Sonntag, 4. Januar 2015

Patchwork

In einem meiner Grundschulzeugnisse stand allen Ernstes, ich besäße eine besondere Begabung für Handarbeiten. Das weiß ich noch heute, denn nichts könnte falscher sein, und ich frage mich, ob meiner Lehrerin tatsächlich entgangen ist, dass meine Werkstücke komplett von meiner Mutter angefertigt wurden.

In PATCHWORK muss ich’s dann wohl oder übel doch mal selber machen, zum Glück aber ohne Nadel und Faden. Mit unterschiedlich geformten Pappteilen will jeder Spieler eine neun mal neun Felder große Fläche möglichst komplett füllen. Jede Lücke zählt am Schluss zwei Minuspunkte. Positiv zählen die Knöpfe, die man währenddessen verdient.
Knöpfe sind zugleich eine der beiden Währungen. Jedes Plättchen kostet a) Knöpfe und b) Zeit. Die verbrauchte Zeit wird in Form von Schritten auf einer Laufskala gemessen. Immer der hintere Spieler ist an der Reihe, bis er so viel Zeit ausgegeben hat, dass er nicht mehr der Hintere ist. Neun Mal im Spiel gibt es Knöpfe-Nachschub, nämlich sobald man eine bestimmte Linie auf der Laufstrecke überquert. Jetzt zählt man die auf dem eigenen Patchwork abgebildeten Knöpfe und erhält dieselbe Menge in bar ausbezahlt. Sind beide Spieler im Ziel, endet die Partie.
Das Plättchenangebot bildet einen Rundkurs. Eine von beiden Spielern gesteuerte Figur dreht hier ihre Kreise. Wer am Zug ist, muss eines der nächsten drei Plättchen kaufen. Oder aussetzen und auf der Zeitskala vor den Gegner springen, was so viele Knöpfe bringt, wie Felder dabei zurückgelegt wurden.
Zwei Details sind noch wichtig: 1. Wer zuerst eine sieben mal sieben Felder große Fläche füllt, gewinnt einen Bonus. 2. Auf der Zeitskala lassen sich für den jeweiligen Erstankömmling fünf Mini-Flicken verdienen, die gut geeignet sind, um Löcher zu stopfen.

Was passiert? Wer schon öfter Spiele gespielt hat, kann sich vorstellen, dass es ideale Wunschteile (kosten nichts, passen genau, bringen viel ein) nur in der Phantasie gibt und deshalb Kompromisse vonnöten sind. Plättchen mit Knöpfen sind anfangs begehrter. Um das Auffüllen der Fläche kann man sich später immer noch kümmern. Dem entgegen wirkt allerdings der 7-mal-7-Bonus, indem er einen Anreiz schafft, zumindest etwas schneller auf Ausbreitung zu spielen als der Mitspieler. Obendrein ist der Bonus gut dosiert: reizvoll, aber nicht übermächtig.
Die meisten Entscheidungen sind schnell gefällt. Die erste Abfrage lautet: Welches der drei Teile vor der Figur ist für mich am besten? Manchmal ist das ziemlich offensichtlich, weil ohnehin nur eins bezahlbar wäre. Dann stellt sich bloß noch die Frage: Will ich es oder nicht?
Was mein Mitspieler baut, ist im Detail nicht so wichtig. Entscheidender ist die Position seines Zeitsteines auf der Skala. Die Finanzlage des Gegenübers macht teilweise berechenbar, welches Teil er kaufen wird und wo daraufhin sein Zeitstein landet. Das wiederum wirkt sich auf meine Plättchenwahl aus, denn manchmal möchte ich mich so positionieren, dass ich einen Doppelzug machen kann. Und natürlich möchte ich möglichst viele der geschenkten Mini-Flicken abgreifen.
Meistens sollte man eher zeitsparend spielen. Doch auch Handlungsfähigkeit ist wichtig, um nicht total ausrechenbar zu sein. Und um handlungsfähig zu bleiben, lohnt sich manchmal doch die Anschaffung eines teuren Plättchens, das zwar viele Zeitschritte kostet, aber den eigenen Stein über die nächste Knopfauszahlungsschranke bugsiert und somit Bargeld in die Kasse spült.

Was taugt es? PATCHWORK ist gefühlt leichtgängig, aber trotzdem sehr taktisch. Es besitzt eine abstrakt-mathematische Grundstruktur ohne Zufallsfaktor, was rein äußerlich allerdings hervorragend kaschiert wird. Die thematische Einkleidung ist hier bestens gelungen. Obendrein sieht PATCHWORK sehr schön aus. Lediglich die Zeitskala ist zu klein und unübersichtlich geraten, was mehrfach für Irritationen und Zählfehler gesorgt hat.
PATCHWORK ist ein Spiel, mit dem sich zwei Liebhaber des Mathematischen anspruchsvoll beschäftigen können. Der Intellekt wird hier mehr bedient als die Emotion. Mein Gehirn kommt auf Touren, aber innerlich warm werde ich mit PATCHWORK nicht – was etwas paradox ist, schließlich nähen wir ja eigentlich eine Decke.

PATCHWORK von Uwe Rosenberg für zwei Spieler, Lookout Spiele.

3 Kommentare:

Ulrich Roth hat gesagt…

Zitat: "Dann stellt sich bloß noch die Frage: Will ich es oder nicht?" Hmm - nach meiner Erfahrung kommt für viele Spieler die schwierigste Herausforderung erst beim Einbauen des gekauften Teils.Da kann man sehr leicht spielentscheidende Fehler machen.
Mit der Zählleiste (von der es ja zwei Versionen gibt) hatten wir im Übrigen keinerlei Probleme.
Für mich ist dieses Spiel mindestens "außerordentlich", eigentlich sogar "genial".

Ekki hat gesagt…

Ja, sehe ich genauso wie mein Vorschreiber. Ich war sehr überrascht als ich die Wertung las. Die vielen kleinen Entscheidungen und Abwägungen machen das ganze für mich sehr spannend. Rücke ich vor? Kaufe ich ein Plättchen? Was für eines? Wo verliere ich Zeit, wo Knöpfe? Mache ich zwei Züge hintereinander? Was kann dann mein Gegner bekommen? Super. Reine Planung, Abschätzung, kein Glück. Für mich ist das Spiel definitv mindestens außerordentlich.

Anonym hat gesagt…

Persönlich schätze ich die Bewertungsmaßstäbe hier sehr - vergibt man für jedes gute Spiel bereits volle oder fast volle Punktzahl, so kann man in dem Bereich der Spiele, der eigentlich wirklich interessant ist (die guten Spiele), kaum mehr differenzieren. Die Bewertungsmaßstäbe sind zwar ungewöhnlich, aber (rechts oben der Link) ja auch gut dargelegt - 'Solide' oder 4/7 ist hier keine schlechte Wertung, sondern der der Punkt, an dem gute, spielenswerte Spiele anfangen. :) 'Mindestens außerordentlich' wäre eine Wertung, bei der 'Patchwork' besser als 92% der getesten Spiele bewertet wäre - das entspräche wohl nicht der geschriebenen Rezension.

SpaceTrucker

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