Aha, „Kartentanz“ soll also dieser neue Mechanismus in EMBERLEAF heißen. Ich hätte es als „Karten schieben“ bezeichnet. Aber weil es einen Tanz gibt, den man „Schieber“ nennt, passt es am Ende wieder.
Wie geht EMBERLEAF? Ich sammle Ressourcen, laufe mit meiner Figur auf dem Spielplan hin und her und baue unter Einsatz meiner Ressourcen Gebäude an sechs Orten („Lichtungen“). All das wird ausgelöst, indem ich Karten („Helden“) auf mein Tableau spiele. Die meisten Karten haben einen Soforteffekt, manche Felder beim Überdecken ebenso.
Ich darf allerdings nur einen dieser beiden Soforteffekte nutzen, weshalb es besonders smart wäre, auf Felder mit Soforteffekt Karten ohne Soforteffekt zu spielen. Felder, die Dauereffekte auslösen, solange ihr Feldsymbol nicht durch eine Karte überdeckt ist, lasse ich möglichst lange leer.
Es gibt aber noch andere wichtige Gründe, warum ich welche Karten in welcher Reihenfolge auf bestimmte Felder legen oder lieber nicht legen möchte. Zwei Beispiele: a) Der Soforteffekt einer Karte besagt, ich bekomme Holz für jedes sichtbare Holzsymbol. Mein Feld mit dem Holzsymbol will ich bis dahin also nicht überdecken. Überdies stellt sich die Frage, ob ich vorher noch weitere Karten mit Holzsymbol auslege, um den Ertrag der Holzkarte zu steigern. Allerdings sollten diese Karten auch wegen ihrer anderen Effekte sinnvoll sein, nicht nur wegen des Holzsymbols. Zudem ist meine Lagerkapazität begrenzt. So schön es ist, viel Holz zu kassieren und zuvor eventuell noch Nahrung und Stein: reinpassen sollte das schon alles.
b) Die Alternative zum Ausspielen einer Karte ist der schon angeteaserte Kartentanz: Ich schiebe alle Karten auf meinem Tableau in einer vorgegebenen Reihenfolge um eine Position nach links. Karten, die schon ganz am Rand des Tableaus liegen, werden runtergeschoben, andere nur weitergeschoben. Und weil manche Karten Effekte haben, die teils beim Weiterschieben, teils beim Runterschieben ausgelöst werden, passiert nun so einiges. Und es ist eine hohe Kunst, die Karten vorher so gruppiert zu haben, dass alles perfekt ineinandergreift. Besagt ein Effekt, dass ich ein Holz in zwei Nahrung tauschen darf, wäre es schade, kein Holz zu besitzen oder im Lager nicht genug Platz für zwei Nahrung. Besagt ein Effekt, ich darf bauen, wäre es schlecht, die falschen Rohstoffe zu besitzen oder mit der Figur nicht dort zu stehen, wo ich überhaupt bauen darf (und möchte).
Was passiert? Eine Karte mit tollem Runterschiebe-Effekt platziere ich gerne gleich am Tableau-Rand, damit sie alsbald runtergeschoben wird. Eine Karte mit tollem Dauereffekt platziere ich gern so, dass sie lange auf dem Tableau bleibt. Theoretisch. Wegen der vielen Verflechtungen gelten die allgemeinen Grundsätze im Speziellen dann doch nicht immer. EMBERLEAF ist ein Paradies für Spieler:innen, die sehr viele Wechselwirkungen vorausberechnen und optimieren möchten. Das Spiel hat in meinen Runden einigen Frust ausgelöst, weil man immer wieder – aber leider zu spät – feststellt, irgendeine Kleinigkeit nicht mitbedacht zu haben, woraus sich nun rattenschwanzartig ein recht großer Nachteil ergibt.
Die mechanische Detailverliebtheit zieht sich durch alle Bereiche. Erfüllte Zielkarten („Gefallen“) tragen einen wesentlichen Teil zu meiner Punktwertung bei. Sie besagen etwa: „Siedle mindestens eine Eule auf vier Lichtungen an“ oder „Habe genau ein Bootshaus, zwei Märkte und drei Windmühlen“. Im Laufe des Spiels wird es immer schwieriger, Karten zu ergattern, die sich noch erfüllen lassen. Das Ziel „Siedle mindestens drei Ratten auf Märkten an“ widerspräche dem Ziel, dass ich nur zwei Märkte haben soll, „Habe mindestens ein Gebäude auf genau vier Lichtungen“ klappt vielleicht auch nicht mehr, weil ich längst auf fünf Lichtungen gebaut habe.
Da ich zusätzliche Zielkarten nicht einfach so bekomme, wann es mir gefällt, und der Zielkartenmarkt, aus dem wir uns bedienen, oft durchgetauscht wird, kann eine attraktive Karte schon wieder verschwunden sein, bis ich endlich Zugriff habe. Oder ich habe Zugriff (mitunter ausgelöst ohne mein Zutun, weil jemand auf der Punkteskala einen bestimmten Wert erreicht hat), aber da liegt nur Mist.
Was taugt es? EMBERLEAF gibt mir immer wieder das Gefühl: Passt grad nicht, geht grad nicht, darf ich jetzt nicht, widerspricht sich, die Karte liegt falsch, genau ein Rohstoff fehlt, aber hätte ich vorhin zwei Züge mehr im Voraus durchgerechnet, wäre das nicht passiert. (Vielleicht wäre etwas anderes dazwischengekommen, nur davon ahne ich gerade nichts.)
Meinen Geschmack trifft das nicht. Vielen Mitspieler:innen erging es ähnlich. Aber es gibt in meinen Runden auch richtige EMBERLEAF-Fans. Warum, habe ich selbst in etlichen Partien nicht wirklich begriffen. Sie haben beim Spielen genauso geächzt und gejammert wie ich – aber erlebten die ständigen Beschränkungen und Verbote offenbar nicht als nervtötend, sondern als willkommene intellektuelle Herausforderung.
Deswegen habe ich auch lange überlegt, ob ich meinem Geschmack zu viel Gewicht beimesse, wenn ich EMBERLEAF nicht mal als „solide“ bewerte. Anderen Menschen, mit denen ich sonst übereinstimme, macht es ja Spaß. Und: Es kreiert mit den Wechselwirkungen zwischen Karten und Tableau und dem Kartentanz auch einen neuen Mechanismus.
Allerdings gibt es etliche handwerkliche und redaktionelle Dinge, die für mich einfach nicht stimmen. Grafik und Benennungen etwa. Wir haben hochspezifische Zielkarten, die von mir verlangen, genau nachzuvollziehen, welche Gebäude welcher Sorte die anderen Spieler:innen und ich auf welcher Lichtung haben – aber auf jedes Gebäude stellt man eine „Bewohner“-Figur, die das Plättchenmotiv überdeckt. Und leider sind die Gebäudeplättchen auch farblich nicht so leicht voneinander zu unterscheiden.
Die Grafik ist nicht funktional. Auf Lichtungen und Tableaus ist zu wenig Platz, um Figuren so hinzustellen, dass sie nicht im Weg stehen und nichts überdecken. Die Lichtungen tragen Namen (wichtig für Zielkarten), die aber gar nicht an den Lichtungen selbst stehen. Eines der Gebäude heißt „Haus“, was nicht nur zur Verwechslung mit dem Oberbegriff „Gebäude“ führt, sondern auch wenig intuitiv ist, weil auf dem Plättchen „Haus“ seltsamerweise fünf Häuser abgebildet sind.
Wenn ich auf einer Lichtung den letzten Bauplatz bebaue oder wenn ich in einem Kampf den sechsten „Gefahrenzonen-Marker“ besiege, erhalte ich eine Trophäe, die schöne Extrapunkte zählt. In einem Mehr-Personen-Spiel halte ich dieses Konzept für ungünstig, weil ich von glücklichen Momenten oder unaufmerksamen Spieler:innen vor mir abhängig bin, die den vorletzten Bauplatz bebauen oder den fünften Marker wegräumen. Die Trophäen führten in meinen Partien dazu, Züge nochmals besser durchzuoptimieren, um das vorletzte und letzte Gebäude einer Lichtung direkt in einem Zug bauen zu können.
Ich finde auch, EMBERLEAF täuscht durch 47 Helden-Karten (mit denen ich mein Deck ausbaue) und 88 Gefallen-Karten mehr Vielfalt vor, als es tatsächlich bietet. Auf viele dieser Karten ist man gar nicht scharf. Nach meiner Beobachtung werden etliche nur selten genommen – was vielleicht der Grund ist, warum beide Kartenmärkte so rasch durchrotieren müssen. Zu vieles würde sonst liegen wie Blei.
EMBERLEAF ist am stärksten zu zweit und allenfalls noch zu dritt. Zu viert sind die Wartezeiten bereits erheblich. Es zu fünft auszuprobieren, habe ich gar nicht erst gewagt. Die Anziehungskraft des Spiels auf Optimier-Freaks und Fans überbordender Effekte und versteckter Details lässt sich nicht verhehlen. EMBERLEAF sieht überdies recht niedlich aus. Für Menschen, die sich von einer stimmungsvollen Grafik mehr verzaubern lassen als ich, ist das ein weiterer Pluspunkt.
*** mäßig
EMBERLEAF von Frank West und James Tomblin für eine:n bis fünf Spieler:innen, Skellig Games.





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