Mittwoch, 15. November 2023

Mycelia

Neulich bei Ravensburger: „Ich habe eine Themen-Idee für unser Familienspiel mit den blauen Steinen!“ – „Dann man tau!“

Wie geht MYCELIA? Wir wollen die blauen Steine loswerden, die verstreut auf verschiedenen Feldern unserer Tableaus liegen. Dazu müssen wir sie auf ein Feld verschieben, das sich „Schreinfeld“ nennt. Der Schrein ist der Ausgang. Wer sich zuerst aller Steine entledigt, gewinnt.
MYCELIA ist ein Deckbau-Spiel. Alle starten mit denselben sechs Karten. Zufällige drei davon habe ich pro Zug auf meiner Hand, spiele und führe sie aus und lege sie auf meinen Ablagestapel. Für den nächsten Zug ziehe ich drei neue Karten vom Ziehstapel. Geht das nicht, mische ich meinen Ablagestapel und mache ihn zum Ziehstapel.
Zum klassischen Prinzip eines Deckbauspiels gehört, dass man Karten hinzukaufen kann. So ist es auch in MYCELIA. Einige Karten bringen beim Ausspielen „Blätter“, und Blätter sind die Währung, um damit Karten aus dem wechselnden Angebot zu erwerben. Sie sind stärker als die Karten des Startdecks, beispielsweise erlauben manche von ihnen, Steine an Ort und Stelle zu vernichten, ohne den mitunter langen Weg zum Ausgang nehmen zu müssen.

Meine Startkarten ermöglichen lediglich, einen Stein von einem blauen Feld herunterzuziehen. Oder von einem grünen. Oder von einem roten. Allein mit den Startkarten käme ich also sehr langsam voran. Oder teilweise gar nicht, denn ich besitze keine Karten, um Steine von braunen Feldern herunterzuziehen.
Die stärkeren Karten, die ich hinzuerwerbe, sind oft an Bedingungen geknüpft, um sie vollständig nutzen oder überhaupt nutzen zu können. Beispielsweise erlauben sie, dass ich auf einem roten Feld meiner Wahl bis zu drei Steine vernichte – aber nur, wenn dort wenigstens zwei Steine liegen. Oder ich bekomme ein Blatt und darf einen Stein auf einem beliebigen Feld vernichten – auf dem jedoch auch nur exakt ein Stein liegen darf. Oder ich darf auf allen vier Nachbarfeldern eines Steines je einen Stein vernichten – aber nur, wenn der zentrale Stein einzeln auf seinem Feld liegt.
Alle entfernten Steine sammeln wir auf einem Pappgebilde, das ebenfalls „Schrein“ heißt. Ist abhängig von der Spieler:innenzahl eine bestimmte Menge Steine beisammen (was pro Partie meist dreimal vorkommt), darf irgendwer einen Mechanismus auslösen, der nicht nur die gesammelten Steine auf die Tischplatte kullern lässt, sondern auch einen Würfel, der bestimmt, wo auf ihrem Tableau alle Spieler:innen einen oder zwei neue Steine hinzubekommen. Längst aufgeräumte Ecken können also noch mal wieder vollgemüllt werden.


Was passiert? Aufgrund der niedlichen Optik (die meisten Karten zeigen vermenschlichte Pilzwesen) könnte man MYCELIA unterschätzen. Trotz relativ einfacher Regeln steckt dann aber doch Tiefe drin. Irgendwelche Karten zu kaufen und dann zu schauen, was sich so ergibt, ist eine schlechte Idee.
Will ich gewinnen, sollte ich erstens die Erfordernisse meines Spielplans berücksichtigen: Auf welchen Farbfeldern liegen viele Steine herum? Auf welche Farben lassen sich die Steine leicht ziehen? Ich sollte mir auch merken, welche Karten ich schon gekauft habe, um die Neuerwerbungen darauf abzustimmen. Und ich sollte mir erst recht merken, welche Karten in meinem Zielstapel noch kommen werden. Besitze ich die oben beschriebene, die ausgehend von einem zentralen Stein vier Nachbarsteine abräumen kann, wäre es ja klug, beizeiten eine entsprechende Konstellation auf meinem Brett herzustellen.
Dass man nicht sicher weiß, welche Karte wann auf die Hand kommt, und dass man im Markt Brauchbares oder auch weniger Brauchbares vorfinden kann, ist in MYCELIA der Glücksanteil. Abgesehen natürlich vom Würfel, der Erträgliches oder Ärgerliches beschert.


Was taugt es? Den Pappschrein empfinden manche als überflüssiges Gimmick. Mich stört er nicht. Er gewährleistet durch seine Sortierfunktion immerhin, dass man nie den Zeitpunkt verpasst, wann gewürfelt werden muss.
Eher schon fiel in meinen Partien negativ auf, dass die Symbolik, so logisch und eindeutig sie ist, nicht direkt in Fleisch und Blut übergeht. Es gibt immer wieder Nachfragen. Ein entscheidendes Manko ist aber auch das nicht.
Obwohl ich Deckbau mag und obwohl ich dessen Verknüpfung mit Fortbewegung auf einem Spielplan reizvoll finde, werde ich mit MYCELIA nicht warm. Ganz klar würde ich das wesentlich konkretere WETTLAUF NACH EL DORADO bevorzugen. Ich glaube, die starke Abstraktion verhindert, dass ich mehr ins Spiel hineingezogen werde.
Die grünen Felder sollen Moos darstellen, die braunen Felder Erde. Aber ich bin beim Spielen nie auf die Idee gekommen, tatsächlich im Wald zu sein. Oder irgendwas zu spielen, das mit Wald zu tun hat. Oder mit Pilzen. Oder mit Tautropfen (so heißen die blauen Steine nämlich offiziell). So entsteht bei mir wenig Beziehung zu dem, was ich hier tue. Ich bin mit dem Kopf, aber nicht mit dem Herzen dabei.
MYCELIA ist redaktionell gut gemacht. Gut finde ich, dass Karten mit höherem Schwierigkeitsgrad markiert sind und je nach Erfahrung der Spielerunde ein- oder aussortiert werden können. Gut finde ich auch, dass es neben einem Standardtableau noch individuelle Boards gibt, auf denen man mit unterschiedlichen Voraussetzungen startet. Vieles an MYCELIA ist mir sympathisch. Die Neugierde auf Folgepartien ist trotzdem eher mittel.


**** solide

MYCELIA von Daniel Greiner für eine:n bis vier Spieler:innen, Ravensburger.

1 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Danke für die Rezi. Genauso hätte ich es auch geschrieben. Nur einen Stern weniger.

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