Ich könnte behaupten: Gegen Hypes bin ich resistent. Es ist okay für mich, Dinge zu verpassen. Zur Wahrheit gehört allerdings auch: In den meisten Fällen kriege ich die Hypes nicht mit. Weil irgendwelche Begehrlichkeiten so gar nicht erst entstehen können, kostet es mich auch keine Willenskraft, gegen diese Begehrlichkeiten anzukämpfen.
THROUGH THE AGES von Vlaada Chvátil ist ein Beispiel dafür. 2006 erschien es auf der SPIEL in Essen. Die Noten bei der Fairplay-Scoutaktion waren gut, trotzdem glaube ich eher nicht, den Stand von Czech Board Games angesteuert zu haben. Und falls doch, habe ich mich nicht lange aufgehalten. Für Spiele auf Englisch hatte und habe ich keine journalistische Verwendung. Handelt es sich darüber hinaus um besonders komplexe Spiele, ist die Sache noch aussichtsloser.
Ohnehin spielt keine Rolle, ob ich das Spiel in der Theorie hätte kennenlernen wollen. Bis eine Schnarchnase wie ich mal angelatscht kommt, ist es längst zu spät. Matthias Hardel schreibt (Spielbox 1-2007), die Leute von Czech Board Games hätten es verstanden, vorab einen Internet-Hype zu erzeugen. THROUGH THE AGES sei ruckzuck ausverkauft gewesen. Nach Essen erzielte das Spiel auf Ebay Mondpreise. – Mochte alles sein. Ich wusste das nicht, mich kümmerte es nicht. Ich hatte DIE SÄULEN DER ERDE, SPACE DEALER, YSPAHAN, DIE BAUMEISTER VON ARKADIA und konnte ja erst mal diese spielen.
„Was gut ist, kommt wieder“, sagte man bei der Fairplay. Und einmal mehr bewahrheitete es sich. Das ursprüngliche Vorhaben von Czech Board Games war es gewesen, auf der Messe einen Verlag zu finden, der THROUGH THE AGES professionell produziert. Am Ende machte man es selbst. Dafür wurde der Verlag Czech Games Edition gegründet, THROUGH THE AGES erschien in einer neuen, verbesserten Version. Aber auch die ging an mir vorbei. Ich hatte IM JAHR DES DRACHEN, TRIBUN, HAMBURGUM, ANNO 1701 und konnte ja erst mal diese spielen.
Das war’s? Wollte ich nur mal erzählen, dass vor 20 Jahren THROUGH THE AGES erschien und ich keinen Schimmer habe? – Seit 17 Jahren habe ich einen. Da veröffentlichte Pegasus die deutsche Version IM WANDEL DER ZEITEN. Daran kam ich jetzt nicht mehr vorbei. Und daran wollte ich auch gar nicht vorbei. Denn inzwischen hatte ich eine Vorstellung, welche Art Spiele dieser Herr Chvátil so machte. GALAXY TRUCKER! SPACE ALERT! – Her mit mehr!
Der Hype erreichte mich mit drei Jahren Verspätung. Und was soll man sagen? THROUGH THE AGES / IM WANDEL DER ZEITEN war tatsächlich so gut, wie immer gesagt wurde. In den ersten zwei Wochen, als ich es hatte, mochte ich gar nichts anderes mehr spielen. Na ja, und weil eine Partie wirklich lange dauert, konnte ich auch gar nicht mehr viel anderes spielen.
Wer es noch nicht seit 20 Jahren kennt (ich fürchte, ich bin der Einzige): THROUGH THE AGES ist ein Zivilisationsspiel von der Antike bis zur Moderne, aber ohne die obligatorische Landkarte. Karten stellen meine Fortschritte dar, Marker auf diesen Karten meine Ressourcen. Was ich so besonders toll finde: Bei aller Komplexität ist das Spiel elegant. Und trotz aller Eleganz ist es episch. Es dauert lange, und es muss lange dauern. Indem mein Aufbau Schritt für Schritt geschieht, bekomme ich das Gefühl von Fortschritt und Entwicklung am besten vermittelt.
Gegen Hypes mag ich (vielleicht) resistent sein. Gute Spiele sind trotzdem gute Spiele.
- Vor 20 Jahren (165): Haste Bock?

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