Dienstag, 13. Oktober 2020

The Magnificent

Der Zirkus ist in der Stadt und das ist ganz schön lustig! Nicht etwa wegen der tollen Clownsnummern. Sondern weil man beim Spielen von THE MAGNIFICENT nicht mal im Entferntesten an Zirkus erinnert wird.

Wie geht THE MAGNIFICENT? Der Zirkus ist in der Stadt! Lassen Sie sich verwirren von einzigartigen Verschwurbelungen! Bewundern Sie die tollkühnen Stars der Optimierung!
Wenn man die Sache mit dem Zirkus mal vergisst, geht es bei THE MAGNIFICENT darum: Jede*r besitzt eine Puzzlefläche, die mit verwinkelten Bauteilen möglichst lückenlos und möglichst raumgreifend bepuzzelt werden soll. Jede*r besitzt außerdem fünf Slots für Auftragskarten, von denen vier Slots allerdings erst noch freigeschaltet werden müssen. Aufträge können beispielsweise lauten: Besitze ein kleines und ein großes grünes sowie ein großes violettes Bauteil und zahle einen grünen Edelstein. Machst du das, bekommst du Geld und Punkte.
Ein Würfelpool ist der Motor des Spiels. Pro Durchgang viermal wähle ich einen dieser Würfel und führe eine von drei möglichen Hauptaktionen aus (Puzzleteile nehmen, Slot freischalten, Aufträge werten). Sowohl Augenzahl als auch Würfelfarbe definieren meine Möglichkeiten. Je mehr gleichfarbige Würfel ich in einem Durchgang nehme, desto stärker sind meine Aktionen – aber auch umso teurer.
Unter Einsatz von Edelsteinen und Trainerfiguren kann ich die Aktion noch aufwerten, modifizieren oder kleinere Nebenaktionen auslösen. Ich bin im gesamten Spiel nur zwölfmal an der Reihe; ein einzelner Zug kann relativ vielschichtig und komplex sein.


Was passiert? Die Häufigkeit, in der Spieler*innen die einzelnen Grundaktionen wählen, variiert gar nicht so sehr. Irgendwer verzichtet vielleicht auf einen oder zwei Slots und puzzelt dafür mehr. Aber im Großen und Ganzen machen wir dasselbe, wenn auch nicht in derselben Reihenfolge.
Timing ist sehr wichtig, Optimierung ist noch wichtiger. Wer alle möglichen Effekte bedenkt und einplant, jeden Edelstein ausnutzt, jedes Zehntel mitnimmt, wird sehr wahrscheinlich besser abschneiden als jemand, der lieber aus dem Bauch entscheidet. Ein*e Optimierer*in am Tisch genügt bereits, um die vorgesehene Spieldauer von angeblich 60 bis 90 Minuten utopisch werden zu lassen.


Was taugt es? Mechanisch lässt sich nichts gegen THE MAGNIFICENT sagen. Es hat Tiefe, es ist verwoben, trotzdem sind die Grundmechanismen erstaunlich eingängig und einfach. Man kann sehr viel bedenken, tüfteln und sich dabei von Partie zu Partie verbessern.
Bei allem Respekt vor der handwerklichen Autorenleistung finde ich THE MAGNIFICENT aber nicht sonderlich spannend. Einerseits weil es tatsächlich nur wenige Spannungsmomente gibt, etwa ob der angepeilte Würfel liegen bleibt oder weggenommen wird. Andererseits weil ich keine Beziehung zu dem entwickle, was ich tue. THE MAGNIFICENT ist emotionslos und kreiert keine Welt. Dass man viel berechnen kann, ist schön, aber kein Alleinstellungsmerkmal. Außer um zu beweisen, dass ich der beste Rechner bin, hat THE MAGNIFICENT nichts dauerhaft Motivierendes.
Auch Heavy Euros profitieren davon, wenn man das Thema zumindest erkennen kann. In THE MAGNIFICENT stört das Thema eher, weil die Anleitung mit aller Macht Begrifflichkeiten aus der Zirkuswelt verwendet und damit mehr Verwirrung stiftet als Story zu transportieren.
THE MAGNIFICENT ist für mich trotzdem besser als „mäßig“, denn es enthält schöne Mechanismen, die man nicht überall findet. Jeden meiner Würfel modifiziere ich noch mit einer „Direktorenkarte“. Zugleich definiert diese Karte ein Ziel, für das ich entweder zwischendurch oder bei Spielende Punkte erhalte. Pro Runde bekomme ich eine neue Karte hinzu und muss eine meiner vorhandenen werten. Das ist trickreich, weil ich dadurch auch deren Modifikationseigenschaft verliere. Aber vor allem bringen diese Karten von Beginn an Ziele ins Spiel, auf die ich fokussiert bin. Und weil Fortgeschrittene die Direktorenkarten zu Beginn draften, wähle ich meine Ziele sogar selbst. Clever konzipiert.


**** solide

THE MAGNIFICENT von Eilif Svensson und Kristian A. Østby für ein*n bis vier Spieler*innen, Pegasus Spiele.

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