meine eigenen nicht. Zuerst wird immer auf alle anderen Spieler gewettet. Dann wettet jeder auf sich selbst.
Vorhersagen macht man, indem man Chips der eigenen Farbe verdeckt in die Hand nimmt. Alle Spieler öffnen gleichzeitig die Fäuste. Die Chips werden dann vor dem betreffenden Spieler abgelegt, und so kann jeder sehen, dass mein linker Nachbar mir drei Stiche zutraut, mein rechter Nachbar nur zwei.
Es folgt ein herkömmliches Stichspiel mit den in Deutschland üblichen Bedien- und Trumpfregeln. Weil ich mein eigenes Blatt nicht sehe, bestimmt mein rechter Nachbar, welche Karten ich spiele. Einige wenige Karten gehören zu mehreren Farben. In welchen Stich sie letztendlich gespielt werden, ist eine kleine Überraschungskomponente.


Was passiert? Karten falschherum zu halten, ist immer wieder amüsant. Es bereitet diebische Freude, zu wissen, was der andere nicht weiß; und die Hoffnung, ihn mit diesem Wissensvorsprung irgendwie hereinlegen zu können, stimmt erwartungsfroh.
Bevor es losgeht, studieren alle erst mal die fremden Blätter, vergleichen und analysieren und malen sich aus, welche Farben einmal oder gar zweimal laufen oder womöglich gestochen werden und, wenn ja, von wem. So trifft man seine Vorhersagen und hofft, möglichst dasselbe zu wetten wie derjenige Spieler, der über die jeweilige Kartenhand bestimmt, denn eindeutig er hat den größten Einfluss. Vollkommene Planungssicherheit gibt es aber nicht. Ein paar Karten spielen ungesehen nicht mit.
Für die einen geht es dann auf, für die anderen geht es nicht auf. Man leidet oder triumphiert wie bei anderen Stichspielen auch. Und man hat eine gute Zeit mit PIKOKO. Der Drang, es bald wieder zu spielen, ist trotzdem nicht so hoch. Denn für die drei Stichrunden vergeht recht viel Zeit. Und vor allem ist es Zeit, in der man nicht immer relevante Dinge tut.
Oft bestimmen zwei, drei Entscheidungen den Ausgang einer kompletten Runde. Der Rest ergibt sich durch die Kartenverteilung und die gemachten Vorhersagen. Es kann sein, dass ich gar nicht in die Situation komme, eine Weichenstellung zu meinen Gunsten vorzunehmen. Währenddessen dauert selbst der banale Vorgang, einen Stich zu spielen, den alle bedienen müssen und bei dem von der ersten Karte an klar ist, wer ihn bekommt, ziemlich lange, weil man eben ein fremdes Blatt spielt und nicht sein eigenes und beim Herausziehen der Karten aus ihrem Halter einigermaßen vorsichtig sein muss.

Was taugt es? PIKOKO ist schön gestaltet und toll ausgestattet und macht auf dem Tisch richtig was her. Es ist ein sympathisches Spiel, und bislang hat noch kein Kartenspiel-affiner Mensch gesagt, dass es ihm nicht gefallen hätte.
Doch der Witz, die eigenen Karten nicht zu kennen, kompensiert letztendlich nicht den damit einhergehenden Tempoverlust. Zum Wiederspielreiz von Stichspielen gehört entweder die Möglichkeit, schnell und unkompliziert noch eine Runde und noch eine Runde anhängen zu können. Oder das Stichspiel lebt von seiner Tiefe und der Bedeutsamkeit jeder einzelnen Entscheidung. Solche Tiefe hat PIKOKO nicht.
PIKOKO ist ein interessanter Exot und wie ein Pfau, der durch den Park spaziert und den man sich angucken kann, und beim ersten Mal denkt man: Wow, ein Pfau! Aber man möchte nicht unbedingt jeden Tag hin.


**** solide

PIKOKO von Adam Porter für drei bis fünf Spieler, Brain Games.

Freitag, 31. Mai 2019

Gern gespielt im Mai 2019

MYTHOS TALES: Viel im Argen in Arkham.


SENATORS: Ich schätze solche Unverblümtheit: Senatoren werden gekauft, ein möglicher Spielzug nennt sich „Erpressen“, und das Spiel endet im Krieg.


SUBTEXT: 
     

TREASURE ISLAND: Gebiets-Hinweis, Kompass-Hinweis, Schwarzer-Fleck-Hinweis … Wie viele Wörter haben Piraten eigentlich für „Hinweis“?


TRAPWORDS: „Dingsda“ mit Erwachsenen.


LAS VEGAS ROYALE: Am luxuriösesten finde ich, dass wir uns mit Scheinen kleiner als 30.000 gar nicht mehr beschäftigen.




Dienstag, 28. Mai 2019

Overbooked

Ich hätte gedacht, dass OVERBOOKED an mir als Bahnfahrer thematisch vorbeigeht, weil ich mich in die Problematik von Flugreisen kaum hineindenken kann. Aber es fällt mir dann doch überraschend leicht. Mit dem Phänomen, meinen Sitzplatz nicht zu bekommen (Zugausfall, fehlender Waggon) oder einen Platz wieder räumen zu müssen (fehlende Reservierungsanzeige), bin ich bestens vertraut.

Wie geht OVERBOOKED? OVERBOOKED ist ein Puzzlespiel. Jeder besitzt ein Tableau, das die leeren Sitzplätze eines Flugzeuges zeigt. Hierauf sollen Passagiere in bestimmten Mustern untergebracht werden: rote Liebende nebeneinander, weiße Kinder umringt von Erwachsenen, gelbe, grüne und blaue Cliquen in einer möglichst großen benachbarten Gruppe. Leere Plätze zählen negativ, hinausgeworfene Passagiere ebenfalls.
Bin ich am Zug, wähle ich eine von vier ausliegenden Karten. Wie bei TRIBES oder MAJESTY oder CENTURY – DIE GEWÜRZSTRASSE oder diversen anderen Spielen kostet es viel Geld, die gerade neu ins Spiel gekommene Karte zu nehmen, während sich auf unattraktiven Karten, die schon länger herumliegen, Geld ansammelt. Bin ich pleite, habe ich keine Wahl und muss einfach die älteste Karte nehmen.
Die Karte zeigt, welche Passagiere ich in welcher Anordnung in meinem Flieger unterbringen muss. Setze ich jemanden auf einen besetzen Platz, wird derjenige, der vorher dort saß und nichts Böses ahnte, rausgeworfen.


Was passiert? In OVERBOOKED spielen wir eher nebeneinander als miteinander. Der Spieler am Zug checkt die Auslage und seine Möglichkeiten und wählt die Karte, die ihm am besten passt.
Zu Beginn spielt sich OVERBOOKED noch recht entspannt. Man versucht rote Pärchen zu kombinieren und gleichfarbige Gruppen zu bilden und wählt entsprechende Karten.
Etwa bei Halbzeit des Spiels tauchen die ersten Nöte auf. Einige Karten passen nicht mehr gut rein. Man müsste irgendwas nehmen, was nicht sonderlich weiterhilft. Oder gar etwas, das Passagiere aus dem Flugzeug befördert und damit Minuspunkte verursacht. Wer mit seinem Geld gut haushaltet, hat zumindest noch Wahlmöglichkeiten. Wie hart es einen trifft oder ob gar die perfekte Karte auftaucht, ist immer auch Zufall.


Was taugt es? Die Aufgabenstellung ist ausgeklügelt und gleichzeitig sehr klar. So ergibt sich eine herausfordernde Puzzelei, die letztendlich aber weniger fesselnd ist als in vergleichbaren Spielen, weil sich zu wenige Spielzüge wie Entscheidungen anfühlen. Anfangs ist vieles noch relativ egal, später ist vieles vorgegeben.
Etliche Spieler haben Probleme damit, in ihrer Vorstellung die Kartenaufteilung auf ihr Flugzeug zu übertragen. Oft klappt es nur, wenn sie die Karte in die Hand nehmen, entsprechend ausrichten und direkt neben ihr Tableau halten. Das ist grundsätzlich kein Manko. OVERBOOKED richtet sich vielleicht gar nicht an alle, sondern vorrangig an Spieler mit einem gewissen räumlichen Vorstellungsvermögen. Allerdings passt dann für mich die etwas überladene, schreiend bunte kindliche Grafik nicht, die zudem die Plättchenfarben auf den Tableaus der anderen Spieler schwer erkennbar macht.
In der Anfängerversion von OVERBOOKED haben die Spieler generell weniger Möglichkeiten, um ihre gewählte Karte einzusetzen. Also werden ausgerechnet in der Anfängerversion die meisten Passagiere überbaut. Die frustrierendste Version des Spiels als Grundspiel zu präsentieren, halte ich für keine gute redaktionelle Idee.
Die „Spielvariante für Vielflieger“ hat diesen Frustfaktor nicht, verläuft oft allerdings schon wieder zu glatt und reibungslos. Erst die allerletzte Ausbaustufe „Event-Karten“ (= weitere Spielziele, die den Standardzielen teilweise zuwiderlaufen) bringt genügend Pfeffer ins Geschehen und lässt trotzdem Möglichkeiten für Planungen und Abwägungen. Jetzt kann OVERBOOKED grübelig werden, aber wenigstens ist es von Beginn an spannend.
In dieser Version gefällt mir OVERBOOKED besser als „mäßig“. Aber das Gesamtpaket hat einfach zu viele Mängel: eine Anleitung in sehr fehlerhaftem Deutsch; die außerordentlich unpraktische Punkteskala; die Notwendigkeit, auf den Karten der Auslage Geld abzulegen, wofür aber gar kein Platz ist, weshalb immer wieder Informationen überdeckt werden; der instabile, überdimensionierte Pappturm, der nur dazu dient, um den Startspieler zu markieren, und zusammengebaut nicht in die Schachtel passt. Und eben die seltsame Dramaturgie der Module von a) unnötig frustrierend über b) dahinplätschernd zu endlich c) interessant.


*** mäßig

OVERBOOKED von Daryl Chow für einen bis vier Spieler, Jumbo.