Dienstag, 21. Februar 2012

Helvetia

Auch Pöppel haben Gefühle. Jedenfalls entnehme ich das dem Schachtelrückseitentext von HELVETIA: „Ihre Dorfbäckerin sehnt sich nach einem Partner und der Bauerssohn hat ein Auge auf die fesche Holzfällerin im Nachbardorf geworfen.“
Ich bin schockiert, das erst jetzt zu erfahren, denn ich habe meine Spielmaterialien bislang immer wie seelenlose Holzklötze behandelt. Niemals habe ich bei STONE AGE meine Figuren gefragt, ob sie Angst im Wald haben oder die Lehmgrube vielleicht zu schmutzig finden. In AGRICOLA habe ich ihnen Berufe aufgezwungen oder einen allein sechs Holz schleppen lassen.
Bitte vergebt mir, Freunde, es tut mir so Leid!

Wie geht HELVETIA? Wir produzieren Güter, um sie in die Stadt zu liefern. Jeder Spieler darf jedes Gut nur einmal abliefern, und jedes Gut zählt einen Punkt. Höherwertige Güter bringen demjenigen, der sie als Erster herstellt, ein oder zwei Extrapunkte.
Alle Waren sind nur virtuell vorhanden und müssen deshalb sofort verbraucht werden, was an NEULAND erinnert. Komplexere Waren erfordern Produktionsketten: Um Käse herzustellen, benötige ich eine Käserei samt Arbeiter, als Zulieferer einen Ziegenstall samt Arbeiter und als Zulieferer des Zulieferers einen Brunnen samt Arbeiter. Alle drei involvierten Arbeiter sind nach der Produktion des Käses sehr erschöpft und werden auf die Seite gekippt, um anzuzeigen, dass sie für den nächsten Einsatz erst wieder aktiviert werden müssen.
Außer für den Markt benötigt man die Güter auch als Rohstoffe, um damit weitere Häuser zu bauen, die entweder Teil der Produktionskette für komplexe Waren sind oder reine Siegpunkt-Gebäude.

Was passiert? Das Besondere an HELVETIA ist der Rhythmus: Es gibt fünf Aktionen. Bin ich am Zug, entscheide ich mich für eine. Ich darf sie gleich mehrmals ausführen, muss dann aber auch mehrere meiner Chips auf das entsprechende Aktionsfeld legen. Am Ende des Durchgangs wird für jedes Aktionsfeld überprüft, wem die meisten Chips gehören. Dieser Spieler erhält im nächsten Durchgang eine attraktive Bonusaktion. Die Kunst besteht darin, antizyklisch zu agieren. Und tunlichst nicht zu zurückhaltend. Besitzt nur noch ein Spieler Scheiben, endet der Durchgang sofort.
Ein weiteres interessantes Element ist das Einheiraten bei anderen Spielern. Jeder darf seine Gebäude nur mit einer eigenen Figur besetzen. Eine fremde Figur anderen Geschlechts darf hinzukommen und das Gebäude nun ebenfalls für sich nutzen. So gelangt man an zusätzliche Rohstoffe. Außerdem profitiert man meistens von der „Nachtwächter“-Aktion des Mitspielers, die sowohl eigene als auch fremde passive Figuren aktiviert. Der Nachteil des Einheiratens besteht darin, dass jede Paarbildung dem Mitspieler ermöglicht, über die Aktion „Hebamme“ mehr neue Figuren ins Spiel zu holen. Ein interessanter Rhythmus auch hier: Neugeborene müssen zunächst in die Schule und stehen erst einen Durchgang später zur Verfügung.

Was taugt es? Wie schon in zig Rezensionen zu lesen war, ist die Material-Umsetzung von HELVETIA misslungen. Weibliche und männliche Figuren sind schwer zu unterscheiden, grafische Informationen werden durch Holzmaterial überdeckt. HELVETIA kommt aufgrund seiner Unübersichtlichkeit nicht recht in Fluss. Aber nicht nur aufgrund seiner Unübersichtlichkeit.
Für mein Gefühl trifft das Spiel nicht richtig einen Punkt. Originelle Aspekte wie das Scheiben-Management stehen als Kleinigkeiten am Rande; im Großen und Ganzen geht es dann doch wieder darum, dass Rohstoffe hergestellt und Häuser gebaut werden. Die Unterteilung der Figuren in Männlein und Weiblein bleibt eine hübsche Äußerlichkeit; spielmechanisch ändert es nichts bzw. macht lediglich die Abläufe komplizierter, weil es ein weiteres restriktives Detail ist, das beachtet werden muss.
Und weil so viele Details und Haken verwoben sind, kommt es mir so vor, als fehle HELVETIA die Luft zum Atmen. Es verläuft kleinschrittig, und nach der länglichen Eröffnung mündet die Partie ohne Zentrum direkt ins Endspiel.

HELVETIA von Matthias Cramer für zwei bis vier Spieler, Kosmos.

1 Kommentare:

Sarah hat gesagt…

sehr treffend!

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