Donnerstag, 9. April 2026

Vor 20 Jahren (160): Millionen von Schwalben

Millionen von Schwalben: Cover

Ohne Fußballbegeisterung geht es kaum: Um MILLIONEN VON SCHWALBEN zu mögen, sollte man auch das Ballgekicke mögen. Aber tunlichst nicht zu naiv. Urs Hostettlers MILLIONEN VON SCHWALBEN richtet sich eher an kritische Beobachter:innen und enttäuschte Idealist:innen, an fußballaffine Personen, die Auswüchse und negative Begleiterscheinungen des Fußballs verlachen, wenn nicht gar verabscheuen.

Obwohl MILLIONEN VON SCHWALBEN 20 Jahre alt ist und also zu einer Zeit spielt, die man noch als die „gute alte“ verklären könnte, war diese alte Zeit dann wohl doch nicht so gut. Oder zumindest MILLIONEN VON SCHWALBEN blickt böse auf die alte Zeit. Oder sagen wir: satirisch. Oder, nein: doch böse! Da wird doch glatt einem Jürgen Klinsmann (unserem Weltmeister- und Sommermärchen-Klinsi!) die Rolle des Schwalbenkönigs angedichtet. Nur weil er womöglich, na ja, hier und da spektakulär bis theatralisch zu Boden ging; man denke an seine formvollendete Rolle rückwärts in den flüchtigen Handstand während des WM-Finales 1990. Bis heute unerreicht. Aber natürlich keine Schwalbe.

In MILLIONEN VON SCHWALBEN spielen wir eine Fußball-WM mit Gruppenphase und KO-Runde aus. 16 Teams nehmen teil, verteilt auf die Spieler:innen, die als Coaches fungieren. Jedes Team erhält Karten entsprechend der Spielstärke, Brasilien 18 Karten, Bahrain fünf. Die meisten dieser Karten gibt’s zufällig, einige Länder haben auch Spezialkarten, Deutschland gleich zwei: „Klinsis hohe Schule“ und „Die Blutgrätsche“.

In jedem Match spielen wir abwechselnd Angriffskarten, die mit Abseits- oder Foulkarten beantwortet werden können. Ein Torschuss benötigt obendrein immer einen erfolgreichen Würfelwurf. Wer gerade kein Team auf dem Rasen hat, ist Schiedsrichter:in. Das kann bedeutsam sein, da einige Kartenaktionen den Schiedsrichter:innen Ermessensspielraum zubilligen. Die Schiedsrichter:in darf obendrein manche Würfelwürfe manipulieren und einmal im gesamten Turnier einen völlig aus der Luft gegriffenen Elfmeter verhängen. Bevorzugt unmittelbar vor dem Schlusspfiff.


Millionen von Schwalben: Karten

Warum man das tun sollte? Weil es auch schon in der guten alten Zeit nur ums Geld ging. Wer am reichsten ist, gewinnt. Neben Erfolgsprämien, die wir für unsere Teams einstreichen, kassieren wir Wettgewinne. Üblicherweise bringt das den Löwenanteil. Und wenn ich als Schiri die Chance habe, entsprechend meiner Wetten Underdog Bahrain dabei zu unterstützen, das große Brasilien zu ärgern, nutze ich meine Ermessensspielräume natürlich aus.

Was den Humor und auch was das Spielkonzept angeht (ich wette zu Beginn auf irgendwas; ob es dann klappt, hängt stark vom Würfel und den Mitspieler:innen ab), erinnert MILLIONEN VON SCHWALBEN an Hostettlers KREML. Beide Spiele sind satirisch und zeigen frappierende Nähe zur Realität. KREML besitzt den Vorteil eines abgeschlossenen historischen Themas, MILLIONEN VON SCHWALBEN hingegen veraltet. Die vorkommenden Spieler wie Rooney, Ronaldinho oder Juninho (keine Spielerinnen; es ist ein Männer-Turnier) sind schon lange nicht mehr aktiv, teilweise auch gar nicht mehr so bekannt. Zur EM 2008 gab es ein Upgrade-Pack mit drei Karten. Und das war’s. Seitdem musste man, wie einer meiner Mitspieler, MILLIONEN VON SCHWALBEN mit Eigenbau-Karten aktuell halten.

Derzeit wäre ich dazu nicht motiviert. Denn so toll ich MILLIONEN VON SCHWALBEN konzeptionell finde: Männer-WM-Austragungsorte wie Russland, Katar und USA lassen jedes Fußballfieber bei mir erkalten. Die Fußball-Realität ist mittlerweile noch zynischer als die Persiflage. Als innersten Kern von MILLIONEN VON SCHWALBEN erkenne ich immer noch die Liebe zum Kicken. In der Politik der FIFA erkenne ich sie nicht.


Sonntag, 5. April 2026

Happy Holiday

Happy Holiday: Cover

Meine Einleitungen sind leicht zu interpretieren: Ich bin urlaubsreif.

Wie geht HAPPY HOLIDAY? Wir planen eine dreiwöchige Städtereise durch Europa. Zur Optimierung der Punktwertung sollten wir nicht zu lange in einer Stadt bleiben, aber auch nicht zu kurz. Am besten exakt vier Tage.
Geplant wird die Reise mit Plättchen auf unseren Tableaus. Die Tableaus umfassen 21 Felder, drei Wochen mit je sieben Tagen. Bin ich am Zug, wähle ich ein Plättchen aus dem Markt. Das Plättchen zeigt eine Stadt und eine Aktivität. Liegt es schon länger im Markt, bekomme ich sogar noch eines oder im Bestfall zwei graue, schwarze oder weiße (kofferförmige) Reisetickets dazu.
Die Angabe auf dem Plättchen gibt vor, wo ich es in meinem Kalender legen darf: „Montag bis Freitag“ oder „Wochenende“ oder „nur am Dienstag“ oder „nur in der zweiten Woche“ etc. Kann oder will ich mich daran nicht halten, darf ich das Plättchen auf seine Rückseite drehen und legen, wo ich möchte. Erhalten bleibt die Stadt; die abgebildete Aktivität jedoch geht verloren. Außerdem zählt das Plättchen nun einen Minuspunkt, während korrekt platzierte Plättchen teilweise Pluspunkte zählen.
Mit meinen Plättchen-Aktivitäten erfülle ich Aufgaben. In jeder Partie gelten eine oder zwei Wertungsbedingungen. Beispielsweise soll ich möglichst viele verschiedene Aktivitäten in einer Woche unterbringen. Oder im Gegenteil gleich am nächsten Tag noch einmal dasselbe (Museum, Shopping etc.) machen, nur in einer anderen Stadt.

Happy Holiday: Spielplan

Und schließlich die Tickets: Für jeden Stadtwechsel benötige ich je nach Verbindung und Entfernung mindestens zwei gleichfarbige Tickets: grau, wenn ich die Autobahn nehme, schwarz für die Eisenbahn und weiß für einen Flug. Flüge überbrücken die größten Distanzen, zählen im Gegensatz zu den anderen beiden Fortbewegungsarten aber keine Punkte – was immerhin noch besser ist als Minuspunkte, falls man ohne passendes Ticket von einer Stadt zur nächsten reist.
Es ist also vorteilhaft, beim Auswählen der Plättchen hier und da auch ein paar Tickets einzusammeln. Und je länger ich in den Städten bleibe – also mehrere Tage in Folge mit beispielsweise Prag-Plättchen belege – desto weniger Tickets benötige ich insgesamt.

Was passiert? Wie so oft bei solchen Puzzle-Spielen ist aller Anfang leicht: Ich beginne mit drei Startplättchen, in jeder Woche eines, und es ist erst mal naheliegend, diese Aufenthalte zu verlängern und Plättchen derselben Stadt davor oder dahinter anzubauen. Gibt es gerade keine Plättchen derselben Städte, ist das auch nicht weiter schlimm. Ich habe in meinem Kalender noch viel Platz. Irgendwo zwischen London und Berlin ließe sich locker noch Amsterdam unterbringen. Und wenn ich dann noch mehr Amsterdam bekomme, verlängere ich auch diesen Aufenthalt usw.
Allerdings: Mein Platz wird immer knapper. Zunehmend bin ich auf ganz bestimmte Plättchen angewiesen oder auf Kompromisse. Wenn ich Paris an einem Wochenende brauche und es liegt immerhin irgendein Paris aus: Nehme ich das dann und drehe es trotz Minuspunkt auf die Rückseite? Besser als gar kein Paris. Es könnte aber sein, dass später noch genau das gewünschte Paris-Plättchen käme, und in dem Fall wäre mein dafür vorgesehener Platz besetzt.

Happy Holiday: Kalender

Ich wäge also das Risiko ab, ich optimiere, ich versuche, mehrere Anforderungen miteinander zu verknüpfen. Denn es geht nicht nur um die richtige Stadt und den passenden Tag: Auch die perfekte Aktivität könnte noch ein paar zusätzliche Punkte herauskitzeln.

Was taugt es? HAPPY HOLIDAY ähnelt thematisch und wegen der Einteilung in Kalendertage AUF NACH JAPAN! und ABROAD. Es ist aber deutlich leichter und klarer. Das Filtern, welche der ausliegenden Plättchen gut oder weniger gut für mich sind, ist unkomplizierter – ohne banal zu werden: Ich kann Dinge übersehen, kann Entwicklungen falsch einschätzen (indem ich etwa ein Plättchen liegenlasse in der falschen Hoffnung, es im nächsten Zug mit Tickets obendrauf zu bekommen), kann zu ambitioniert planen, mich verzocken, mich verzetteln oder auch schlichtweg Pech haben.
Soll heißen: Man tut schon mehr als einfach nur das vermeintlich objektiv beste Plättchen zu nehmen und an den vermeintlich objektiv besten Platz zu legen. HAPPY HOLIDAY bietet genügend Grauzone, die es knifflig macht einzuschätzen, was denn nun besser ist: ein mittelmäßiges Plättchen mit zwei Tickets dazu oder doch lieber das etwas bessere Plättchen, jedoch ohne Ticket?
Spektakuläres oder Neuartiges enthält HAPPY HOLIDAY nicht. Man spielt gemütlich nebeneinanderher. Ich bin angenehm beschäftigt, ich plane, ich hoffe. Die zehn Aufgabenkarten sorgen von Partie zu Partie für abwechselnde Aufgaben. Vermutlich entpuppt sich HAPPY HOLIDAY nicht als ein Spiel, über das man auch in der kommenden Saison noch redet. Für diese Saison aber bin ich zufrieden.


**** solide

HAPPY HOLIDAY von Matthew Dunstan und Brett J. Gilbert für eine:n bis vier Spieler:innen, Kosmos.