Dienstag, 13. November 2018

Vor 20 Jahren (70): Schach (2)

In meinem Leben hatte ich drei Schach-Phasen. Während meiner ersten war ich noch Schüler und hielt mich für ein Genie (irrte aber), während meiner zweiten lernte ich als Angegriffener viel über das Angriffsspiel und während meiner dritten spielte ich nur, um mein Gehirn am Verdorren zu hindern.

Es geschah während einer einjährigen beruflichen Fortbildung „Journalist“. Deren Programm hatte sich super angehört. Nach 48 peinlichst durchgetakteten Ausbildungswochen sollte man fit gemacht werden für mindestens den sofortigen Eintritt in ein Volontariat und langfristig den Chefsessel der SPIEL DOCH. In Oldenburg lief die Maßnahme angeblich schon seit mehreren Jahren höchst erfolgreich und die Absolventen waren an solch hervorragenden Zeitungen wie der NWZ gelandet.

Ich war sehr interessiert und motiviert, hatte aber von Journalismus und der Realität in Zeitungsredaktionen keine Ahnung. Nach den zwölf Monaten war ich dann etwas schlauer und hatte gelernt: Ich schreibe zwar gerne, aber eigentlich nur über Spiele. Und deshalb will ich auch gar keinen Volontariatsplatz haben, ätsch.

Trotzdem hätte ich in der Fortbildung mehr lernen wollen, als es tatsächlich der Fall war. Doch schon nach einer Woche hinkten wir dem angeblichen Lehrplan arg hinterher, und spätestens nach einem Monat begriff ich: Es gab gar keinen Plan.

Schwer zu sagen, woran die Sache scheiterte. Sicherlich waren zu viele im Kurs, die nur ihre Zeit absitzen wollten und die Gruppe langsam, aber sicher runterzogen. Das durchführende Institut wirkte von seinem eigenen Bildungsangebot zudem vollkommen überrascht und bot gar nicht die technischen Voraussetzungen.

Und drittens: Nach einigen Wochen wurde der Kursleiter abgesägt und nicht so richtig durch irgendwen ersetzt. Es entstand ein diffuses Vakuum mit unvorhersehbar wechselnden Dozenten. Es war wie monatelanger Vertretungsunterricht. Und es gab sehr, sehr viel Leerlauf. Und ich spielte sehr, sehr viel Schach.

Ein Mitschüler hatte das Programm Fritz auf unserem Rechner installiert. Ich sah es als Chance: Wenn ich schon nicht als Journalist groß rauskam, dann wollte ich bei dieser Fortbildung doch wenigstens Schachmeister werden. Also ließ ich Fritz unsere Partien analysieren und druckte hinterher (wenn es niemand bemerkte) seine Bewertungen aus, um daraus zu lernen.

Einige besitze ich noch heute. Hier: Angenommenes Damengambit, 2. Oktober 1998. In 55 Zügen hatte ich Fritz glorreich mattgesetzt, und er nörgelte, es sei viel zu langsam gegangen:
„Sxd2 wäre im Gewinnsinne präziser.“
„Txc6! erleichterte Schwarz die Gewinnführung.“
„Txd4! und Schwarz ist direkt am Ziel.“
Blablabla.

Wer kennt das nicht? Man hat gewonnen und muss sich hinterher anhören, wie scheiße man eigentlich gespielt hat! Von solchen Spielertypen halte ich mich heutzutage lieber fern. Doch vor 20 Jahren konnte ich mir das nicht aussuchen. Fritz war mein Freund und im Gewinnsinne erschien es präziser, meine Zeit mit ihm statt mit den angebotenen Lehrinhalten zu verbringen. Man sagt, Spielen sei ein Kulturgut. Aber noch vor der Kultur kommt das reine Überleben. Und siehe da: Spielen gewährleistet auch das.


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