Dienstag, 4. Januar 2022

Die Rote Kathedrale

Neues Jahr, altes Problem.

Wie geht DIE ROTE KATHEDRALE? Wir bauen die Moskauer Basilius-Kathedrale. Aber nicht kooperativ. Wie es bei Großbauten häufig der Fall ist, wurden auch hier mehrere Bautrupps gleichzeitig angeheuert, und sie konkurrieren nun darum, als ruhmreichster aller Bautrupps ausgezeichnet zu werden.
Ein Spielzug könnte darin bestehen, dass ich einen der noch nicht vergebenen Bauabschnitte für mich reklamiere. Oder bis zu drei Materialien zu meinen Bauabschnitten liefere (und bei Fertigstellung Punkte und Geld erhalte). Oder Materialien beschaffe und einlagere.
Die Materialbeschaffung ist der Kernmechanismus. Auf einem achtfeldrigen Rondell kreisen fünf Würfel. Um Ressourcen zu erhalten, setze ich einen Würfel um seine Augenzahl vorwärts. Die Multiplikation der Symbole des erreichen Feldes (beispielsweise zwei Holz) mit der Anzahl der nun hier versammelten Würfel (maximal drei) ergibt meinen Ertrag.
Jedem Feld ist außerdem eine von vier Sonderaktionen zugeordnet (in jeder Partie andere), die ich zusätzlich ausüben darf. Und: Im Laufe des Spiels werden meine Würfel weitere Eigenschaften annehmen. Dann kassiere ich vielleicht, wenn ich mit dem gelben Würfel ziehe, obendrein immer einen Ziegel, oder beim blauen Würfel auch den Ertrag des Feldes, auf dem gerade der rote Würfel liegt.


Was passiert? Obwohl nur die Wahl zwischen fünf Würfeln besteht, fällt einigen Mitspieler:innen die Entscheidung schwer. Die vielfältigen Folgen, die ein einziger Zug haben kann, überblickt man nicht so leicht. Oder weiß nicht recht, wie man sie gewichten soll: Der grüne Würfel könnte zum Edelstein ziehen, wo schon ein anderer Würfel wartet, was deshalb schöne zwei Edelsteine einbringt. Allerdings hat der grüne Würfel noch keine zusätzliche Eigenschaft, und die Sonderaktion des Feldes passt aktuell auch nicht so gut. Und jeder Zweitwürfel an einem Ort ist auch immer eine potenzielle Vorlage für einen dritten. Womöglich sahnt hier später irgendwer noch mehr ab … grübel, grübel.
Bei Beendigung der Aktion werden alle Würfel am aktivierten Ort neu geworfen, was spielmechanisch wohl sinnvoll ist, aber nicht sehr intuitiv, weshalb es wieder und wieder vergessen wird. Dass die Würfelzahlen sich schnell ändern können, erschwert die Planung und provoziert, dass man erst nachzudenken beginnt, sobald man am Zug ist.

Den Sammelmechanismus prägen Augenblicksentscheidungen. Eine strategische Komponente kommt über die Mehrheitenwertung ins Spiel. Die Kathedrale besteht aus mehreren verschieden hohen Türmen, die abhängig vom Grad ihrer Fertigstellung bei Spielende Punkte ausschütten. Wer am meisten beigetragen hat, bekommt die volle Punktzahl, die anderen bestenfalls die Hälfte. Das kann gerade bei hohen Türmen ein großer Unterschied sein, weshalb die Mehrheiten umkämpft sind.
Sie sind außerdem – und das ist interessant –, recht leicht angreifbar. Außer mit langfristig reklamierten Bauabschnitten kann man sich nämlich auch mit kurzfristig angebrachten Verzierungen beteiligen. So kippen Führungspositionen oder jemand zeckt sich in ein Projekt ein und kassiert mit minimalem Aufwand ordentlich mit. Die Schlusswertung hat in meinen Partien mehrfach die vorherige Reihenfolge verändert. Das war anfangs noch überraschend; später hat man deshalb mehr Überlegungen angestellt, in welchem Turm man sich in welchem Ausmaß engagieren möchte.


Was taugt es? DIE ROTE KATHEDRALE ist eins von vielen Spielen, bei denen wir Rohstoffe sammeln und bauen. Die fürs Spielgefühl wesentliche Abweichung vom bekannten Muster besteht in der Rohstoffbeschaffung auf dem Rondell. Wie hier ein einziger Würfelzug viele Nebeneffekte und damit Zwiespälte auslöst, habe ich aber nicht als reizvoll empfunden, sondern als mühsam und überladen.
Ketteneffekte an sich können Spaß machen. Meiner Beobachtung nach gehört aber das Gefühl dazu, sich diese Kette aufgebaut und darauf hingearbeitet zu haben. In DIE ROTE KATHEDRALE hat weitgehend der Würfelzufall die Situation auf dem Brett geschaffen, nicht ich. Während die anderen am Zug sind, habe ich wenig zu tun und wenig zu planen. Erst mein eigener Zug reißt mich aus dieser Passivität. Jetzt checke ich alle fünf Möglichkeiten samt ihrer Kleineffekte durch und entscheide mich für eine davon.
Das ist nicht direkt schlecht – aber eben auch nicht raffiniert oder originell. Ich empfinde es als eine Verkomplizierung der Verkomplizierung willen. Auf mich wirkt DIE ROTE KATHEDRALE so, als hätte man einem einfachen Grundmechanismus (zieh entsprechend der Würfelaugen vorwärts und nimm Rohstoffe) nicht getraut, ihn aber auch nicht fallen lassen wollen und deshalb kunstvoll verschachtelt in der Hoffnung, dadurch werde es reizvoller.
Nicht zuletzt finde ich auch das kleinteilige Material unschön und unkomfortabel. Der Zählstein ist zu klein, die Zählskala ist zu klein, die Rohstoff-Ablage auf meinem Tableau ist zu klein. Kosmos begründet es mit ökologischen Erwägungen, das Spiel nicht in eine größere Schachtel gepackt zu haben. Gewiss, das spart Containerplatz und somit Ressourcen.
Aber erstens stört mich nicht die kleine Schachtel, sondern ihr kleinteiliger Inhalt. Zweitens sieht mir das Spiel generell nicht sehr ökologisch produziert aus. Und drittens ist es bestimmt auch nicht nachhaltig, in Fernost zu fertigen und das Spiel um die halbe Welt zu schicken. Ich bin aber nicht kompetent, um den Umweltaspekt von Spielen zu beurteilen. Und hätte Kosmos sich nicht extra selbst gelobt, wäre ich darauf auch gar nicht eingegangen. So hatte ich nun aber das Gefühl mich dafür rechtfertigen zu müssen, dass mir die Aufmachung nicht zusagt.


*** mäßig

DIE ROTE KATHEDRALE von Sheila Santos und Israel Cendrero für eine:n bis vier Spieler:innen, Kosmos.

7 Kommentare:

Frank hat gesagt…

... zumal sich in dem Spiel nichts befindet, was man nicht auch in Europa problemlos hätte produzieren können, zumindest mit kleinen Änderungen an einer Holzform. Sehr lobenswert, dass du bemerkt hast, dass es in Fernost gefertigt wurde, ich hatte das zuvor noch gar nicht gewusst (hatte aber noch kein Spiel selbst in der Hand). Das sollte aber jedem Rezensenten ins Auge springen, entlarvt es den deklamierten ökologischen Anspruch doch als reines Greenwashing. Wieder ein Beweis für Kompetenz, auch wenn es keine Einleitungen gibt. Danke, Udo.

Udo Bartsch hat gesagt…

Danke für das nette Kompliment, das ich aber nicht so ganz annehmen kann. Auf der Schachtel steht „Made in China“. Es war also nicht so schwierig für mich, das zu bemerken. Und normalerweise mache ich mir über das Herstellungsland auch keine großen (und vermutlich zu wenig) Gedanken. Nur eben diesmal. Aus den geschriebenen Gründen.

Frank hat gesagt…

Klar, das ist möglicherweise nicht gerade nobelpreisverdächtig, aber das gilt auch für alle anderen Rezensenten und von denen hat das bislang noch niemand thematisiert, sondern das tolle Engagement für den Umweltschutz bejubelt. Es ist wohl doch nicht so einfach, einen solchen Satz zu bemerken.

Anonym hat gesagt…

Lieber Udo

Die Aussagen zur Nachhaltigkeit mit dem Vermerk auf China greift tatsächlich zu kurz. Die Aussage "Zweitens sieht mir das Spiel generell nicht sehr ökologisch produziert aus." zeigt schon, dass Du Dich hier in das Reich der Vermutungen begibst. Ich denke mit einem Anruf beim Verlag könnte man hier einiges klären. Ohne die Kenntnisse in diesem Konkreten Fall wären folgende Gründe möglich:

Devir Iberia hat in der Fabrik dieses Spiel schon produziert. Die Vorlagen waren vorhanden. Werkzeuge herstellen ist teuer. Ausserdem ist die Produktion von allen Komponenten in der Masse günstiger.

Die Produktionslinien in Europa sind ausgebucht und eine grosse Produktion wäre erst viel später möglich gewesen.

Klar sind die Arbeitsbedingungen und ist der Transport in China ein grosses Problem. Tatsächlich gehört aber Kosmos zu den Verlagen, welche sich diesbezüglich Gedanken machen und sich auch, nicht immer mit grossem Aufsehen, für positive Veränderungen einsetzen.

Viele Grüsse und Danke für Deine tollen Rezensionen.

Ernst
Spielejoker.ch

Unknown hat gesagt…

"Aber erstens stört mich nicht die kleine Schachtel, sondern ihr kleinteiliger Inhalt. Zweitens sieht mir das Spiel generell nicht sehr ökologisch produziert aus. Und drittens ist es bestimmt auch nicht nachhaltig, in Fernost zu fertigen und das Spiel um die halbe Welt zu schicken."

Treffer, versenkt. In letzter Zeit betreibt die Brettspielbranche für meinen Geschmack zu viel Greenwashing - ohne dabei richtig umweltbewusst zu handeln. Wer in China produzieren lässt, macht dies aus ökonomischen Gründen. Ich habe damit kein Problem, aber dann soll man nicht mit Umweltgründen argumentieren (wenn man dazu über Menschenrechte schweigt!). Ich glaube ja, die Schachtel ist schlichweg so klein, weil die Kosmos-Ausgabe das Format der originalen Devir-Ausgabe übernommen hat. ;-)

Ulrich Roth hat gesagt…

Das Konzept "Rohstoffe sammeln & umwandeln" kann man statt "mühsam und überladen" auch schlank und knackig umsetzen - siehe "Furnace".

Frank hat gesagt…

Lieber Ernst,

ein kleiner Kommentar zu deinem Kommentar: Du gibt "mögliche Gründe" an, das sind dann aber auch nur Vermutungen, oder? Beide Gründe sind aber nicht stichhaltig:

1. Zu der Kombiproduktion sagst du selbst "Werkzeuge herstellen ist teuer. Ausserdem ist die Produktion von allen Komponenten in der Masse günstiger." Nun ja, das ist dann ein ökonomisches Argument, kein ökologisches. Es geht also um Geld und der Einfluss auf die Umwelt ist egal.

2. "Die Produktionslinien in Europa sind ausgebucht." Ist das eine Vermutung? Eine Produktion in China hat einen mindestens zwei-, meist zur Sicherheit dreimonatigen Rattenschwanz für Transport und Zoll. Und selbst wenn: dann käme das Spiel eben drei Monate später. Ich glaube, die Welt würde sich weiterdrehen, nur eben ein kleines bisschen sauberer.

Du sagst dann ja auch etwas Richtiges: "Klar sind die Arbeitsbedingungen und ist der Transport in China ein grosses Problem." Genau, man muss aber auch handeln, einfach nur mit Gravitas seufzen löst kein Problem. Wenn man das als Solches ansieht, darf man dort eben nicht produzieren.

Woran machst du fest, dass dies auf Kosmos zutrifft: "diesbezüglich Gedanken machen" und "für positive Veränderungen einsetzen"? Ich frage ganz ehrlich, wenn du diesen Eindruck hast, wüsste ich gerne, wodurch er entstanden ist, weil ich ihn tatsächlich nicht zu teilen vermag. Es kann aber gut sein, dass ich da einfach etwas übersehen habe.

Grundsätzlich empfinde ich solches Greenwashing - wir sind total ökologisch und produzieren in China - als schlimmer als die Verlage, die einfach in China produzieren und den Mund halten. Die machen das wegen der finanziellen Vorteils, das verstehe ich. Aber dann zu versuchen, dass irgendwie als "ökologisch nützlich" darzustellen, empfinde ich als frech.

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