Samstag, 19. September 2026

Spielejahrgang 2025/26:
Was vom Jahrgang übrig bleibt
Teil 1: Die Außerordentlichen

Nicht alle sind klug. Hätte ich früher daran gedacht, ein hannoversches oder wahlweise niedersächsisches Spielearchiv zu gründen, könnte ich alle Spiele eines Jahrgangs behalten und müsste mir nicht jedes Jahr im Herbst den Kopf darüber zerbrechen, welche Spiele mir besonders behaltenswert erscheinen.

Andererseits: Das ist als Kritiker ja ohnehin mein Job. Und: Ich kann meinen Blog-Leser:innen ein paar Top-Listen unterjubeln. Das bringt mir zahlreiche Klicks und als charmanten Beifang hoffentlich die schon lange ersehnte Million. Mit dem Geld kaufe ich mir ein Archiv und habe auf einen Schlag all die Spiele zurück, die ich zuvor aussortiert hatte. Klug.

Top-Liste Nummer 1 von 3: Die Außerordentlichen.

Möglicherweise ist es gar nicht so überraschend, welche Spiele ich außerordentlich finde. Schließlich vergebe ich in diesem Blog ein Label desselben Namens. Aber wie auch die neueste PISA-Studie wieder ergeben hat, lernen gar nicht alle Leser:innen meinen Blog auswendig. Hier und da klaffen Kenntnislücken. Hinzu kommt in diesem Jahr als besondere Schwierigkeit, dass ich eines der für mich außerordentlichen Spiele nicht online, sondern nur in der Spielbox rezensiert habe ...


MOON COLONY BLOODBATH: Mein Lieblingsspiel in diesem Jahrgang! Ich habe es sogar einige Male solo gespielt. Das sagt alles. Und falls doch nicht: Ich mag die ungewöhnliche Dramaturgie, dass wir im (vermeintlichen) Wachstum starten und am Ende alles kaputt ist. Normalerweise funktionieren Spiele andersherum: Wir haben nur ein paar Ressourcen, wir haben nur ein paar Züge und denken: Wie soll ich denn damit bloß ein Imperium aufbauen? Und am Ende haben wir ein Imperium. In MOON COLONY BLOODBATH haben wir am Ende einen Scherbenhaufen. Und auch das nur bestenfalls. Als Spielgefühl mag ich, wie Autor Donald X. Vaccarino mich kreativ sein lässt. Der Aktionskartenstapel ist wie ein Programm, das kontinuierlich gegen mich und gegen uns alle arbeitet. Ich versuche, mit meinen rudimentären Mitteln einen fragilen Aufbau zu improvisieren, der eine Weile standhält, und sei es nur ein bisschen länger als die Konstruktion der Konkurrenz.


DER HERR DER RINGE – DAS SCHICKSAL DER GEMEINSCHAFT: Wenn Spiele Gefühle hätten, dann wäre dieses Spiel vermutlich etwas geknickt. Sieben Monate lang war es Tabellenführer in meinem Herzen (bevor jemand fragt: ja klar, mein Herz ist eine Excel-Tabelle). Und kurz vor Toreschluss im März 2026 kam plötzlich jenes andere (siehe oben) angerauscht und verdrängte DER HERR DER RINGE – DAS SCHICKSAL DER GEMEINSCHAFT vom Thron. Trotzdem ist auch dieses Spiel sensationell. Matt Leacock hat es geschafft, seinen PANDEMIE-Mechanismus mit Der Herr der Ringe auf sehr organische Weise zu vereinen. Das Spiel kreiert immer wieder neue und faszinierende Varianten eines schon oft erzählten Plots. Geschichten, die sich ähnlich stimmig anfühlen und im Gedächtnis bleiben.


DITO: Hier und da habe ich Enttäuschung vernommen, dass DITO! Spiel des Jahres wurde. Es sei ja nichts Besonderes, hieß es. Und ich möchte einwenden: Ist es doch. DITO! hat allerdings zwei, drei Partien gebraucht, um mein Herz vollständig zu erobern. Anfangs dachte ich doch glatt, das Spiel sei nichts Besonderes. Besonders wird es für mich aber dadurch, dass DITO! fast immer und überall passt. Es ist ein Spiel, das ich wieder und wieder spielen kann – und das mir verlässlich wieder und wieder Spaß bereitet. In diesem Fall ist es nicht die Innovation, die das Spiel von Martin Ang so besonders macht, es ist die Komposition der gut gewählten Fragen und des emotionalen Wertungsmechanismus. Ich bin mir sicher, dass ich DITO! noch oft spielen werde. Allein schon deshalb, weil ich es noch vielen Menschen zeigen will.


  • Teil 2: Die Unterschätzten
  • Teil 3: Die Reizvollen

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