Donnerstag, 16. April 2020

Mystery House

Erst wenn die letzte schwarze Schachtel geöffnet, der letzte Zahlencode eingegeben und das letzte Rätsel gelöst ist, werdet ihr feststellen, dass man sich an diesem Genre auch überfressen kann.

Wie geht MYSTERY HOUSE? Jetzt hat auch Schmidt endlich ein Escape-Spiel. Es unterscheidet sich von anderen durch seinen 3D-Aufbau. Die Box wird zu Spielbeginn so präpariert, als stünden wir vor einem quadratischen Haus.
An den Außenwänden finden wir Hinweise und Gegenstände, die wir in Form von Karten an uns nehmen. Indem wir Rätsel lösen oder die richtigen Gegenstände mit abgebildeten Objekten kombinieren, dürfen wir zur Belohnung Wände entfernen. Das eröffnet uns Blicke auf das Innere, wo wir wieder neue Dinge entdecken. Und so weiter.
Gesteuert wird das Spiel von einer App. Sie misst die Zeit und verhängt auch Strafen. Wenn wir beispielsweise eine gefundene Brechstange an einem Objekt bei Koordinate C1 anwenden wollen und der Computer sagt nein, werden 30 Sekunden zur abgelaufenen Zeit hinzugezählt. Über die App lassen sich auch Hinweise anfordern. Und am Ende des Spiels berechnet sie aufgrund des Zeitverbrauchs und der benötigten Hilfen einen Sternchen-Score.


Was passiert? Man sucht die Wände ab. Man findet Dinge. Man probiert rum.
Oder auch nicht, denn die App ist gnadenlos, und irgendwann traut man sich kaum noch. Schlüssel in Tür? – Zack, Zeitstrafe! Denn leider war es der Schlüssel einer anderen Tür. Mit Gegenstand irgendwo draufhauen? – Zack, Zeitstrafe! Um einen Weg zu bahnen, ist hier eine andere Lösung vorgesehen.
An späterer Stelle wiederum soll man mit dem Gegenstand draufhauen. Das hat man sich wegen schlechter Erfahrung jetzt vielleicht verkniffen. Man will ja nicht noch mehr Strafen. Die setzt es übrigens auch, wenn man sich mal vertippt, was mir zweimal beim „Erkunden“ passiert ist: Man gibt die Koordinate ein, an der man sucht, und im Display erscheint eine lange Liste von Dingen, aus der man das vermeintlich Erspähte herauspicken soll.
Dieser Mechanismus wirkt ohnehin behelfsmäßig, zumal die Sachen teilweise anders benannt sind, als man es erwarten würde. Selbst Hinweise sind manchmal wenig hilfreich formuliert. Und die Redaktion hat sich auch nicht die Mühe gemacht, Rätselbegriffe ins Deutsche zu übersetzen.
Das Herzstück des Spiels, der 3D-Aufbau, verliert bald seinen Reiz und nervt dann sogar. Um in verborgene Ecken hineinzuschauen, muss ich die Schachtel in die Hand nehmen, drehen, in einem bestimmten Winkel vor mein Auge führen. Und meine Mitspieler*innen an den anderen Seiten der Schachtel sehen dann – nichts. Oder allenfalls Gewackel. Wir können nur abwechselnd sinnvoll mit der Box hantieren.


Was taugt es? Die Idee, das Dreidimensionale eines Escape-Raum am Spieltisch nachzuempfinden, klingt vielversprechend. Allerdings ergeben sich etliche Probleme an der Schnittstelle Mensch – Spiel.
Während ich in einem realen Raum frei wäre, mich zu bewegen und Dinge zu probieren, muss ein analoges Spiel mit strikten Setzungen arbeiten. Der Weg und die Lösung stehen fest. Alles, was davon abweicht, ist per Definition falsch. Das fühlt sich willkürlich an. Also nicht so, als würde ich tatsächlich Probleme lösen, sondern als müsste ich erraten, welche Variante das Spiel als einzigen richtigen Weg vorgesehen hat.
Die Rätsel als solche sind üblicher Standard ohne Überraschungen. MYSTERY HOUSE enthält zwei Abenteuer. Gar nicht sonderlich viel. Aber genügend, denn ich bin an keinem weiteren interessiert.


** misslungen

MYSTERY HOUSE von Antonio Tinto für einen bis fünf Spieler*innen, Schmidt.

2 Kommentare:

CreMo hat gesagt…

Danke!

Ich war von der englischen Version schon maßlos enttäuscht und konnte die Auszeichnung mit dem ToyAward nicht fassen.

Ich hatte dann die vage Hoffnung, dass Schmidt mit der redaktionellen Bearbeitung vielleicht doch noch was rausgeholt hat.

Sind die Plättchen denn jetzt wenigstens matt gedruckt? Im Original wird Licht von den "glossy" Oberflächen schön reflektiert, so dass man ausschließlich bei gutem Tageslicht und ganz sicher nicht mit den als Zusatz auf der Messe gekauften Taschenlampen spielen konnte.

Udo Bartsch hat gesagt…

Auch diese Hoffnung muss ich leider zerstören. Die Oberflächen reflektieren. Ob vielleicht weniger als beim Original, kann ich nicht beurteilen, da ich das Original nicht kenne.

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