Donnerstag, 14. November 2013

Kashgar

Auf DOMINION folgten zahlreiche Spiele, die so waren wie DOMINION – nur leider nicht ganz so gut. Einige sind wieder verschwunden; die Welt drehte sich trotzdem weiter. Auch die Spieleerfinder-Welt. Jetzt erleben wir offenbar die zweite Nach-DOMINION-Welle. In zum Beispiel ROKOKO, CONCORDIA und eben auch KASHGAR, die im sonstigen Ablauf wenig mit DOMINION gemeinsam haben, starten die Spieler mit demselben Karten-Set und erwerben im Laufe des Spiels individuell Karten hinzu. Diese Grundidee finde ich nach wie vor so stark, dass ich schnell angefixt bin. Bei KASHGAR ließ der anfängliche Reiz allerdings nach.

Wie geht KASHGAR? Früher hieß es noch: Andere Länder, andere Sitten. Heute ist es selbst auf der fernen Seidenstraße so wie überall. Ist das jetzt Globalisierungskritik? Nein, allenfalls Siegpunktisierungskritik. 25 Siegpunkte oder mehr sind in KASHGAR das Ziel. Punkte zählen vor allem erledigte Aufträge, in geringerem Maße auch manche Personenkarten im Deck.
Jeder Spieler führt drei „Karawanen“, hierzulande auch unter dem Begriff „Kartenreihen“ bekannt. Wer am Zug ist, sortiert die vorderste Karte einer der drei Karawanen hinten ein und nutzt ihre Funktion. Die „Marktfrau“ beispielsweise erhöht den Bestand aller Gewürze um eins, die „Gönnerin“ erhöht pro Karte in ihrer Karawane die Zahl der Esel oder ein beliebiges Gewürz um eins, zahlt dafür aber ein Gold.
Einige Personen dürfen Aufträge erfüllen. Ein Auftrag für fünf Punkte lautet etwa: Gebe ein Ingwer, drei Nelken, zwei Pfeffer, ein Stern-Anis und zwei Zimt ab. Und außerdem musst du fünf Esel besitzen, sonst darfst du das gar nicht – ätsch!
In jeder der drei Karawanen befindet sich zu Spielbeginn ein „Patriarch“. Seine Funktion: Zwei Karten vom Stapel ziehen, eine behalten und hinten einreihen. Verzichtet ein „Patriarch“ auf seine Aktion, wird er vorübergehend zur „Matriarchin“. Sie rekrutiert gezielter, indem sie dazu den Ablagestapel durchsucht.

Was passiert? Man spielt erst mal frisch drauflos, holt sich irgendwelche Karten, macht hier, macht da, und alles fühlt sich toll an, weil es sich ja bestimmt noch optimieren lässt und weil die zwölf optionalen Zusatzkarten „Hauen und Stechen“ weitere Finessen versprechen. So viele Finessen finden sich dann aber gar nicht.
Eine beliebte Methode (wenn auch kein Allheilmittel) ist, eine Karawane soweit zu entsorgen, dass nur ein Auftragerlediger übrig bleibt. Dieser ist als vorderste Karte dann immer sofort zur Hand.
Die Alternative zu „viele und teure Aufträge erfüllen“ ist das Sammeln von „Bauern“. Sie zählen einen Punkt pro Getreidefeld-Auftrag. Ob das chancenreich ist, hängt sehr davon ab, wie viele Bauern ins Spiel kommen und wie schnell. Auf Bauern zu spielen, ist eine Entscheidung, die sich aus der Situation heraus ergibt – so wie KASHGAR generell ein rein taktisch geprägtes Spiel ist. Da der „Patriarch“ immer nur die Wahl zwischen zwei Karten zulässt, muss man im Großen und Ganzen damit leben, was sich ergibt.
Etwas mehr Planungssicherheit besteht, sobald die Karawanen halbwegs stehen. Jetzt kann ich berechnen, in welcher Reihenfolge ich meine Karten aktivieren muss, um einen angepeilten Auftrag zu erfüllen. Trotzdem bleibt es weiterhin Glückssache, ob überhaupt passende Aufträge ins Angebot rutschen. Um auf Unpassendes zu reagieren, ist das System in KASHGAR zu behäbig. Für große Umstellungen fehlt die Zeit.

Was taugt es? KASHGAR ist ein Spiel, das man auch zu viert in weniger als einer Stunde runterzocken kann. Für diese Spieldauer passt auch der Einfluss. Der Reiz besteht darin, mal diese und mal jene Karte auszuprobieren. Das Spiel wirkt allerdings gedeckelt, so als hätte es ganz bewusst kein Freakspiel werden sollen. Der äußerst reizvolle Grundmechanismus hätte sicher noch komplexere Wechselwirkungen und strategischere Entscheidungen zugelassen. So wirkt KASHGAR auf mich etwas fleischlos.
KASHGAR fühlt sich außerdem solitär an. Ganz wenige Karten nehmen Einfluss auf die Mitspieler. Überwiegend begegnet man sich nur beim Erfüllen von Aufträgen, indem vielleicht der eine sich ausgerechnet das schnappt, was auch der andere haben wollte. Da dies oft unabsichtlich geschieht, würde ich es nur bedingt als „Interaktion“ bezeichnen.

KASHGAR von Gerhard Hecht für zwei bis vier Spieler, Kosmos.

3 Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Das Problem von KASHGAR ist die Altersangabe "ab 12" und die damit verbundene Erwartungshaltung, dass hier wieder ein Vielspielerspiel (kein Freak-Spiel!) vorliege. Das ist KASHGAR aber nicht. KASHGAR will nach meinem Verständnis nicht "ausgerechnet" werden (wie es in der Rezension anklingt), sondern "erlebt" werden. Und das passt in der richtigen Runde mit Spielern, die einfach spielen, weil sie sich dabei entspannen und Spaß haben wollen, hervorragend. Da reicht dann auch die geringe Interaktion, die wohl weniger im gegenseitigen Wegschnappen von Aufträgen besteht (denn das ist wirklich wenig planbar), sondern im Wettlauf um die Siegpunktzahl.

Hendrik hat gesagt…

Oh man, das Spiel habe ich noch nicht einmal vorliegen, da ist es schon dekonstruiert. Die anderen Rezensenten sagen doch alle "reizvoll" und "mit besonderem Kniff"... Hier kommt's ziemlich langweilig rüber...

Jürgen hat gesagt…

Wie immer ist alles eine frage des betrachtens und des eigenen Spielegeschmack! Spiele eine Partie wenn möglich zur Probe und bilde Dir dann Dein eigenes Urteil.

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