Freitag, 10. Juni 2011

Navegador

Einleitungen werden überschätzt.

Wie geht NAVEGADOR? Wir sind Kapitalisten des 15. und 16. Jahrhunderts. Wir finden den Seeweg nach Japan und beuten alles aus, was uns unterwegs in die Quere kommt. Wir werden reich. Und während Reichtum heutzutage natürlich verpflichtet (Parteispenden etc.), durfte man damals sein Geld noch nach Belieben ausgeben: vorzugsweise für Gebäude, die einen Multiplikator für die Endwertung darstellen. Denn Siegpunkte = Anzahl der Kirchen mal Kirchenprivilegien + Anzahl der Werften mal Wertprivilegien usw.
Alle Spiel-Aktionen sind auf einem achtfeldrigen Rondell angeordnet. Wer am Zug ist, zieht seine Figur dort um (normalerweise) bis zu drei Felder vorwärts und führt die angegebene Aktion aus. Beispiele: Auf dem Feld „Schiffe“ darf man Schiffe bauen (wobei das Gebäude „Werft“ hilfreich ist); auf dem „Markt“ nimmt man Geld ein; auf dem Feld „Privileg“ erhält man einen Multiplikator für die Entwertung, muss aber einen Arbeiter dafür abgeben.

Was passiert? Ohne Geld und Arbeiter geht es nicht. Also Stopp auf den entsprechenden Rondellfeldern. Ohne Gebäude und Kolonien geht es aber auch nicht. Also noch mehr Haltepunkte. Doch je länger man sich mit dem Umrunden des Rondells Zeit lässt, desto teurer werden die Anschaffungen und desto langsamer segeln die Schiffe. – Ein schönes, ständiges Dilemma bei gefühlt flottem Spieltempo. Ja, das Aktions-Rondell ist und bleibt eine tolle Erfindung!
Aber: Die Rechnerei auf dem Markt nervt ziemlich. Außerdem klafft bald eine Schere auf zwischen denen mit vielen und wenigen Arbeitern sowie denen mit großem und kleinem Profit. Man kann dies verzeihen, denn NAVEGADOR ist ein Spiel nahezu ohne Glücksfaktor, und wer früh auf die Verliererstraße gerät, hat sicher selbst dazu beigetragen.
Aber noch mal aber: Ab der Hälfte des Spiels werden die Entscheidungen immer klarer, und auch das Thema bricht weg. Jetzt geht es nur noch um Tempo auf dem Rondell, ein Run auf die Privilegien setzt ein. Jeder sucht sich seinen Bereich, den er maximal multiplizieren möchte. Sind es beispielsweise die Faktoreien, konzentriere ich mich fortan voll auf „Privileg“ (Multiplikator), „Baumeister“ (Faktoreien bauen) und „Arbeiter“ (um die Privilegien zu bezahlen; außerdem darf ich ab sechs Arbeitern zwei Faktoreien auf einmal errichten). Geht mir das Geld aus, schalte ich einen Zwischenschritt ein und schaue beim „Markt“ vorbei. Aus einer offenen, experimentellen Anfangsphase geht NAVEGADOR in eine Phase des Abarbeitens über.

Was taugt es? Alles in allem bin also nicht restlos zufrieden mit dem Spiel, und die Wertung „solide“ wäre für mein Empfinden vertretbar gewesen. Thema und Gestaltung verleihen NAVEGADOR jedoch eine überdurchschnittlich reizvolle Atmosphäre, die mich bereits zu so mancher Partie verlockt hat und durchaus noch zu weiteren Partien verlocken könnte.

NAVEGADOR von Mac Gerdts für zwei bis fünf Spieler, PD-Verlag.

2 Kommentare:

Kai Frederic hat gesagt…

Gefällt dir Imperial besser oder hat das deiner Meinung nach die selben Probleme?

Udo Bartsch hat gesagt…

Uiui, Imperial habe ich zu lange nicht gespielt, um einen fundierten Vergleich aus dem Ärmel schütteln zu können. Ich habe damals auch mit einigen Dingen gehadert, war aber ebenso von einigen Dingen sehr fasziniert. Aus jetziger Sicht würde ich wohl lieber Navegador spielen. Aber das ist nur ein Gefühl, kein Urteil.

Hier hab ich mal was zu Imperial geschrieben. Auch bei Imperial schwankte ich zwischen "solide" und "reizvoll", und letztlich entschied ich mich für "reizvoll": Link zu Fairplay-Online

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