2006 wurde THURN UND TAXIS (von Karen Seyfarth und Andreas Seyfahrth) Spiel des Jahres. Noch nicht im Monat Juni, zugegeben; ich bin ein bisschen zu früh dran. Im Juni 2006 war noch die Zeit für Spekulationen, was gewinnen könnte. Und auch ich habe damals sehr gerne spekuliert.
Mitnominiert waren JUST 4 FUN, SEERÄUBER, AQUA ROMANA und BLUE MOON CITY. Die ersten drei schätzte ich nicht so besonders, sie kamen aus meiner Sicht gar nicht in Frage. BLUE MOON CITY fand ich gut, aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein Spiel mit Fantasy-Thema gewinnen würde, wenn als Gegenkandidat ein Spiel zur Verfügung stand, das möglicherweise sogar in der Klatschpresse mediales Echo erzeugen konnte.
Warum machte ich mir überhaupt Gedanken darüber? Die Wahl war ein Ereignis, das ich nicht beeinflussen konnte. Für mich und die Ausübung meines Hobbies oder auch meiner Kritikertätigkeit war es vollkommen irrelevant, welches Spiel gewinnen würde. Und trotzdem: Für mich gehörte es zum Hobby einfach dazu, bei der Wahl mitzufiebern.
Als Vergleich fällt mir ein Fußballfan ein, der sich vor dem Spiel Gedanken macht, wie die Teamaufstellung sein könne und welcher Matchplan gewählt wird … und wenn die Aufstellung anders ist, entsprechend darüber mault. Und weil der Fan es vermeintlich besser weiß, postet er nach dem Spiel empört ins Fanforum, X hätte viel früher eingewechselt werden müssen und Y besser gar nicht.
Ob das geholfen hätte, wird sich nie beweisen lassen, denn die Fußballpartie ist nun mal in der Aufstellung gespielt worden, wie sie gespielt worden ist. Und genauso wird sich nicht beweisen lassen, ob Spiel Y ein besserer Titelträger gewesen wäre, nachdem nun mal Spiel X Spiel des Jahres wurde. Aber es ist unterhaltsam, darüber zu philosophieren und zu diskutieren.
Nun habe ich aber gar nicht abgewogen, ob ich THURN UND TAXIS oder BLUE MOON CITY mehr zutraute, bei der Zielgruppe anzukommen. Sondern mein ausschlaggebendes Argument war ein außerspielerisches: das potenzielle Medienecho. Es gab damals keinerlei Anzeichen, Medienecho könnte ein Entscheidungskriterium der Jury sein; ich habe es mir trotzdem so vorgestellt.
Und ich frage mich, warum. Warum hielt ich meine komplizierte und spekulative Theorie für überzeugender als den naheliegenden Gedanken, dass einfach das Spiel gewinnt, das nach Meinung der SdJ-Mitglieder am besten geeignet ist, um in der Breite der Gesellschaft für das Kulturgut Spiel zu werben?
Ich glaube, es hängt mit der menschlichen Neigung zusammen, überall nach Mustern und Strukturen zu suchen; auch da, wo keine sind. Und zugleich mit der vielleicht besonders für Spieler:innen typischen Neigung, bei anderen Menschen Hintergedanken und Strategien erspüren und ein verborgenes System erkennen und lesen zu wollen. Vielleicht ging es mir unterbewusst auch darum, mich schlauer zu fühlen als andere Szenebeobachter:innen. Weil ich Dinge zu erkennen glaubte, die sie nicht erkannten. Und mich zugleich erhaben zu fühlen: über die Mitglieder von Spiel des Jahres. Weil sie – von mir unterstellt – nach außerspielerischen Kriterien entschieden.
Am Ende gewann THURN UND TAXIS tatsächlich! Bewies das nicht, dass ich den Durchblick hatte?
Bevor ich im Juli vielleicht doch noch über THURN UND TAXIS schreibe, also über das Spiel an sich und nicht nur über meine Mutmaßungen dazu, noch ein letzter Gedanke: Von 2003 bis 2011 hatte ich die Spielekolumne in einer Fachzeitschrift über Jugendmedien inne. Als ich mich darin mal zu einer Attacke gegen einen Jury-Entscheid hinreißen ließ, gab mir die Chefredakteurin einen Wink. Sie sagte, wer gewohnheitsmäßig Jury-Entscheidungen kritisiere, mache auf sie den Eindruck, in Wahrheit selber Teil dieser Jury sein zu wollen. Autsch! Das saß.
- Vor 20 Jahren (161): Keine Ahnung

Ich finde deine letzte Bemerkung am spannendsten. Mitglied der Jury sein zu wollen, die über den wichtigsten Spielepreis der Welt bestimmt, scheint mir das naheliegendste Ziel zu sein, wenn ich mich als Kritiker begreife. Außer ich bin ein altes Rennpferd namens Harry.
AntwortenLöschenNirgends winkt mir Renommee. Ich werde von den Verlagen umgarnt und wirklich überall eingeladen, der Neid meiner Kritiker*innenkollegen ist mir sicher und die Spiele kommen frei Haus. Spielewochenenden mit Kolleg*innen, die genauso gerne spielen wie ich, kommen noch dazu. Das Schönste: Ich muss dafür nicht einmal mehr mühselig Kritiken verfassen.
Klar, die Beschreibung der Vorteile kommt ohne den Beipackzettel. Dass die Tätigkeit zu Lasten anderer Dinge Zeit frisst, die Wochenenden nicht nur aus Spielen bestehen und wirklich jeder Titel gespielt werden muss, auch wenn er mich nicht anspricht, macht sicherlich nicht so viel Freude. Neid und Missgunst kommen mit dem Renommee und damit auch der Fakt, dass hinter meinem Rücken über mich und meine Unzulänglichkeiten geredet wird.
Aus der externen Beobachtung ist mir zudem aufgefallen, dass für einige der Mitglieder die Jury Teil der Identität wird. In der Vergangenheit war zurecht oft zu lesen (zum Beispiel in der Zeitschrift mit dem Pferd), dass einigen Leuten der Ruhm zu Kopf gestiegen ist. Das hat sich dann auch intern in den Umbrüchen irgendwann entladen.
Dennoch halte ich meine Eingangsbemerkung für tragend: Bin ich Kritiker*in, dann muss es doch das Schönste sein, wenn meine Arbeit auch Einfluss hat. Und dieser Einfluss ist nun einmal als Teil der Jury am größten. Der Schreck muss also gar nicht so weh tun. Wenn es mir wahrlich um die Spiele geht und nicht das Drumherum, finde ich es nicht verwerflich. Nicht jeder Traum muss in Erfüllung gehen.