Donnerstag, 25. Juni 2009

Nach Feierabend: Kevin Brooks

Wenn ich erzähle, dass ich Jugendbücher rezensiere, ernte ich oft Unverständnis. Denn jeder hat so seine Vorstellung, was Jugendbücher seien. Und oft keine schmeichelhafte:
Zusammengefasst sind Jugendbücher entweder a) triviale Schnulzen aus Mädcheninternaten, b) Fantasyschmöker, in denen ein Kind seine magischen Fähigkeiten entdeckt und dann die Welt rettet, oder c) sozial engagierte Problemliteratur mit gut gemeintem pädagogischen Kern...
Und diese Ansicht ist übrigens genauso zutreffend wie das Vorurteil, Spiele seien so etwas wie MENSCH ÄRGERE DICH NICHT oder MONOPOLY. Natürlich gibt es viele Jugendbücher dieser Art; aber es gibt ja nun mal auch sehr viele Ausgaben von MONOPOLY und Menschen, die das immer noch kaufen.

Im Großen und Ganzen unterscheidet sich Jugendliteratur nicht sehr von Erwachsenenliteratur. Die Hauptfiguren sind eben Jugendliche und es geht um Themen, mit denen Jugendliche in Berührung kommen. - Aber mit welchen Themen kommen Jugendliche heute eigentlich nicht in Berührung? Das, was dem Helden in Kevin Brooks´ BEING passiert, könnte im Grunde jedem passieren, oder?

Nur eine Routine-Untersuchung, heißt es, als Robert zur Magenspiegelung ins Krankenhaus kommt. Als er viel zu früh aus der Narkose erwacht, dringen seltsame Gesprächsfetzen an sein Ohr. Statt Organe haben die Ärzte ein Gewirr aus Plastik und Drähten in seinem Inneren entdeckt. Das Krankenhaus alarmiert die Behörden, Robert flieht. Den doppelten Ernst der Lage erkennt er schon am nächsten Tag: Nach Robert wird gefahndet. Die Schlagzeile lautet, er sei im Operationssaal Amok gelaufen. In Wahrheit allerdings hat der Geheimdienst Chirurg und Anästhesist auf dem Gewissen. Zeugen sind unerwünscht.

Bücher von Kevin Brooks funktionieren wie ein Actionfilm: Die Handlung rast vorbei; atemlos fräst sich der Leser durch die Seiten. Gewaltszenen und Verfolgungsjagden gehören dazu, die Leichenquote ist nicht unerheblich.
Wie so häufig bei Brooks bleibt auch in BEING das Ende offen. Natürlich hätte es der Leser gern anders, doch in diesem Fall macht die Ungewissheit den besonderen Reiz der Geschichte aus: Ist Robert ein Mensch, eine Maschine, ein medizinisches Experiment? Steckt der Geheimdienst hinter der Sache oder tappt der genauso im Dunkeln wie Robert selbst? Die Fragen hinter der rasanten Handlung lassen BEING mehr sein als nur Actionkino. Eine Erklärung könnte niemals befriedigen. Deshalb gibt es keine und das Buch wirkt auch nach dem Lesen weiter.

Ein offenes Ende hat übrigens auch dieser Blog-Post: Als Beitrag zur Volksbildung und vielleicht auch nur so zum Spaß werde ich in der Rubrik „Nach Feierabend“ fortan in sehr loser Folge meine Lieblings-Jugendbuchautoren vorstellen. Ich will ja nicht drohen, aber das sind ziemlich viele...

Kevin Brooks: BEING, dtv, 368 Seiten.

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