Dienstag, 10. November 2020

Vor 20 Jahren (95): Der Garten des Sonnenkönigs

Es beginnt schon bei den Perlen: Die große blaue zählt drei Taler, die mittlere gelbe zählt einen, die kleine rote zwei. Häh? Nicht fragen. Das muss so sein, denn es stiftet zusätzliche Verwirrung. Und zusätzliche Verwirrung ist genau das, was wir in einem ohnehin schon schwer zu durchschauenden Spiel unbedingt brauchen.

So offenbar die Gedankengänge des Noris-Verlages, der sein schwer zu durchschauendes (!) Versteigerungsspiel (!) DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS im Jahr 2000 mutig als „Familienspiel“ anpreist. Der Annahme folgend, dass sich das Werk an Kinder und Eltern richte, ist die Spielplangestaltung eher märchenhaft-barock und keinesfalls funktional, was dem – wie erwähnt – schwer zu durchschauenden Spiel den Extrakick verleiht.

Heute würden wir so ein Spiel vermutlich gleich an die Wand klatschen und das nächste auspacken. Damals, vor 20 Jahren, hatten wir nicht ganz so einfach ein nächstes Spiel zur Hand, also bewiesen wir deutlich mehr Geduld.

Und das war gut so, denn DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS ist ein kleiner versteckter Diamant unter den Versteigerungsspielen. Oder mal lieber vorsichtiger ausgedrückt: Seinerzeit habe ich das so empfunden. Inzwischen habe ich das Spiel seit x Jahren nicht angefasst. Es ist ja auch leider nicht so, dass Gäste beim Stöbern in meinem Regal ausgerechnet diese Schachtel hervorziehen und schreien: „Wie stark sieht das denn aus? Das wollen wir spielen!“

In DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS ersteigern wir Parzellen. Und die Gebote bestimmen nicht nur den Kaufpreis, sondern auch, welche Parzelle als nächste versteigert wird. Bei einem Höchstgebot von acht ist es die acht Felder entfernte.

In den Parzellen liegen Perlen. Deren vorderste bekomme ich als Käufer sofort. Jede weitere erst, wenn ein Projekt abgeschlossen ist, zu dem die Parzelle gehört. Beispielsweise könnte die Parzelle Teil des vier Felder umfassenden Springbrunnens sein, und sobald alle vier Springbrunnen-Felder verkauft sind, gilt der Brunnen als vollendet und die Besitzer*innen der vier Parzellen bekommen die jeweils nächste Perle. Abgeschlossene Projekte lösen außerdem eine Wertung aus: Wir bekommen den Wert all unserer Perlen ausgezahlt. Eine früh erworbene Perle macht somit viele Wertungen mit.

Und was ist dabei nun so schwer durchschaubar? Man hat keine Idee, was man sinnvollerweise bieten soll. Für einige läuft es trotzdem unerklärlich super, andere sitzen bald auf dem Trockenen. Anders als in anderen Versteigerungsspielen geht es nicht nur darum, ein passendes Gebot abzuschätzen, sondern es obendrein so zu bemessen, dass Projekte vorankommen, an denen ich beteiligt bin.

Oft widerspricht eins dem anderen. Schnell findet man sich in fiesen Zwängen gefangen: Das Gebot steht eigentlich schon unvernünftig hoch, aber es so zu belassen, wäre noch verheerender, weil danach etwas unter den Hammer käme, das der Konkurrenz zwei Projekte auf einmal vollendete.

DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS ist subtil, gemein und knallhart. Die Anleitung überschüttet Kinder und Eltern mit zwei Seiten Ausführungen zu Taktik und Strategie. Ich habe DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS zwar nie mit Familien gespielt, aber hatte trotzdem verwirrte und überforderte Mitspieler*innen, die selbst im Finale, wenn das Spiel leider ziemlich ausrechenbar wird, noch Gebote abgaben, die sich nie und nimmer rechnen konnten. Und anschließend urteilten, DER GARTEN DES SONNENKÖNIGS sei unkalkulierbar.

Übertrieben. Statt unkalkulierbar würde ich sagen: crazy, mad, abgefahren. Ein ziemlich verschrobenes Ding, bei dem mir nie klar war, warum Noris meinte, dass es ins Programm passen könnte (übrigens wurde es dann auch schnell und heftig verramscht). Ein ziemlich verschrobenes Ding, von dem ich aber bis heute meine, dass es sehr gut in meine Sammlung passt.

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