Donnerstag, 6. August 2020

Vor 20 Jahren (92): Vinci

VINCI lernte ich in einer Spielerunde kennen, die heute nicht mehr existiert. (Oder sie spielen mittlerweile ohne mich und mir wurde das nur nicht mitgeteilt…?) Eine Besonderheit der Runde war, dass viele der Beteiligten konfrontatives, konfliktreiches Spielen mochten. Wenn man anderen ordentlich einen überbrezeln konnte, galt das als gelungene Interaktion. Natürlich möchte niemand der Gebrezelte sein, deshalb gehörte es zu den Gruppengepflogenheiten, lautstark zu argumentieren, wer sich aus welchen Gründen als Ziel des nächsten Angriffs besonders qualifiziere.

Ich habe dies schon öfter geschrieben, aber wiederhole es gerne noch einmal: Manipulieren beim Spielen finde ich nach Schummeln so ziemlich am verabscheuungswürdigsten. Ich mag es nicht, wenn man anderen aus unlauteren Absichten reinquatscht – soll doch jede*r ihr / sein eigenes Spiel spielen! Und so halte ich die Argumentation, dass man jetzt unbedingt etwas unternehmen müsse, nur damit nicht X gewinnt, meistens für nicht so stichhaltig. Vielleicht hat X einfach besser gespielt und den Sieg verdient. Oder X bin ich.

Wenig überraschend war VINCI in dieser Spielerunde ein Hit. VINCI hatte alles, was ein gutes Spiel brauchte: Man konnte sich gegenseitig verkloppen, man konnte sich gegenseitig aufhetzen. Allerdings: Auch ich war von dem Spiel sehr angetan. Denn VINCI beinhaltete so viel Taktik, dass das Ergebnis eben nicht bloß davon abhing, dass eine*r sich zwischen zwei potenziellen Opfern zufällig so oder anders entschieden hatte.


Man konnte seine Völker durchaus so wählen und so positionieren, dass es für andere Spieler*innen in ihrer aktuellen Situation sehr aufwändig oder unattraktiv oder sogar unmöglich war, dagegen vorzugehen. Und welche Interessen und Fähigkeiten die anderen mit kommenden Völkern haben würden, konnte man anhand des Marktes ganz gut abschätzen. Apropos: Dem Marktmechanismus (was neu reinkommt, ist am teuersten; was länger liegt, wird schrittweise verbilligt), der heute gewöhnlicher Standard ist, widmete ich in meiner Rezension in Fairplay 51/2000 recht viele Worte, so dass ich annehme, er war damals noch kein Standard. Zumindest war ich ihm wohl noch nicht so oft begegnet.

VINCI hatte lediglich ein Problem, dies aber war enorm: Eurogames hatte das Spiel mit einer lieblosen Spielplangrafik, einer grauenhaften Anleitung und fehlerhaften Kurzübersichten fast vollständig verhunzt. VINCI hatte es verdient, noch einmal in verbesserter Version an den Start gehen zu dürfen. Und so kam es auch. 2009. Die neue Version hieß SMALL WORLD und machte ihren Weg. – Jedoch an mir vorbei. Vielleicht hatten meine späteren Mitspieler*innen nicht mehr so viel Lust auf Hauereien. Vielleicht war die Zeit eine andere. Oder vielleicht war doch nicht alles in SMALL WORLD besser. Tatsächlich lernte ich die nüchterne Gestaltung von VINCI im Nachhinein zu schätzen. In der schreienden Buntheit von SMALL WORLD fühlte ich mich nie zu Hause.


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