Montag, 9. Mai 2011

Neue Welten

Das 2004 erschienene WIE ICH DIE WELT SEHE ist eines der großartigsten Spiele überhaupt. Es hat nur einen Haken: Schon nach zehn, zwanzig, dreißig Partien kennt man alle Karten in- und auswendig und wird kaum noch einmal überrascht. Und gerade die Überraschung macht einen Großteil des Spielreizes aus. Klarer Fall also: WIE ICH DIE WELT SEHE schreit nach Erweiterungen...
Ähm, nicht wahr?
Oder?!
Ich hab doch Recht?!
Tja, na ja, sagen wir so: 2005 kam schon mal keine. Und 2006 war wieder Fehlanzeige. Von Verlagsseite hieß es, WIE ES DIE WELT SEHE sei noch nicht genügend verbreitet. Was auch immer das heißen sollte: Nicht genügend verbreitet... Kann die Menschheit derart irren?!
Möglicherweise ja. Auch das Jahr 2007 ging nämlich erweiterungslos ins Land, und 2008 wiederholte sich das Debakel. Ich fragte auch schon gar nicht mehr extra am Messestand von Fata Morgana nach. Ich war müde. Dann folgte 2009, alles war wie immer. Es folgte 2010, und jetzt, als absolut niemand mehr damit rechnete: eeeeeendlich!

Wie geht NEUE WELTEN? NEUE WELTEN lässt sich eigenständig oder als Erweiterung spielen und funktioniert exakt wie WIE ICH DIE WELT SEHE: Einer zieht eine Karte mit einem Lückentext und liest vor. Zum Beispiel: „Lamas sind geduldige Lasttiere. Unverhohlen aggressiv reagieren sie jedoch auf ...“ Alle Mitspieler wählen eine ihrer (bis zu zwölf) Ergänzungskarten und spielen sie verdeckt. Eine weitere Karte kommt unbesehen vom Stapel. Diese Karten werden nun gemischt, aufgedeckt und vorgelesen. Lamas reagieren unverhohlen aggressiv auf... „Erektionsstörungen“? „Französischunterricht“? „Barack Obama“? „Vierzig Peitschenhiebe“? Der Vorleser wählt eine Antwort aus. Wer ausgewählt wurde, gewinnt einen Punkt und wird neuer Vorleser. Wählt der Vorleser die Karte vom Stapel, verliert er einen Punkt und bleibt Vorleser.

Was passiert? Es ist lustig. Und nicht erst beim Aufdecken. Manche Spieler wiehern bereits los, während sie ihre Ergänzungskarten durchblättern und sich für eine entscheiden müssen. Die vorgegebenen Texte sind derart gut aufeinander abgestimmt, dass fast automatisch Skurriles, Zynisches, Schwarzhumoriges oder kompletter Nonsens entsteht.
Ich liebe Spiele, die mich zum Lachen bringen. Deshalb liebe ich auch WIE ICH DIE WELT SEHE. Doch ich muss einräumen: Bei NEUE WELTEN habe ich nicht ganz so oft gelacht. Und es ist schwer zu sagen, woran das liegt. Vielleicht weil viele Karten in exakt dieselbe Kerbe hauen wie beim Ursprungsspiel. Vielleicht weil jeder noch so gute Gag sich irgendwann verbraucht. Vielleicht sind überhöhte Erwartungen schuld. Oder auch nur der etwas arg große Anteil frauenveräppelnder Kartentexte.

Was taugt es? Da WIE ICH DIE WELT SEHE ein ganz tolles Spiel ist, das unbedingt weitere Karten benötigt, führt an NEUE WELTEN kein Weg vorbei. Die Euphorie aus den Jahren 2004/05 lässt es allerdings nicht komplett wieder aufleben, was selbst eine unfehlbare Instanz wie REZENSIONEN FÜR MILLIONEN seinen Lesern nicht schlüssig zu erklären vermag.

NEUE WELTEN von Urs Hostettler für drei bis fünf Spieler, Fata Morgana / Abacusspiele.

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