Dienstag, 27. Dezember 2011

Mondo

Was ein Blogger an Feedback erhält: Alle paar Tage „gefällt“ jemandem ein Link von REZENSIONEN FÜR MILLIONEN auf Facebook. Alle paar Wochen verfasst jemand im Blog einen Kommentar. Alle paar Monate schreibt ein Leser eine Mail. Und alle paar Jahrzehnte wird man in einer deutschen Tageszeitung als „so etwas wie Marcel Reich-Ranicki in der Welt der Brettspiele“ tituliert.
Neulich erreichte mich Post von einem Leser, der genau aufgepasst hatte, dass ich in einem Artikel vom Juni 2011 eine MONDO-Rezension in Aussicht gestellt, jedoch noch nicht eingelöst hatte. – Uiuiui. Was tun? Obwohl es heutzutage oberste Sitte ist, erst mal alles abzustreiten und die Aufklärung zu verschleppen, müsste ich mich auf lange Sicht wohl doch dem Druck der Straße beugen. Um das Amt des Bloggers nicht weiter zu beschädigen, mache ich zum Jahresende reinen Tisch: Hier kommt MONDO!

Wie geht MONDO? Kurz gesagt: Nahezu wie die Bauphase von GALAXY TRUCKER. Länger gesagt: In der Tischmitte liegt ein Haufen beidseitig bedruckter Legeteile. Sie zeigen eine oder mehrere Landschaften, teilweise auch Tiere, teilweise auch Vulkane. Während die Uhr läuft, greifen alle Spieler gleichzeitig nach den Teilen und bauen los. Jeder will auf seinem Tableau eine Welt mit möglichst vielen abgeschlossenen Landschaften konstruieren, mit möglichst vielen Tieren darin, und das auch noch möglichst schnell. Vulkane sind eher zu vermeiden, denn bei dem Spieler, der die meisten hat, zählen sie negativ.

Was passiert? Trotz Vorwarnung lassen sich Vulkane aber nur sehr schlecht vermeiden. Sicher nicht zufällig sind sie oft ausgerechnet auf den attraktivsten Teilen mit bis zu drei Landschaften abgebildet. Ein guter MONDO-Spieler wird deshalb ab und zu auf die Tableaus der Mitspieler schielen, wie viele Vulkane dort schon Feuer speien und ob er sich demzufolge noch welche erlauben kann. Ein guter MONDO-Spieler (der Führende) sieht sich nach der ersten Runde auch einer Behinderung ausgesetzt: Die inaktiven Vulkane, die man normalerweise ignorieren darf, zählen bei ihm mit.
Im Normalfall hindert dies den Könner trotzdem nicht am Gewinnen. Manche Spieler sehen auf einen Blick, ob ein Teil wie gewünscht passen wird. Andere besitzen diese räumliche Vorstellungsgabe nicht und können ein Teil erst beurteilen, nachdem sie es auf ihrem Tableau neben die anderen gelegt haben. Jammern die Verlierer deshalb rum? Eher nicht. Vielfach habe ich erlebt, dass die Punktwertung als motivierend empfunden wurde. Meist lässt sich bei jedem innerhalb der drei Durchgänge ein klarer Lernfortschritt erkennen. Am besten und spannendsten ist MONDO dennoch mit ungefähr gleich talentierten Weltenbauern.

Was taugt es? Legespiele sind oft sehr intuitiv, und deshalb kommen einem die Regeln von MONDO geradezu logisch vor. Auch Grafik, Anleitung und Symbolik sind absolut klar. Obwohl jeder etwas Eigenes baut, ist das Spiel nicht solitär. Für Fortgeschrittene enthält es noch zwei Zusatz-Module, es gibt alternative Tableaus und mehrere Vorschläge für Variationen. Alles prima.
Was mich von einer noch höheren Wertung abhält, liegt auf der emotionalen Ebene, die für den langfristigen Spielreiz oft den Ausschlag gibt; und sei es unterbewusst. Gewiss entstehen bei MONDO Emotionen, weil man ins Schleudern kommt oder einem tolle Teile vor der Nase weggeschnappt werden. Diese hektische Betriebsamkeit macht Spaß. Zu dem, was ich baue, entwickle ich allerdings keine Emotion. Es bleibt ein abstraktes Puzzle. Als meine „Welt“ empfinde ich es nicht. Ich achte und schätze MONDO, aber Liebe fühlt sich anders an. Vielleicht können wir ja einfach gute Freunde sein...?

MONDO von Michael Schacht für zwei bis vier Spieler, Pegasus.

2 Kommentare:

Maddin hat gesagt…

Tja Udo,
das ist das Problem, wenn man sein eigener Pressesprecher ist: man kann den nicht erst mal entlassen, wenn etwas schief läuft. Und alles auf "mangelnde Gradlinigkeit im Kommunikationsgebahren" schieben.
Im Ergebnis aber schön, dass Du uns (auch langfristig) erhalten bleibst...
=;-)

Jan hat gesagt…

Eigentlich kannst du ja jetzt abtreten, Udo! Was kann man denn mehr erreichen, als der Reich-Ranicki der Brettspielkritik tituliert zu werden, danach kann es doch nur noch bergab gehen! Das schürt natürlich auch Erwartungen: Wir wollen natürlich 2012 ein bisschen mehr sehen, als halb ausgegorene Interviews, wischi-waschi-Kritiken und larifari-Mitbringsel aus Essen, jetzt wird die Messlatte ein bisschen höher gehängt! Am Jahresende muss die Mille stehen, sonst suchen wir uns einen anderen Blog! ;)

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