Freitag, 4. Juli 2014

Istanbul

Bekanntlich sind CONCORDIA, ISTANBUL und ROKOKO für die Wahl zum Kennerspiel des Jahres nominiert. Wer aus meinen Rezensionen herauslesen möchte, welches der drei ich wähle, dürfte es schwer haben. Denn alle drei, so unterschiedlich sie auch sind, empfinde ich als „reizvoll“. Ätsch! (Außerdem wähle ich sowieso nicht unbedingt nach meinem persönlichen Geschmack. Doppelätsch!)

Wie geht ISTANBUL? Fünf Edelsteine zu besitzen, ist das Ziel. Die Spielfläche besteht aus vier mal vier, also 16 Feldern. Auf fünf davon lassen sich Rubine erwerben: die meisten beim Edelsteinhändler (gegen Geld) und im Sultanspalast (gegen Waren).
In den beiden Moscheen und in der Wagnerei verbessert man (wieder gegen Geld oder Waren) seine Fähigkeiten. Sind diese voll entwickelt, erhält man einen Edelstein hinzu. Mit Ausnahme der Wagnerei gilt: Die Preise / Anforderungen für die Juwelen steigen, je mehr Spieler bereits da waren.
Natürlich bringen auch die elf anderen Felder Vorteile: sei es, dass man Waren erhält, Waren gegen Geld verkauft oder Aktionskarten nimmt.
Jeder Spieler zieht mit einem Turm aus fünf Scheiben, pro Zug ein oder zwei Felder weit. Um eine Aktion ausführen zu dürfen, muss auf dem Feld eine Scheibe zurückgelassen werden. So schmilzt der Turm; und um alle Scheiben wiederzubekommen, muss der Spieler zum Brunnen ziehen – oft ein ärgerlicher Umweg. Auf elegantere Weise liest man seine Scheiben auf, indem man Felder erneut besucht, auf denen bereits eine eigene Scheibe liegt. Diese kommt nun zurück unter den Turm, obendrein darf die Aktion ausgeführt werden. Doch nicht immer und überall muss dies der Königsweg sein. Das Obstlager beispielsweise erlaubt mir, so viele gelbe Waren zu nehmen, wie in meinen Karren passen. Sammle ich im Obstlager meine Scheibe ein, solange der Karren noch voll ist, verschenke ich die Aktion.

Was passiert? Die Herausforderung in ISTANBUL besteht darin, ökonomisch zu spielen und mit möglichst wenigen Zügen ans Ziel zu kommen. Da sich die Felder für jede Partie neu anordnen lassen, muss die Strategie der Ausgangslage angepasst werden. Ein taktisches Element sind die neutralen Figuren und die der Mitspieler: Zum Gouverneur und zum Schmuggler (sie wechseln nach jedem Besuch ihren Ort) zieht man gern, weil sie einen kleinen Vorteil gewähren; zu einem Mitspieler zieht man ungern, weil man ihn dafür bezahlen muss.
ISTANBUL erfordert, das Spielfeld und die Mitspieler zu lesen. Optimalerweise findet man einen individuellen Weg zum Edelsteinerwerb. Wer so spielt, wie die anderen auch spielen, hat es schwerer. Meiner Erfahrung nach sind nicht alle Wege gleichermaßen effizient – müssen sie aber auch nicht sein. Dass der Rubinerwerb beim Edelsteinhändler tendenziell günstiger ist als im Sultanspalast, sieht man ja auch schon daran, dass hier viel mehr Klunker vorrätig sind.
Um den Wiederholungsreiz von ISTANBUL zu erleben, sollte man sich schnell von der Startaufstellung für Anfänger lösen, die vorgeschlagenen Varianten ausprobieren und schließlich das Spielfeld frei aufbauen.

Was taugt es? Bei ISTANBUL werden manche (durchaus wichtige) Dinge per Würfelwurf entschieden. Da eine Partie ohne Erklärung in 45 Minuten zu schaffen ist, finde ich diesen Glücksanteil legitim und nicht störend. Die Kompaktheit von ISTANBUL ist ohnehin der große Pluspunkt: kein Schnickschnack, alles fokussiert auf das Spielziel, jeder Zug beinhaltet eine interessante Entscheidung. Weil ISTANBUL so schnell von der Hand geht, erzeugt es einen Sog. Unterlege Spieler wollen es das nächste Mal besser machen und fordern Revanche.
Was ich in ISTANBUL allerdings vermisse, ist ein Thema oder zumindest die große, leitende, neuartige Idee. Alle Mechanismen sind gut verschraubt auf den Punkt gebracht, doch insgesamt wirkt ISTANBUL eher konstruiert, denn inspiriert.

ISTANBUL von Rüdiger Dorn für zwei bis fünf Spieler, Pegasus Spiele.

6 Kommentare:

ravn hat gesagt…

So interessant ich Instanbul vom spielerischen Ansatz eines Wettrennens um Edelsteine über die 16 verschiedenen Aktionsfelder finde, haben mir meine beiden Fünferpartien nur bedingt gefallen: Als letzter Spieler hat man zwar mehr Geld, läuft aber Gefahr, den Mitspielern hinterherzulaufen, weil die vier scheinbar besten Startzüge schon von gemacht worden sind. Wenn man Glück hat, hilft einem seine Starthand dabei, aber Glück ist bei dem Spiel eh schon fast überstrapaziert. Und Glück kann auch sein, wenn die Mitspieler einem nicht die Folgezüge verteuern oder durch frühzeitiges Abräumen der Boniplättchen erstmal unmöglich machen. Weil Zeitverlust führte in meinen zwei Partien zur Niederlage. Also lieber mit weniger Spielern spielen, wenn man mehr Kontrolle im Spiel mag?

Thygra hat gesagt…

@ravn: Wie kommst du darauf, dass es genau 4 beste Startzüge gibt? Das halte ich für nicht zutreffend.

ravn hat gesagt…

@Thygra: Habe ich so auch nicht geschrieben und gemeint. Es gibt sicherlich noch viel mehr beste Startzüge, nur als fünfter Spieler sind "die vier scheinbar besten Startzüge schon gemacht worden", bevor man dann selbst zum Zug kommt und Plan A,B,C und D nicht mehr funktioniert und man auf Plan E zurückgreifen muss, sofern man den findet. Weil hinterherlaufen ist teuer, also macht das Nachahmen der ersten beiden Mitspieler-Züge wohl keinen Sinn, oder?

Ganz konkret hätte ich in meiner letzten 5er-Partie gerne eines der beiden Moschee-Plättchen abgegriffen, nur war durch die Startzüge meiner Mitspieler klar, dass ich da eben nicht als Erster ankommen werde und mein Wunschplättchen zu teuer sein wird. Also habe ich dann notgedrungen einen anderen Weg eingeschlagen. Das zeigte mir, dass wer in der Spielreihenfolge vorne sitzt, mehr Startoptionen zur Verfügung hat als die nachfolgenden Spieler.

Thygra hat gesagt…

Es ist richtig, dass sich der Startspieler gezielt sein erstes Moscheeplättchen aussuchen kann. Da es aber keine optimale Gewinnstrategie gibt, ist das kein Problem.

Als fünfter Spieler kann ich durchaus zumindest im ersten Zug einem anderen Spieler hinterherziehen, und dann ab den zweiten Zug trotzdem eine andere Strategie wählen als der Spieler, dem ich zuerst hinterhergezogen bin. Denn der erste Zug alleine legt noch keine klare Strategie fest

pascha64 hat gesagt…

sehr viele Möglichkeiten das Spielbrett aufzubauen von leicht bis schwer wird nie langweilig. Tolles Spiel!

Anonym hat gesagt…

Hiho,

Via Nebula wurde in meinem Bekanntenkreis ebenso zunächst leicht gehyped. Inzwischen ist aber auch da etwas Ernüchterung eingekehrt. Ich selber empfinde das Spiel gerade wegen der seltsam harten Negativwertung für verbliebene Rohstoffe unrund. Es zerstört den schönen "Flow" vom Anfang des Spiels. Im Gegensatz zum Spiel "Istanbul", bei dem es ja auch auf Tempo und Zugoptimierung ankommt, fühlt sich "Via Nebula" aufgrund der angesprochenen "Verlegenheitszüge" zum Ende auch noch negativ an. Außerdem halte ich den destruktiven Effekt der "Nebelmaschine" zunehmend für störend. Der Tempoverlust ist imho gerade im Endspiel für den betroffenen Spieler sehr hoch. Fühlt sich auch nicht gut an. Es bleibt mal wieder das Gefühl, dass Meister Wallace doch noch etwas am Spiel hätte feilen sollen...

Apropos feilen: Da sich aber das Spielmaterial ansich und der "Flow" am Anfang des Spiels gut anfühlen, mal hier die Frage, ob jemand schon Varianten getestet hat, die das Spiel runder machen?

Beste Grüße
Guido

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