Samstag, 8. Februar 2020

Pictures

Wer zu häufig REZENSIONEN FÜR MILLIONEN konsumiert, mag es kaum glauben: Der Jahrgang enthält auch gute Spiele! Anbei nach Wochen und Monaten des Dauernörgelns ein Positiv-Beispiel.

Wie geht PICTURES? 16 Fotokarten liegen aus. Mit Materialien wie beispielsweise Bauklötzen oder Schnürsenkeln oder Farbwürfeln bilden wir geheim bestimmte Fotos nach; jede*r mit einem anderen Material-Set. Hinterher wird geraten, Treffer bringen Punkte, alle Materialien werden weitergegeben, so dass am Ende jede*r mal mit jedem Werkstoff arbeiten musste.


Was passiert? Nicht immer fällt die Nachbildung leicht, schon gar nicht mit den vorgesehenen Instrumenten. Gefühlt erwischt man immer das falsche Bild. Wie sollen denn sechs kantige Bauklötze genügen, um eine Weinrebe mit 50 runden Trauben abzubilden? Wie macht man einem störrischen Schnürsenkel klar, dass es bei Architektur auf gerade Linien und exakte Winkel ankommt? Die Aufgaben fordern heraus. Und genau deshalb bereiten sie Spaß.
Das Raten ist nicht minder unterhaltsam. Sich hineinzudenken, wie andere Spieler Bilder wahrnehmen, ob sie eher Details oder Strukturen oder das Gesamtwerk im Blick haben, reizt als Interpretationsaufgabe. Die Auflösungen sind von Jubel und Stöhnen untermalt. Der Punkt, den man gewinnt oder nicht gewinnt, erscheint am Ende gar nicht so wichtig. Wirklich belohnend ist das befriedigende Gefühl, subtile Bildaussagen in genialer geistiger Übereinstimmung verstanden zu haben.


Was taugt es? Der erzwungene Materialtausch ist das Sahnehäubchen. Da meint man, schlimmer als die Schürsenkel könne es nicht mehr kommen. Und kriegt flugs die Symbolkarten aufs Auge gedrückt, mit denen kaum die Bildformen, sondern eher die Bildinhalte dargestellt werden können.
Womit ich beim Bekritteln von Kleinigkeiten angekommen wäre: Die Symbolkarten finde ich vergleichsweise unspannend. In meinen Runden wurden sie selten auf überraschende Weise eingesetzt. Zwei der Materialsätze (Bauklötze und Steinzeitkram) sind in ihrer Verwendung recht ähnlich. Ich finde es zudem etwas ungünstig, dass einige der Fotos hochkant, die meisten aber quer sind. Und wer über Kopf gucken muss, wird feststellen, dass viele Bilder wenig kontrastreich sind. Aus ungünstiger Perspektive erkennt man nicht viel.

Dass dieselben Fotos während einer Partie mehrfach an die Reihe kommen können, hat Vor- und Nachteile. Langweilig ist es immer dann, wenn ein Bild zweimal mit exakt demselben Material nachgestellt werden soll. Man kopiert dann einfach die vorherige Darstellung und streicht sichere Punkte ein. Sehr interessant finde ich es aber, wenn dasselbe Foto mit unterschiedlichen Bauteilen umgesetzt werden soll. Welch originelle Lösungen die Spieler*innen da finden, wird immer wieder zum Aha-Erlebnis.
Die Grundidee, etwas nachzubilden und zu erraten, ist nicht völlig neu. Auch die Verwendung unzureichender, weil absichtlich reduzierter Materialien gab es schon. PICTURES gewinnt dem Genre dennoch etwas Neues ab. Dass alle gleichzeitig erst bilden und dann raten, stellt einen schönen Spielfluss her. Der erzwungene Materialtausch verhindert Gewöhnung und gleicht die Fähigkeiten der Beteiligten etwas aus. Wer mit den Schnürsenkeln überhaupt nicht zurechtkommt, ist vielleicht ein Farbwürfeltalent. PICTURES spricht verschiedene Sinne an und verbindet auf harmonische, angenehme und vor allem spielerische Weise Handarbeit, Kreativität und Intellekt.


***** reizvoll

PICTURES von Daniela und Christian Stöhr für drei bis fünf Spieler*innen, PD-Spiele.

2 Kommentare:

Kai Frederic hat gesagt…

Ich muss auch sagen, dass ich die Symbolkarten am stärksten kritisiere. Dabei finde ich die Idee fast noch am spannendsten. Nur meistens ist das etwas, das nicht erraten wird. Es sei denn jemand hat mal Glück und es gibt eine Symbolkarte, die exakt darstellt, was auf dem Bild zu sehen ist (z.B. ein Schloss). Man muss zwar noch eine zweite Karte dazu legen, aber irgendwie ist mir in solchen Situationen der Glücksfaktor einfach zu hoch. Hier wird Originalität leider nur selten belohnt.

Micha A. hat gesagt…

Fand ich das Spiel zunächst nicht nur "reizvoll" sondern fast sogar "außerordentlich" muss ich bereits nach etwa 15 Partien feststellen, dass der Reiz total verflogen ist. Das hatte ich in dieser krassen Form bei keinem anderen Spiel, soweit ich mich erinnern kann. Woran liegt's? In erster Linie daran, dass schlichtweg zu wenige Bilder beiliegen und man - erstaunlicherweise - doch immer den Chip des Bildes aus dem Säckchen zieht, das man neulich schon mal hatte. Zum Teil sogar mit dem gleichen Material. Oder dass dies sogar in der gleichen Runde passiert. Zum anderen ist es zu leicht. Einigermaßen gewitzte Spieler bekommen immer irgendwie was hin, was das zu erkennende Motiv siginifikant erkennen lässt. Die Erkennungsquote liegt meiner Erfahrung nach bei etwa 80%, was zunächst einmal "freundlich" klingt, aber doch irgendwie den Reiz heraus nimmt. Und zuletzt: Es ist nicht witzig. Im Gegensatz dazu hat "Krazy Wordz" alles: Es ist lustig, es ist teilweise abstrus, es führt auf falsche Wege und es hat ausreichend Varianz - selbst wenn ich zum 10ten Mal ein Synonym für den "Donaudamofschiffahrtskapitän" suchen muss - die Buchstabenkombi ist doch jedesmal eine andere.

Kommentar posten

Aufklärung über den Datenschutz
Wenn Sie einen Kommentar abgeben, werden Ihre eingegebenen Formulardaten (und unter Umständen auch weitere personenbezogene Daten, wie beispielsweise Ihre IP-Adresse) an den Google-Server übermittelt. Mit dem Absenden Ihres Kommentars erklären Sie sich mit der Aufzeichnung Ihrer angegebenen Daten einverstanden. Auf Wunsch können Sie Ihre Kommentare wieder löschen lassen. Bitte beachten Sie unsere darüber hinaus geltenden Datenschutzbestimmungen sowie die Datenschutzerklärung von Google.