Mittwoch, 25. Mai 2011

Eselsbrücke

Bei ESELSBRÜCKE kann man so einiges erleben: Spielabbrüche. Frustrierte Mitspieler. Verweigerung. Aber auch: Geschichten, an die man noch lange denken wird. Vorstellungen, die man nicht mehr aus dem Kopf bekommt.
ESELSBRÜCKE hat eine Licht- und eine Schattenseite. Sehr gut sind die Idee und das, was die Spieler im günstigen Fall damit anstellen. Sehr böse aber sind die Regeln und das, was sie im ungünstigen Fall mit den Spielern anstellen.

Wie geht ESELSBRÜCKE? ESELSBRÜCKE macht eine Memo-Technik zum Spiel. Der Startspieler zieht drei (später vier oder gar fünf) Begriffs-Kärtchen aus dem Beutel, verknüpft sie zu einer kurzen Geschichte, trägt diese den anderen vor und legt die Plättchen verdeckt auf seinem Tableau ab. Das machen reihum alle. Anschließend machen reihum alle noch einmal dasselbe. Dann erzählt der Startspieler eine dritte Geschichte, und von jetzt an wird nach jeder neuen Erzählung die älteste Geschichte aufgelöst.
Der Spieler mischt dazu die entsprechenden Plättchen und gibt im Uhrzeigersinn jedem nachfolgenden Spieler eins. Mit dieser Gedächtnisstütze soll nun jeder einen der anderen Begriffe nennen. Gelingt das, erhält der Spieler das Plättchen als Punkt. Gelingt es nicht, muss er bereits gewonnene Plättchen wieder abgeben. Die Strafen werden im Laufe des Spiels immer drakonischer. Der Erzähler kann ebenfalls punkten: Patzt bei seiner Geschichte niemand, bekommt er ein besonderes Plättchen, das spätere Strafen reduziert oder ansonsten ganz normal einen Punkt zählt.

Was passiert? Es ist nicht das Gewinnen, das ESELSBRÜCKE so faszinierend macht. (Glaube ich jedenfalls, denn ich habe noch nie gewonnen.) Es sind auch nicht spontane Wunderwerke der Erzählkunst. Sondern es ist die Überraschung, wie Mitspieler Begriffe miteinander verknüpfen: „Wassermelone“, „Dinosaurier“, „Spiegel“ und „Deutschland“ inspirierten neulich einen zu der Fabel, dass ein Dinosaurier Deutschland erschaffen habe, aus einer Wassermelone, direkt nachdem er morgens in den Spiegel geschaut hatte... Diese Geschichte liegt mehrere Wochen zurück. Ich weiß sie noch heute. Und viele andere Geschichten ebenfalls. Und auch die jeweiligen Erzähler habe ich sofort vor Augen, obwohl dies oft nicht einmal Teilnehmer meiner privaten Spielerunden waren.
ESELSBRÜCKE gewährt mir einen kleinen Einblick, wie andere Menschen denken. Ich lerne sie sogar ein bisschen besser kennen, indem sie mir in ihren Geschichten Dinge aus ihrer Lebenswelt verraten. Das ist interessant. Und wenn Nonsens-Geschichten entstehen, ist es lustig. – Ach, wäre da nicht noch die Schattenseite...
In Kurzform: Partien mit fünf Leuten aufwärts ziehen sich oft zu lange hin. Wer den Dussel hinter sich sitzen hat, ist benachteiligt. Gutes Erzählen wird unzureichend belohnt. Im Gegenteil kann schlechtes Erzählen die Mitspieler so richtig reinreißen. Misserfolg potenziert sich; eine insgesamt unbegabte Runde macht es sich gegenseitig schwerer. Die strengen Strafen stehen in einem seltsamen Widerspruch zur konstruktiv-kreativen Spielhandlung.

Was taugt es? Das Erzählen und das Zuhören sind ein verbindendes Gruppenerlebnis. ESELSBRÜCKE lässt das Medium Spiel in den Hintergrund treten und rückt die mitspielenden Menschen in den Vordergrund. ESELSBRÜCKE wäre ganz „außerordentlich“, machte das Medium Spiel nicht doch hin und wieder auf sich aufmerksam. Störend leider. Deshalb – und schweren Herzens – in Summe nur „reizvoll“.

ESELSBRÜCKE von Stefan Dorra und Ralf zur Linde für drei bis sechs Spieler oder Teams, Schmidt.

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