Donnerstag, 13. Mai 2021

Wildes Weltall

Streng genommen ist der Weltraum gar nicht leer, aber für meine Einleitung kommt diese Information zu spät.

Wie geht WILDES WELTALL? Wir sammeln Karten. Nach nur zehn Zügen gewinnt die wertvollste Auslage. Dann punkten viele gleiche Tiere sowie Sets aus sechs verschiedenen. Manche Karten haben darüber hinaus einen festen Punktwert, bei anderen ist er an Bedingungen geknüpft.
Fünf meiner Spielzüge bestehen darin, entweder eine Karte auszuspielen oder drei nachzuziehen. Die Möglichkeiten in den anderen Zügen hängen davon ab, welche Planetentableaus im Spiel sind. Beispielsweise darf ich eine Karte spielen, wenn sie ein Ordens-Symbol hat. Oder ich darf eine Karte ziehen und sofort ausspielen, muss dafür aber zwei andere Karten abwerfen.
Immer zehn dieser variablen Optionen gibt es. Ich darf nicht zweimal dieselbe wählen und zum Teil ist es an die Voraussetzung geknüpft, dass ich schon drei, sechs oder neun Karten ausliegen habe.
Der Clou von WILDES WELTALL sind Kettenreaktionen, die beim Ausspielen losgetreten werden können. Vielleicht spiele ich eine Karte, die besagt: Wenn ich bereits ein „Botanik“-Symbol ausliegen habe, darf ich eine Karte mit „Profi“-Symbol spielen. Und der Profi wiederum sagt: Wenn ich jetzt eine Karte abwerfe, darf ich noch eine weitere spielen. Und die neue Karte sagt: Wenn ich das Symbol „Forschung“ besitze, darf ich einen „Roboter“ oder „Gesandten“ spielen. Und immer so weiter.


Was passiert? Wir versuchen, die Handkarten so zusammenzustellen, dass sich solche Kettenzüge ergeben. Und natürlich wäre es gut, auf diese Weise nicht einfach irgendwelche Karten auszuspielen, sondern welche, die in der Wertung auch was bringen. Weil man nicht nur verdeckt zieht, sondern auch aus einer offenen Auslage, hat man etwas Gestaltungsraum.
Zweitens taktieren wir mit den fünf variablen Aktionen. Ich versuche, die auszuführen, die mir am meisten bringen. Was nicht immer klappt, weil ich eventuell nicht die Voraussetzungen erfülle. Und es wäre ärgerlich, dann auf eine Aktion ausweichen zu müssen, die mich kaum weiterbringt.


Was taugt es? WILDES WELTALL ist ein kurzes Spiel. Man hofft und taktiert. Man guckt, was sich ergibt. Man nutzt Gelegenheiten und freut sich, wenn Kettenzüge gelingen. Und nach 20 Minuten ist es auch schon vorbei (jedenfalls zu zweit).
Kartenkombinationen zu sammeln, ist an sich noch nicht aufregend. WILDES WELTALL peppt die Idee auf, indem man sich durch glückliches oder geschicktes Kombinieren Tempovorteile verschaffen kann. Für ein Zwischendurchspiel steckt die passende Menge Glück und Anspruch drin.
Dass ich in Summe trotzdem nicht angetan bin, liegt an der Darbietung des Spiels. WILDES WELTALL könnte ein lockeres Kartenspiel sein, wird aber durch Material und Regeldetails aufgeplustert und verkompliziert. Schiefgegangen ist auch die Themenwahl. Dass WILDES WELTALL im Weltall spielt, trägt nichts zum Verständnis oder zur Versinnbildlichung der Abläufe bei. Die Karten heißen willkürlich „Profis“ oder „Gesandte“, haben Berufe wie „Militär“ oder „Mechanik“ und sind dann größtenteils auch noch Tiere – und all das verwirrt, weil es überraschenderweise keinen erkennbaren Bezug zu dem hat, was damit im Spiel passiert.


*** mäßig

WILDES WELTALL von Joachim Thôme für eine:n bis vier Spieler:innen, Board Game Circus.

Sonntag, 9. Mai 2021

CloudAge

Ehrlich: Diesmal gibt es eine Einleitung, doch leider ist sie hinter Wolken verborgen.

Wie geht CLOUDAGE? In einer dystopischen Welt fliegen wir mit unserem Zeppelin die Spielplanstrecke entlang. Auf Stadtfeldern dürfen wir gegen Milizen kämpfen und erhalten bei Erfolg Belohnungen.
Währenddessen bauen wir das Schiff aus. Ein größerer Antrieb hat den Vorteil, schwerer zu überfliegende Spielplanfelder nicht auslassen zu müssen und im Drüberfliegen Ressourcen einzusammeln. Außerdem ist man unterwegs flexibler und dringt schneller in den Bereich vor, in dem die Kämpfe lukrativer werden.
Größere Kampfkraft hat den Vorteil größerer Kampfkraft. Stärkere Milizen zu besiegen, bedeutet höhere Belohnungen.
In jeder der acht Runden fliegen und (wenn gewünscht) kämpfen wir. In dieser Phase kommt das dünne Kartendeck zum Einsatz. Die obersten beiden Karten decke ich auf. Ihre Zahlenwerte bestimmen meine Reichweite (zuzüglich Antrieb) und geben mir Ressourcen. Genügt gegen die Milizen meine Kampfstärke nicht, darf ich kostenpflichtig weitere Karten aufdecken, deren Werte nun addiert werden. Ein Deck mit hohen Zahlen hat also klare Vorteile.

In der anschließenden Spielphase darf ich mein Deck verbessern. Oder ich zahle Rohstoffe, um mein Schiff / meine Fähigkeiten auszubauen. Basisausrüstung steht allen gleichermaßen zur Verfügung. Daneben besitzt jede:r noch Projektkarten, die – ebenfalls gegen Rohstoffe – individuellere Fähigkeiten freischalten. Wähle ich die Option Bauen, erhalte ich zwei Bauaktionen, meine Mitspieler:innen eine.
Diese zum Beispiel aus PUERTO RICO bekannte Art der Mitbeteiligung erleben wir auch, wenn jemand die Option Deckverbesserung wählt. Zur Auswahl stehen Karten in Kartenhüllen, die mit Wolken überklebt wurden. Der mittlere Bereich der Karten ist nicht zu erkennen. Ich entscheide mich für eine der Karten und für eine mögliche Ressource, von der ich hoffe, dass ihr Farbbereich auf der Karte möglichst groß ist.
Beispielsweise wähle ich Wasser. Zeigt sich dann unter den Wolken, dass die Wasserfläche am größten ist, erhalte ich drei Wasser. Im schlimmsten Fall nur eins. Die Karte jedoch bekomme ich in jedem Fall. Auch meine Mitspieler:innen entscheiden sich für eine Ressource und erhalten Einnahmen. Im Optimalfall, wenn in der gewählten Farbfläche ein Symbol zu sehen ist, gewinnt man sogar noch zusätzlich eine Bauaktion oder darf eine Karte aus dem Deck entsorgen.


Was passiert? Wir versuchen in einer limitierten Zahl von Zügen eine Maschinerie ins Laufen zu bringen. Das Luftschiff soll schnell und stark sein, Missionen sollen bis zum Schluss erledigt werden, die nötigen Rohstoffe sollen sich möglichst als Dauereinkommen oder in Nebenaktionen ansammeln. Und natürlich soll die Maschine in Summe die meisten Siegpunkte ausspucken.
Obwohl wir optimieren und mit Rohstoffen haushalten müssen, bewahrt sich CLOUDAGE Lockerheit. Die Kämpfe und das Offenbaren der Wolkenkarten sind Glückselemente; viele Entscheidungen erfordern keine tiefen Rechenoperationen. Dadurch sind die Wartezeiten angenehm kurz, einiges kann parallel abgewickelt werden.
Für die Flugroute habe ich vielleicht zwei sinnvolle Alternativen und muss mich für eine entscheiden. Auch meine Ressourcen geben nur begrenzt viele Möglichkeiten her. Was ich bauen kann, bewegt sich im Rahmen des Erwartbaren. Es gibt Dauereffekte, es gibt Soforteffekte. Alles hilft. Das Spielgefühl ist positiv. Für alle geht’s voran.
Karten unter Wolkenhüllen zu verbergen, ist die erfrischendste Idee in CLOUDAGE. Der Mechanismus initiiert ein Spiel im Spiel. Man versucht aufgrund der erkennbaren Segmente auf den Rest zu schließen, man zockt auf die Anordnung der Symbole. Wer genauer hinschaut und Details erfasst, hat Vorteile. Die Auflösung ist spannend.


Was taugt es? CLOUDAGE ist gut strukturiert, die Abläufe werden grafisch sehr gut unterstützt. Man findet schnell Orientierung. Lediglich die Anleitung stiftet schon beim Spielaufbau Verwirrung.
Neben dem Hüllen-Element gefällt mir vor allem das Karten-Management. Die Projektkarten gewähren Spielräume, um verschiedene Strategien zu verfolgen. Und indem Kartenbauten auch immer mit Karten bezahlt werden, haben selbst unpassende Karten ihren Zweck.
Für mein Empfinden besitzt das Spiel allerdings zu wenig Stoff für Entscheidungsnöte oder gar innere Zerrissenheit. CLOUDAGE fließt angenehm dahin – was auch eine Qualität ist –, aber es erzeugt nicht die Reibung, die mich zu immer neuen Partien hintreibt. So unterhaltsam der Hüllen-Mechanismus auch ist: Er ist Nebensache. Und das Zusammenspiel der Kernmechanismen fühlt sich nicht so sehr anders an als anderswo.
CLOUDAGE lässt sich als Kampagne über mehrere Kapitel spielen, was zusätzliche Karten und neue Details und somit etwas Abwechslung ins Spiel bringt. Man darf aber keine Story erwarten, wie man sie etwa aus Legacy-Spielen kennt. Das Grundkonzept wird lediglich von Partie zu Partie moderat variiert.


**** solide

CLOUDAGE von Alexander Pfister und Arno Steinwender für 1 bis 4 Spieler:innen, nanox games / dlp games.

Mittwoch, 5. Mai 2021

Vor 20 Jahren (101): Mensch ärgere dich nicht

Ich sag’s gleich, damit’s nicht zu spannend ist: Ich habe mich geärgert! Wieder und wieder. Und es geht hier nicht um das gleichnamige Spiel. Das habe ich nur deshalb prominent als Überschrift gewählt, um Millionen Menschen auf diese Seite zu locken, denen wegen Corona zu Hause die Decke auf den Kopf fällt und die nun das Internet nach hippen Freizeitideen durchforsten.

Diesmal geht es nicht um Spiele. Es geht um Spielkritik. Und um den hochtrabenden Versuch, ins Feuilleton einer bedeutenden Tageszeitung vorzudringen. Oder wenigstens ins Feuilleton. Oder überhaupt in die Zeitung. Vielleicht auf die Freizeitseite? Die Kinderecke? Verbraucher-Tipps? Egal.

Bereits vor 21 Jahren war es mir glorreich gelungen, ein paar Zeitungen zu rekrutieren (REZENSIONEN FÜR MILLIONEN berichtete), doch wirklich gut lief es immer noch nicht. Jetzt, 20 Jahre später, glaube ich, das grundsätzliche Problem erkannt zu haben. Ungeheuerlich – aber: Den Redaktionen war die Sache einfach nicht so wichtig wie mir! Die Spiele nicht. Und meine Artikel darüber auch nicht.

Auf der einen Seite gab es Redaktionen, die sich nur ganz schwer entscheiden konnten. Man schlug denen irgendwas vor, und dann musste wegen eines 35-Zeilen-Artikels erst mal intern Rücksprache mit Kolleg:innen und noch mehr Kolleg:innen gehalten werden und nach dem dritten Anruf kriegte man sehr zögerlich zu hören: „Hm, ja, gut, schicken Sie es mal. Aber unverbindlich!“

Daneben gab es Zeitungen, die einfach druckten, was sie so bekamen. Ich schrieb auf Vorrat, und irgendwann wurde es veröffentlicht. Oder auch nicht. Mal gingen Artikel verloren, mal gingen Fotos verloren. Was man natürlich erst erfuhr, wenn man sich zu wundern anfing, warum so lange nichts erschienen war. Ich glaube, es hat in all den Jahren nie jemand bei mir nachgefragt: „Hey, kann es sein, dass wir nichts mehr von Ihnen haben?“ Und: Nein, es hätte nicht sein können. Dass nichts vorlag, ist mir nie passiert, da habe ich schon sehr genau aufgepasst. Aber tatsächlich interessierte es nicht. Wenn vermeintlich nichts da war, war eben nichts da. Bringen wir halt was anderes. Rezepte. Silbenrätsel. Gartentipps.

Ja, das war alles ziemlich ärgerlich. Am meisten aber habe ich mich geärgert, als jemand in (gefühlt) „mein“ Revier eindrang. Das war ein Rezensent, der seitenweise Artikel auf gut Glück schrieb und diese dann unverlangt im Streuverfahren an Dutzende E-Mail-Adressen diverser Redaktionen rausballerte. Gegen Honorar durfte man sich bedienen ... und „meine“ kleine Tageszeitung tat es!

Ziemlich sauer rief ich damals dort an, nachdem statt meiner Rezension zu DER HERR DER RINGE nun seine erschienen war. Versehentlich, wie es hieß. Dass auch von mir etwas zu dem Spiel vorlag, war leider übersehen worden. Und als ob das die Sache wieder gut machen würde, wurde mein Text dann als „Zweitmeinung“ auf der Internetseite der Zeitung veröffentlicht. Natürlich ohne Honorar. War ja nur eine Zweitmeinung. Im Internet. Und kein echter Artikel in einer echten Zeitung.

Samstag, 1. Mai 2021

Alma Mater

Einfach nur Zufall, dass ich ausgerechnet dieses Spiel am Tag der Arbeit rezensiere.

Wie geht ALMA MATER? Wir optimieren akademisch. Wir wollen auf einer Forschungsskala nach oben, was Schritt für Schritt schreckliche Abgaben kostet. Wir wollen Student:innen anwerben, was viel Bücher kostet. Und wir wollen Professor:innen anwerben, was noch mehr Bücher und bisweilen auch Geld kostet.
All diese Errungenschaften zählen Punkte. Studies bringen uns außerdem ein Einkommen oder die Aufwertung bestimmter Aktionen oder zusätzliche Einsatzfelder (der Hauptmechanismus ist nämlich Personaleinsatz). Profs bescheren Extraaktionen, die auszulösen allerdings jedes Mal wieder ein Buch kostet. Und das Ranking auf der Forschungsskala schließlich bestimmt über den Wert der eigenen Bücherfarbe.
Den Großteil der Bücher kauft man nicht von der Bank, sondern von anderen Unis. Student:innen wollen überwiegend mit Büchern der besten Unis bezahlt werden. Gehöre ich zu den besten, müssen Mitspieler:innen also Bücher bei mir kaufen, was mir Einnahmen bringt. Außerdem komme ich leichter an neue Student:innen, denn eigene Bücher sind leicht und preiswert zu bekommen.


Was passiert? Zunächst: Auch ALMA MATER konnte ich nur zu zweit spielen – und vermutlich ist das die schlechteste Konstellation, da der Wettbewerb um Reputation nur behelfsmäßig in Gang kommt und einiges Geld aus dem Spiel fließt, weil wir Bücher einer neutralen dritten Farbe kaufen müssen.
Aber auch wenn es tatsächlich die schlechteste Konstellation ist, bleiben zwei Dinge festzuhalten: 1. „Ab 2“ steht nun mal auf der Schachtel. 2. Die Zweier-Partien haben kein Interesse geweckt, es irgendwann mal zu mehreren zu probieren. – Warum eigentlich nicht? Normalerweise mag ich Optimierspiele. Und dass man erst Figuren einsetzt, um sich hier und da Ressourcen zu beschaffen, um später mit diesen Ressourcen einen Spielfortschritt zu erreichen, ist ein bewährtes Konzept, das mir anderswo auch schon viel Spaß bereitet hat.
Doch ALMA MATER spielt sich mühsam und höhepunktarm. Vor allem in den ersten Runden ist man wieder und wieder damit beschäftigt, Geld zu holen und Bücher zu kaufen. Selbst kleine Errungenschaften benötigen umfangreiche Vorbereitungen. Und danach geht die Geld- und Buchbeschaffung von vorne los.
Diese Beschaffungszüge sind spielerisch nicht interessant, sie sind pure Notwendigkeit, um irgendwann später auch mal einen Zug ausführen zu können, der sich belohnender anfühlt. Zudem muss man ätzend genau vorausrechnen. Alles ist auf knappste Kante genährt. Kaufe ich ein Buch zu viel und stelle hinterher fest, dass mir deswegen irgendwo eine olle Münze fehlt, kostet mich das viel Tempo. Und das in einem ohnehin schon tempoarmen Spiel.
Irgendwann gegen Ende kommt die Uni doch noch ein bisschen in Schwung (bei clevereren Spieler:innen als mir möglicherweise auch etwas früher) und man hat jetzt mehr das Gefühl von Gestaltungsspielraum. Doch bis dahin eben nicht. Die Spannungskurve in ALMA MATER verläuft für mein Empfinden zu flach.


Was taugt es? Das Thema von ALMA MATER dringt nur ansatzweise durch. Am Ende belohnt einmal mehr ein Punktesalat alle möglichen Spielfortschritte. Der Reiz, ganz viel davon schaffen zu wollen, stellt sich bei mir nicht ein. Als neuartigen Dreh sehe ich den Wettlauf um Reputation und damit den Wert der Bücher. Aber in dieser Form ist das kein Mechanismus, der das ganze Spiel trägt und so den aufwendigen, herkömmlichen Rest rechtfertigt.


*** mäßig

ALMA MATER von Virginio Gigli, Flaminia Brasini, Antonio Tinto, Stefano Luperto für zwei bis vier Spieler:innen, Eggertspiele.