Mittwoch, 20. Juni 2012

Die GulliPiratten

Superdicke Pappe ist kein Allheilmittel. Wäre es so, kämen bei DIE GULLIPIRATTEN alle Spieler sofort mit den Übersichten klar. Kommen sie aber nicht – weil die sechs unterschiedlichen Tiersorten darauf ganz anders abgebildet sind, als die Figuren tatsächlich aussehen. Und so geschieht es, dass einige meiner Mitspieler DIE GULLIPIRATTEN schon nach der ersten Partie ein für alle Mal ablehnen.
Auch nicht gerade förderlich ist folgender Widerspruch: Von außen sieht DIE GULLIPIRATTEN böse, aggressiv und höchst thematisch aus. Innen steckt ein sehr strukturiertes, schlankes Taktikspiel. Gewiss: Man könnte nachsichtiger sein, sich einarbeiten und dem Spiel eine zweite Chance geben. Aber das riesige Angebot heutzutage macht uns dekadent.

Wie geht DIE GULLIPIRATTEN? Wir sind auf Beutezug in der Kanalisation. Durch das Ausspielen von Symbolkarten gelangen wir auf drei verschiedene Schiffe und rücken dort in der Hierarchie nach oben. Nachdem einer irgendwo den Kapitänsplatz ergattert hat, werden die vor dem Bug liegenden Plättchen verteilt. Der Kapitän wählt zuerst und bekommt obendrein ein Spezialplättchen. Die weitere Wahl geschieht nach Rangfolge. Wer Beute kriegt, muss von Bord. Anschließend startet das Schiff zu einem neuen Raubzug.
Nebenbei bemerkt: Die Setzregeln sind eigentlich einfach. Trotzdem erstaunt, wie viele Fehler dabei gemacht werden. Spieler wollen zu viele oder zu wenige Karten bezahlen oder verstehen nicht, wann sie Kapitän werden dürfen. Es hätte nichts geschadet, auch die Grundregeln auf den Übersichten zu visualisieren.

Was passiert? Die Wertung legt eine Spezialisierung auf bestimmte Beutestücke nahe. Außerdem benötigt man einige der Spezialplättchen. Beispielsweise bringen Pommes umso mehr, wenn man auch Ketchup dazu hat; Puppen punkten nur mit einem Papagei.
Der fortgeschrittene Gullipiratt analysiert also die Beute-Auslage und schaut, wo er unbedingt Kapitän werden will, auf welchem Schiff ihm ein Mittelfeld-Platz genügt und wo er sich komplett heraushält. Entsprechend wird er versuchen, Symbolkarten zu sammeln.
Ob und wie gut die Umsetzung gelingt, ist neben Kartenglück und Mitspielerverhalten eine Frage der Taktik. Die Spieler besitzen Figuren mit individuellen Eigenschaften. Jedes Tier hat seine Stärken und sollte passend eingesetzt werden: Die Ratte greift besonders viel Beute ab, der Waschbär steht anderen störend im Weg herum, die Schnecke kriecht mit Glück ein Feld weiter, als sie bezahlt hat.

Was taugt es? DIE GULLIPIRATTEN besitzt gemessen an Spieldauer (unter einer Stunde) und Lernaufwand eine schöne Spieltiefe. Wertungsregeln und Figuren-Eigenschaften verleihen dem Spiel eine eigenständige Note.
Wer genau die Zielgruppe sein soll, bleibt unklar. Vielleicht ja ich, denn mir macht’s Spaß. Aber werden noch viele andere das Gelungene hinter der seltsamen Fassade entdecken?

DIE GULLIPIRATTEN von Andreas Pelikan für zwei bis fünf Spieler, Heidelberger Spieleverlag.

2 Kommentare:

Udo Möller hat gesagt…

Ich kann Dir nur zustimmen: auch mir machen die Gullipiratten viel Spaß.
Bestimmt besteht die Zielgruppe ja aus den Udos dieser Welt - die soll man ja nicht heiraten - vielleicht, weil sie gerne dieses Spiel zocken? :-)

Anonym hat gesagt…

Bei uns hat das Spiel ganz gut funktioniert und auch Spaß gemacht. Ist eben, wie von dir beschrieben, in Wirklichkeit ein sehr taktisches Spiel. Wobei man dazu sagen muss, wir sind eine Intensiv-Spielertruppe und die meisten mit Vorliebe für sehr strategische Spiele.

Mein großes Plus für das Spiel ist auch die schöne Gestaltung mit den detailreichen Figuren, die dem ganzen Leben einhauchen.

Rosi

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