Sonntag, 20. Mai 2012

Siberia

Burgund! Spanien! Orient! Italien! Karibik! Afrika! Und... äh, Sibirien. Spiele führen uns an die Orte unserer Träume. Und... äh, an andere Orte. In fremden Welten nehmen wir neue Identitäten an: Wir herrschen. Wir erobern. Wir schaffen Kultur. Und... äh, wir wühlen im Permafrostboden. Spielen kann so schön sein!

Wie geht SIBERIA? Wir erschließen Rohstoffe und verscherbeln sie. Der reichste Spieler gewinnt. Um die Bodenschätze zu heben, benötigen wir Arbeiter in verschiedenen Regionen Sibiriens. Je mehr Arbeiter, desto mehr Rohstoffe derselben Sorte sind mit einer Aktion zu erlangen. Zum Verkauf benötigen wir Verkäufer. Die verteilt man an verschiedenen Börsen und verkauft dort, wo es den besten Preis bringt. Mehr Verkäufer bedeuten bessere Preise.
Der Hauptmechanismus von SIBERIA beruht auf Aktionsplättchen. Pro Runde zieht jeder Spieler sechs davon aus einem Beutel. Jedes Plättchen ermöglicht zwei oder drei verschiedene Aktionen. Für eine muss man sich entscheiden und das Plättchen entsprechend auf oder neben dem eigenen Tableau platzieren. Um eine Aktion schließlich auszuführen (Rohstoffe abbauen, Arbeiter bewegen etc.), benötigt man jeweils zwei zugeordnete Plättchen, die nach Gebrauch zurück in den Beutel wandern. Das Platzieren der Plättchen geschieht simultan, ihre Aktionen führen die Spieler der Reihe nach aus. Plättchen dürfen für den kommenden Durchgang liegen bleiben.

Was passiert? Der Plättchen-Mechanismus ist das, was an SIBERIA Spaß macht, denn er fühlt sich neuartig an und er fordert heraus: Wie verteile ich meine Plättchen? Wann setze ich sie ein? Natürlich spielt das Glück eine Rolle, aber das ist eben so. Zur Spannung trägt die Ungewissheit bei, ob man seine Aktionen wie geplant durchführen kann oder ob einer der Mitspieler dazwischenfunkt und erhoffte Rohstoffe vor der Nase wegschnappt.
Auf längere Sicht haben meine Partien jedoch wenig Variabilität gezeigt: Das große Geld geht mit Gold, Diamanten und eventuell noch Öl über den Tisch. Zu Beginn konzentriert man sich deshalb gleich auf diese teuren Rohstoffe. Auch an der Börse tut sich nicht so viel. Es lohnt nicht, allzu viele Verkäufer auszusenden. Arbeiter sind dringender. SIBERIA bietet weniger Entscheidungsspielräume und ist somit leichtgewichtiger, als es zunächst den Anschein hat.
Natürlich kann man taktieren, aber manche Partien werden schlicht über das Plättchenziehen entschieden. Wer seine Arbeiter mangels entsprechender Aktions-Chips nur selten bewegen kann oder kaum Arbeiternachschub bekommt, hat es schwer.
Bei ausgeglicheneren Partien ist das Timing sehr wichtig: Schon so mancher mit großem Plättchenvorrat wurde auf dem falschen Fuß erwischt, weil ein Mitspieler überraschend früh eine der Spielende-Bedingungen auslöste.

Was taugt es? SIBERIA ist ein gelungenes und spielenswertes Spiel, aber jenseits des Plättchen-Mechanismus fühlt es sich etwas fleischlos an. Weder die Spielgeschichte lockt mich hier nachhaltig an den Tisch, noch die Hoffnung, langfristig weitere Facetten des Spiels zu entdecken. Die Plättchen-Mechanik aber finde ich so interessant, dass ich sie mir durchaus noch in einem anderen Umfeld vorstellen könnte.

SIBERIA von Reiner Stockhausen für zwei bis vier Spieler, dlp games.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Die mangelnde Variabilität erhöht hier den Wettbewerb, denn man kann die besonders profitablen Rohstoffe nicht kampflos den Mitspielern überlassen. Die mangelnde Variabilität findet auch ihren Niederschlag im knappen und übersichtlichen Regelwerk wieder. Dieses ist so geschrieben, dass tatsächlich Zehnjährige das Spiel sich erarbeiten und anderen erklären können. Man muss nach Sätzen suchen, die zwei Kommas aufweisen. Das finde ich Spitze.

Dem Horten von Plättchen schiebt die Spielregel übrigens einen Riegel vor und wer seine Arbeiter nicht bewegen kann, hilft sich vielleicht mit der Erschließung von Rohstofffeldern. Glück, die starke Verzahnung der Aktionen und die Möglichkeiten der Mitspieler machen doch den Spielreiz aus oder eben auch nicht.

Ob Aufmachung und Thema Familien interessieren bezweifle ich allederdings. Ferner stört der hohe Verkaufspreis. Aber nachdem man den Kauf von Spielen mit den Emotionen beim Autokauf verglichen hat, gehört sich bei der vermögenden Spielergemeinde ein Preisleistungsverhältnis nicht mehr diskuttiert.

Andreas und Björn Kalies hat gesagt…

Wobei ich finde, das bei Siberia das Preisleistungsverhältnis sehr gut ist (jedenfalls bei mir). Ich kann ein Spiel für 20 Euro kaufen und 2x spielen oder Siberia für 35 und habe es bisher 15x gespielt. Besonders gut ist auch, dass es sich als schönes 2er-Spiel erwiesen hat!

Anonym hat gesagt…

Ich kann ein Spiel für 20 Euro kaufen und 15x spielen oder Spiel X für 35 und habe es 2x gespielt. Und wenn ich ein Spiel für 70 Euro kaufe, spiele ich 30x, ein Spiel für 140 Euro 60x usw. Und wer diese Seite regelmäßig liest, braucht nicht auf die Nominierungsliste Spiel des Jahres zu warten, sondern weiß schon vorher, welches Spiel garantiert nicht drauf steht und welches Spiel mit hoher Wahrscheinlichkeit drauf steht.

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