Donnerstag, 14. Mai 2026

Boss Fighters QR

Boss Fighters QR: Cover

Paradox: Die Einleitung ist meine Endgegnerin.

Wie geht BOSS FIGHTERS QR? Wir bekämpfen als Team fiese Monster. Entweder das Monster stirbt (Sieg) oder jemand von uns (Niederlage).
BOSS FIGHTERS QR ist sowohl Karten- als auch App-basiert. Jede Kampfrunde starte ich (charakterabhängig) mit fünf bis acht Handkarten. Dreimal pro Kampfrunde komme ich an die Reihe, um eine zu spielen. Ich halte ihren Barcode über die Frontkamera des Smartphones oder Tablets. Die App verrät, was passiert, und untermalt es mit Geräuschen und Musik.
Die Bosse fügen uns am Ende einer Kampfrunde Schaden zu. Ich verliere Lebenspunkte. Wie viele es sein können, erfahre ich schon zu Rundenbeginn. Ich kann den angekündigten Schaden reduzieren oder mich komplett davor schützen, indem ich Karten mit Schildfunktion spiele. Auch andere Spieler:innen können ihre Schilde auf mich anwenden. Und natürlich kann ich auch Lebenspunkte regenerieren.
Aber all das nützt wenig, wenn man nicht auch irgendwann den Boss besiegt. Deshalb sind die meisten Karten dazu da, um Schaden auszuteilen. Es gibt drei Schadensarten (Nahkampf, Fernkampf, Magie), und die Bosse sind teils besser, teils schlechter gegen bestimmte Arten geschützt. Meistens besitzen sie Resistenzen, die sich jede Runde neu aufbauen und die man erst mal wegbrezeln muss, um überhaupt Schaden anzurichten. Deshalb ist es oft effektiver, wenn die Gruppe sich pro Kampfrunde auf eine oder zwei Angriffsarten fokussiert.

Boss Fighters QR: Display

Alle Monster besitzen andere Spezialitäten oder auch Schwächen. Was genau, ist zunächst unbekannt. Wir müssen es herausfinden, indem wir beobachten, wie das Monster vom üblichen Schema abweicht. Und wir sollten unsere Vorgehensweise darauf einstellen.
BOSS FIGHTERS QR ist zudem ein Deckbauspiel. Meine Startkarten hängen von meiner gewählten Held:in und Klasse ab. Nach erfolgreichen Kämpfen bekommt das Team fünf weitere (bessere) Karten zur Auswahl. Jede:r nimmt eine.

Was passiert? Die App erhöht den Spielkomfort, indem sie uns viel Rechnerei abnimmt und die Regelmenge, die wir im Kopf behalten müssen, minimiert. Wenn jemand mal was falsch macht, wird uns das mitgeteilt. So können wir uns besser auf das Spielen konzentrieren, auf den Kampf und unsere Vorgehensweise.
Überdies gewährleistet die App, dass alle Monster ihre kleinen Geheimnisse und Spezialitäten haben können, ohne dass für uns dadurch zusätzlicher Regel-, Aufbau- oder Verwaltungsaufwand entsteht oder dass sich eine Spielleiter:in in alle Besonderheiten hineinfuchsen muss und nicht selber mitspielen kann.
Nach meinem Eindruck greift dieses Geheimnis-Konzept besser in größeren Runden. Wenn ein Monster eine bestimmte Vorgehensweise und somit auch bestimmte Karten verlangt (erfundenes Beispiel: nur Magie verursacht vollen Schaden), haben wir in einer Vierer-Gruppe üblicherweise insgesamt mehr der erforderlichen Magie-Karten auf der Hand und können besser reagieren. Der Ausgleich besteht darin, dass bei nur zwei Personen die Monster ohnehin schwächer sind. Vielleicht kriegen wir das Monster zu zweit auch kaputt, ohne viel Magie zu spielen. Das Ergebnis wäre also dasselbe. Doch fürs „richtige“ Spielgefühl ist es besser, wenn man seine Spielweise ans Monster anpassen muss – und kann.

Boss Fighters QR: Karten

Was ist überhaupt das „richtige“ Spielgefühl? Konsequent im Konzept gedacht, sollte die Gruppe ihren jeweils ersten Kampf gegen einen Boss, während sie noch dessen Gesetzmäßigkeiten erforscht, durchaus verlieren. Gewinne ich gleich auf Anhieb, gab es offenbar nichts Entscheidendes zu erforschen. Aber natürlich frustriert es auch, wenn man immer wieder hängenbleibt. Für den Spielspaß braucht es Erfolgserlebnisse.
BOSS FIGHTERS QR löst dieses Dilemma, indem es verschiedene Schwierigkeitsstufen anbietet. In der untersten Stufe hat man gute Chancen, gleich im ersten Anlauf zu gewinnen, auch ohne das Boss-Geheimnis sonderlich zu beachten. In der höchsten Schwierigkeitsstufe ist es selbst dann schwer, wenn man schon alle Kniffe kennt.
Insgesamt fand ich den Schwierigkeitsgrad höher als erwartet. Recht früh schon tauchen Bosse auf, die massive Probleme bereiten, während spätere Abschnitte der Kampagne (zumindest uns) wieder deutlich leichter gefallen sind.
Ohnehin ist BOSS FIGHTERS QR, gemessen am Label „Familie“, überraschend komplex. Mit Gift und Flüchen und Lähmung usw. kommen sehr viele Konzepte ins Spiel, die ich, auch wenn die App hilft, verstehen und berücksichtigen muss. Und sind Spielzüge am Anfang nur das Scannen einer Karte mit simpler Auswirkung, ergeben sich bald längere Aktionsketten, die auch andere Spieler:innen betreffen und deshalb gut abgestimmt sein müssen. Es gibt Effekte, die mich meinen Nachziehstapel vorsortieren lassen, wodurch ich kommende Züge in Ansätzen programmiere. Gerade, wenn man gut spielen möchte, gibt es erheblichen Planungs- und Optimierungsbedarf.

Was taugt es? BOSS FIGHTERS QR gelingt es, das Analoge und das Digitale reibungslos miteinander zu verschmelzen und aus beiden Welten das Beste fürs Brettspiel herauszuholen. Wir müssen uns absprechen und zusammenhalten; wir deduzieren gemeinsam, alle müssen mitdenken. Die App bleibt im Hintergrund und hilft, dass keine Fehler passieren. Das wiederholte Scannen von Karten mag manche:n nerven und auch etwas repetitiv sein. Aber es zieht eben auch ins Spiel hinein, denn jeder Scan ist von der Spannung begleitet, ob die Karte neben dem erwartbaren Effekt nicht noch etwas Unerwartetes auslöst.

Boss Fighters QR: Material

Wir trotzen Schwierigkeiten, wir werden belohnt, und weil wir auch mal Kämpfe verlieren, fühlen sich die Erfolge umso besser an. Solange immer noch mehr kommt, will man auch weitermachen, will weitere Monster und ihre Marotten kennenlernen, will sich mit ihnen messen. Der Reiz ist am höchsten, solange die Herausforderungen neu sind. Ein zweiter Durchlauf ist nicht mehr ganz so spannend wie der erste.
Aber: Weil ich Held:innen und Klassen neu kombinieren kann, etwa von der Elfen-Schurkin auf Elfen-Magierin umschule oder vielleicht sogar gleich zum Dschungeltroll mutiere, und weil ich den Schwierigkeitsgrad anders wählen kann, wird genügend Stoff zum Wiederspielen angeboten. Selbst wenn ich trotzdem nur einen Durchlauf mache: Bis zu dessen Ende habe ich viele unterhaltsame, intensive und immersive Stunden verbracht. Und gelegentlich taucht zudem als kostenlose Erweiterung ein neuer Boss in der App auf, zuletzt um Ostern herum der gefährliche Eggsecutor.
Die Welt und die grundlegenden Konzepte von BOSS FIGHTERS QR sind natürlich nicht originell; sollen sie auch nicht sein, weil man in Boss-Battlern nun mal gegen Bosse kämpft. Origineller ist, wie die Kämpfe über Karten statt etwa Würfel abgewickelt werden, so dass es auf kluges Handmanagement und gutes Kombinieren ankommt. Und besonders originell ist es, gegen Gegner mit verdeckten Informationen spielen zu können.
Etwas trashig, vielleicht auch gewollt, sind manche der Sounds und manche der großspurigen Boss-Sprüche. Da pfeifen die Typen aus dem letzten Loch, aber verkünden großmäulig wie der schwarze Ritter aus „Die Ritter der Kokosnuss“ oder gewisse Staatsmänner ihren sicher bevorstehenden Triumph.


***** reizvoll

BOSS FIGHTERS QR von Michael Palm und Lukas Zach für zwei bis vier Spieler:innen, Pegasus Spiele.

Sonntag, 3. Mai 2026

Vor 20 Jahren (161): Keine Ahnung

Keine Ahnung: Cover

So schön es war, von Jahr zu Jahr noch mehr Artikel für noch mehr Tageszeitungen zu schreiben: Die Redaktionen dieser Tageszeitungen hatten leider ihre ganz eigenen Vorstellungen, wie sie Spiele in ihrem Blatt vorkommen lassen wollten: zu selten, zu kurz, zu nebensächlich. Jedenfalls wenn man mich fragte.

Natürlich fragte man mich nicht. Ich hatte nicht die Position, da irgendwas Wesentliches mitzubestimmen. Immerhin durfte ich die Spiele auswählen, die ich besprach. Und ich durfte über die von mir ausgewählten Spiele schreiben, was ich wollte.

Was ich mir aber so gar nicht aussuchen konnte, waren meine Kolleg:innen. Die wöchentlichen Kolumnen hatte ich dummerweise nirgendwo für mich allein. Immer waren wir mindestens zwei, manchmal auch drei Autor:innen und sollten uns abwechseln. Vermutlich zur Sicherheit. Man weiß ja nicht, ob irgendwer mal unfreiwillig ausfällt oder plötzlich in den Sack haut. In dem Fall hätte man noch immer eine personelle Alternative in der Hinterhand. Aus meiner Sicht unnötigerweise. Ich hätte auch wöchentlich liefern können. Liebend gern sogar! Es hätte mir die ganzen Absprachen erspart – und auch viel Nerverei.

Ich besprach damals auch Jugendbücher, und mein – ich nenne es mal – „Partner“ reichte im Voraus lange Listen von Büchern ein, die er zu besprechen gedachte. Noch weit bevor die Bücher erschienen und man sie hätte lesen können, um vielleicht zu entscheiden, ob sie sich überhaupt eigneten. Seine Listen arbeitete er dann aber nie ab. Er reservierte sich die Titel bloß und rezensierte von diesen ohne weitere Info, was er so meinte. Und dass er die Bücher tatsächlich „rezensierte“, konnte man auch nicht immer sagen. Manchmal, wenn er zum Lesen (oder zum Schreiben?) nicht die erforderliche Muße gehabt hatte, kopierte er einfach die knackigsten Sätze aus der Presse-Info, und das war dann seine Rezension. Es flog nie auf.

Ein Kollege, mit dem ich mir eine Spielekolumne teilte, kam nur noch selten zum Spielen und Schreiben. Er hatte nicht mal mehr die Zeit, um sich über Neuheiten zu informieren. Ich erinnere mich, dass er mir Mails schrieb und sein Leid klagte – und mich fragte, ob ich nicht vielleicht eine Idee habe, was er denn als Nächstes rezensieren könne?! Offenbar las er nicht mal meine Antworten. So schickte er der Redaktion dann Artikel zu Spielen, die ich – nach Absprache mit ihm – längst rezensiert hatte.

Und warum hört man nicht einfach auf, wenn die Zeit vorbei ist, man offenbar nicht mehr so sehr für die Sache brennt und eigentlich auch keine Ahnung mehr hat? Eine herausgehobene Position einzunehmen, Spiele als Rezensionsmuster zu bekommen und das eigene Hobby zu professionalisieren, indem man darüber schreibt und Geld damit verdient, sind Privilegien, die man ungern aufgibt. Hat man seine Kolumne erst mal verloren, kriegt man nicht so leicht wieder eine. Also macht man weiter, nur um weiterzumachen.

Als jüngeres Ich vor 20 Jahren habe ich mich tierisch über dieses Verhalten geärgert. Jetzt kann ich nur hoffen, dass ich mich als älterer Mensch anders verhalten werde und loslassen kann, bevor es genauso peinlich wird.

P.S. KEINE AHNUNG ist ein Spiel aus dem aktuellen Jahrgang von Steffen Benndorf und Florian Benndorf. Wenn ich in dieser Rubrik auf meine journalistische Vergangenheit zurückblicke und dann auch noch Spieletitel als Überschriften wähle, die nichts damit zu tun haben, bringt das erwiesenermaßen die wenigsten Klicks. Keine Ahnung, warum ich es trotzdem immer wieder tue.