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Donnerstag, 5. Mai 2011

Als ich noch kein Spieler war (20): Kreml

Das Auftauchen von ausgerechnet KREML in einer Serie namens „Als ich noch kein Spieler war“ wirkt möglicherweise widersprüchlich. Und in der Tat: Hier endet die Serie. KREML war mein Einstieg in die „Szene“.

In einer WG hatte ich eine Mitarbeiterin des legendären hannoverschen Spieleladens kennen gelernt. Sie brachte ab und zu Spiele zum Testen mit nach Hause. Unter anderem KREML und kurz darauf auch CIVILIZATION. Diese Spiele waren für mich das Tor zu einer ganz neuen Welt. Mir wurde klar, dass ich die ersten 19 Jahre meines Lebens weitgehend verplempert hatte. Ich begriff: Wer die wirklichen Schätze entdecken will, darf nicht in den großen Kaufhäusern gucken. Man benötigt Insider-Kenntnisse. Die ganze Angelegenheit besitzt höchst wissenschaftlichen Charakter.

Zu meinem Glück ließen sich die enormen Wissenslücken schließen. Zu diesem herrlichen Zweck gab es jene wundervollen Zeitschriften, die sich ausschließlich mit Spielen beschäftigten. Ich abonnierte die Spielbox und die Fairplay. Die Fairplay-Artikel lernte ich quasi auswendig, und wenn ein Spiel hier schlecht besprochen wurde, wollte ich es schon gar nicht mehr selber erproben.

Während ich früher noch alles gespielt hatte, was mir so auf den Tisch kam, wurde ich jetzt immer wählerischer. Man könnte sagen, ich wurde zum Gourmet. Man könnte aber ebenfalls sagen und mit genau demselben Recht, ich wurde zu dem griesgrämigen verbitterten Spielenörgler, der ich heute nun mal bin und der inzwischen sogar sein eigenes Blog braucht, um in aller Öffentlichkeit noch weiter nörgeln zu können.

Und das alles wegen KREML.

KREML war so dermaßen viel cooler als sonstige Spiele, weil es so witzig war, so anders, so politisch unkorrekt. Die Grafiken waren frecher, die Texte waren frecher, und die Schachtel sah wunderbar handgemacht aus und hob sich damit von diesem professionellen Kommerzkram ab, den man als junger Mensch ja mehr oder weniger total ablehnte. Insbesondere als junger Mensch im Umfeld von WGs.

Und KREML erzählte Geschichten. RISIKO oder PLAYBOSS leisteten das nicht, es sei denn man hätte mit seiner Welteroberung oder der geschickt einkassierten Versicherungsprämie prahlen wollen. Nein, das kam nicht annähernd so gut rüber, schon gar nicht im alternativen Umfeld. Doch Attentate ausführen, Trauermärsche pfeifen, imperialistische Spione überführen... liebe Genossinnen und Genossen, das war endlich echtes Spielen!

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (19): Diplomacy
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag


Und wer wissen will, was sich anschließt, nachdem ich jetzt Spieler war: Einen Rückblick auf meine Zeit als Fairplay-Leser und später –Autor habe ich 2007 im Fairplay-Blog veröffentlicht (Teil 1 befindet sich ganz unten auf der Seite):
http://fairplay-online.blogspot.com/search/label/Zur%C3%BCckgebl%C3%A4ttert

Dienstag, 19. April 2011

Als ich noch kein Spieler war (19): Diplomacy

Während ich eine Zeitlang RISIKO für das beste Spiel der Welt gehalten hatte, aber dummerweise nur selten Leute fand, die es mit mir spielten, änderte ich in der Zeit danach, als längst jeder RISIKO spielte, meine Meinung fundamental: DIPLOMACY war das beste Spiel der Welt!
Aber dummerweise fand ich nur selten Leute, die es mit mir spielten.

Vermutlich in der zehnten Klasse war es, als ich mich mit zwei Mitschülern an einer mehrtätigen Partie versuchte. Der eine hatte das Spiel ebenfalls zu Hause, den anderen versorgten wir mit Regeln, Material und irgendeiner Form von Spielplan. Alle zwei Tage vor der Schule tauschten wir unsere Befehle aus. So jedenfalls die Idee. In der Praxis scheiterte die Sache allerdings recht schnell.

Zum ersten Eklat kam es, als ich, um meiner Verachtung für die Gegner Ausdruck zu verleihen, meine Befehle auf Toilettenpapier abgab. Und der eine weigerte sich nun, das anzunehmen. Was ich gar nicht verstand. Immerhin war es unbenutztes Toilettenpapier. Noch schwieriger wurde es, als der Dritte im Bunde Befehle für Armeen abgab, die an den von ihm vermuteten Orten überhaupt nicht existierten. Offenbar hatte es doch nicht ausgereicht, einfach nur Regeln, Material und irgendeine Form von Spielplan auszuhändigen.

So musste DIPLOMACY jahrelang weiter verstauben, bis es später mit Kollegen meines Geschichte-Leistungskurses zu neuen Ehren kam. Die Partie dauerte bis zum frühen Morgen und wir schafften ungefähr acht Spielzüge. Gleich im ersten brach der Franzose seinen Pakt mit der Engländerin und schipperte hohnlachend in den Ärmelkanal.

Die daraufhin entstandenen persönlichen Spannungen sollten uns noch erheblich länger begleiten. Denn am Wochenende darauf, als wir eigentlich noch einmal DIPLOMACY spielen wollten, brachte jemand DAS SCHWARZE AUGE mit. Der Franzose erwürfelte sich einen Zwerg, die Engländerin wurde Elfe, und der Streit um den Ärmelkanal setzte sich fort, lediglich in einem anderen Spiel.

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (18): Playboss
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (20): Kreml
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Samstag, 26. März 2011

Als ich noch kein Spieler war (18): Playboss

Ja, das ist nicht sonderlich abwechslungsreich. Aber ich muss schon wieder auf den Spieleschrank meines älteren Cousins zu sprechen kommen. (Übrigens haben mein Cousin und meine Cousine mit ihren Schallplattensammlungen auch meinen Musikgeschmack sehr beeinflusst. Darauf werde ich demnächst etwas ausführlicher in einer zweihundertachtundvierzigteiligen Serie eingehen. Ist das nicht schön?)

Da ich als Kind Spiele mit Geld besonders mochte (wie man sieht, haben sich meine Vorlieben bis heute kaum verändert, nur dass ich Spiele und Geld inzwischen voneinander getrennt bevorzuge), war einer meiner Favoriten im Spieleschrank meines Cousins ZAHLTAG. Dieses Spiel liebte ich auch wegen seiner Grafik. Dass die Spielfelder wie die Blätter eines Abrisskalenders gestaltet waren, fand ich spektakulär. Ich liebte es, vor dem Briefträger zu zittern, weil er womöglich wieder Rechnungen brachte. Und meine Lieblingsantiquität war die Schrumpfkopfsammlung.

Nun wird der aufmerksame Leser jedoch bemerkt haben, dass das Kapitel gar nicht ZAHLTAG, sondern PLAYBOSS heißt. Und selbstverständlich: Auch PLAYBOSS stand im Schrank meines Cousins. Doch es dauerte lange und bedurfte guten Zuredens, bis ich mich an dieses Spiel herantraute. Das Cover mit Telefon und Zeitungen sprach mich überhaupt nicht an. Ich telefonierte damals nicht gern und ich las auch keine Zeitungen. Und der Rundkurs auf dem Spielplan war völlig seltsam: Auf den bunten Feldern stand nichts drauf! Wie sollte das Spiel funktionieren?!

Erst als ich dann im fortgeschrittenen RISIKO-Alter war, entwickelte sich PLAYBOSS zu einer Dauerleihgabe. Wir spielten es in großer Runde, zu fünft, zu sechst, zu siebt, zu acht. Und wir spielten endlos. Dass einige Spieler stundenlang chancenlos hinterherhinkten und ein Dasein als Rohstoffzwischenhändler fristeten, gehörte dazu und wurde hingenommen.

Schließlich kaufte ich mir sogar mein eigenes PLAYBOSS, aber das war mehr ein Versehen. Mit einem Freund fuhr ich in die große Stadt Hannover und dort landeten wir im legendären Spieleladen Am Schwarzen Bär. Das war einer dieser Läden, von denen es heute nur noch sehr wenige oder vielleicht auch keinen einzigen mehr gibt: Spielregale an allen Wänden bis an die Decke; im Verkaufsraum von jedem Spiel nur ein einziges, aber geöffnetes Exemplar zum Hineingucken und sofortigen Ausprobieren.

Das war alles sooo viel und es war sooo fremd. Ich hatte keinen Plan, nach was ich eigentlich stöbern sollte. Doch auf keinen Fall wollte ich diese Schatzhöhle verlassen, ohne etwas gekauft zu haben. Bloß was? Weil ich nicht wusste, was ein Profi in solchen Situationen kauft, wählte ich eines der herkömmlichsten Spiele, die es dort überhaupt gab: PLAYBOSS.

Chance vertan. Ich war wohl noch weit genug, um ein richtiger Spieler zu werden. Aber es würde nicht mehr lange dauern... Schließlich muss diese Serie ja auch irgendwann mal enden.

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (17): Risiko
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (19): Diplomacy
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Dienstag, 22. Februar 2011

Als ich noch kein Spieler war (17): Risiko

Prolog:
Jener Orientierungsstufenlehrer, der im Pausenhof mit uns Fußball kickte, konnte auch sehr gut Maßeinheiten erklären. Er baute sich vor uns auf und tönte: „Hier seht ihr einen Doppelzentner!“ - Jawoll. Das verstanden wir.

Doch von Welt-Umwelt-Kunde (WUK) hatte der Doppelzentner nicht so viel Ahnung. So gerieten er und ich einmal in einen Disput, ob es drei oder vier Ozeane gäbe. Nach meinem Dafürhalten gab es vier: den Atlantischen, den Pazifischen, den Indischen und den Arktischen. – Hah, sagte mein Lehrer, das glaube er erst, wenn ich es ihm auf einer Karte zeige! Und so sehr ich nun Schulbücher und Atlanten durchwühlte: Ich fand keine solche Karte. Mist! Dabei war ich mir wirklich, wirklich, wirklich sicher, irgendwo die Beschriftung „Arktischer Ozean“ gesehen zu haben. Bloß wo?


Tja, auf dem RISIKO-Brett war es gewesen...

RISIKO hatte ich bei einem Freund kennen gelernt, dessen älterer Bruder das Spiel besaß. (Dasselbe Brüderpaar übrigens, mit dem ich Jahre später HEISSE KARTEN spielen sollte.) Ich wünschte mir RISIKO sehnlichst und bekam es dann irgendwann auch. RISIKO verhieß eine andere, eine erwachsenere Art des Spielens. Nicht mehr dieser Pipifax mit Glück und Geldscheinstapeln, sondern so richtig strategisch.

An häufige Partien zu dieser Zeit kann ich mich gar nicht erinnern. Vermutlich fehlten mir die Spielpartner. Seine eigentliche Hoch-Phase erlebte RISIKO deshalb erst später. Da war ich ungefähr 18 und Jugendzentrumsbesucher. Und weil wir ein Vorzeige-Jugendzentrum waren, machten wir keine bösen, verbotenen Sachen, sondern eroberten ganz gesittet die Welt.

Ein Mitspieler war so sehr vernarrt in RISIKO, dass er Statistiken über die Spielergebnisse führte. Das fand ich interessant und ahmte es eine Weile lang nach. Die Unterlagen besitze ich heute noch: Innerhalb von zwei Monaten kamen 19 Partien zusammen, von denen übrigens ein beträchtlicher Teil nach zähen Stellungskriegen unentschieden endete (wir spielten mit drei Verteidigerwürfeln).

19 Partien fand ich damals wahnsinnig viel. Es kam mir so vor, als hätte ich zwei Monate lang nichts anderes getan als immer nur RISIKO zu spielen. Meine Umwelt signalisierte mir, das sei verrückt. Also fuhr ich die Sache lieber wieder ein bisschen zurück.
Doch wirklich Verrückte lernte ich erst später kennen, als ich schon Spieler war. Mit zweien (dem und dem) führte ich Mitte der 90er eine Statistik über unsere ACQUIRE-Partien, aus der hervorgeht, dass wir wochenlang tatsächlich nicht viel anderes getan haben können als zu spielen. Meine neue Umwelt signalisierte mir, das sei normal. Also machte ich weiter so.


So sah das RISIKO aus, das ich zuerst kennen gelernt hatte: http://www.boardgamegeek.com/image/115167/risk?size=medium

So sah mein RISIKO aus: http://www.boardgamegeek.com/image/96737/risk?size=medium (Arkischer Ozean oben links)

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (16): Scotland Yard
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (18): Playboss
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Sonntag, 6. Februar 2011

Als ich noch kein Spieler war (16): Scotland Yard

Das Spiel des Jahres war in meinem Prozess der Spielerwerdung weniger bedeutend als bei vielen anderen Menschen. Lange Zeit beachtete ich die Auszeichnung gar nicht und machte mir auch keine Gedanken darüber. Weder im Guten (ich besaß HASE UND IGEL und mochte es), noch im Schlechten (mein Cousin besaß FOCUS und ich mochte es nicht).

Das erste Spiel, bei dem ich bewusst und zeitnah zur Kenntnis nahm, dass es Spiel des Jahres geworden war, war BARBAROSSA UND DIE RÄTSELMEISTER. Zu diesem Zeitpunkt stand ich schon an der Schwelle zum Spieler und begann, mich gezielt über Spiele zu informieren. Wir spielten damals einige Male SCOTLAND YARD und jemand gab mir den Tipp, die letztjährigen Spiele des Jahres seien alle gut. Die solle ich mir ansehen.

Und was tut man, wenn man sich etwas ansehen will? Man verschenkt es, und zwar so, dass man selber Zugriff darauf hat. Der Freund, der als Nächster Geburtstag hatte, bekam DAMPFROSS und wir spielten mit ihm noch in derselben Nacht sämtliche Pläne durch.

Wir hatten einen anderen Freund, der zum Spielen immer besonders überredet werden musste. Und wenn schon, dann favorisierte er auch noch ausgerechnet TRIVIAL PURSUIT.
Doch ein Mal, ein einziges Mal, kriegten wir ihn zu einer Partie SCOTLAND YARD. Er war Mister X, wir beiden anderen spielten je zwei Detektive. Damals hatten wir noch nicht so viel Erfahrung mit dem Spiel. Erst später fanden wir heraus, wie die Detektive ihr Vorgehen koordinieren müssen, damit Mister X gegen vier von ihnen praktisch chancenlos ist.

Nun jedoch irrten wir durch London, um nach der Hälfte der vorgesehenen Runden festzustellen, dass wir unsere hochwertigen Tickets schon komplett verschleudert hatten. Wir wollten aufgeben und neu beginnen. Aber damit kamen wir nicht durch. Nachdem unser Freund sich zu dieser Partie gnädig herabgelassen hatte, wollte er sie auch ordnungsgemäß und regelkonform zu Ende bringen.

Wir erklärten ihm, wie sinnlos das sei. Und wiesen auf dem Spielbrett nach, wie und wohin er ziehen müsse, um die Detektive ein für alle Mal abzuschütteln. Aber er wollte nicht hören. Nachdem wir zuerst ihn gezwungen hatten, zwang er nun uns.
Lustlos und unter Klagelauten unternahmen wir irgendwelche absurden Taxifahrten. Egal wohin. Hauptsache, dieses Spiel ging schnell vorbei. Und das tat es. Denn plötzlich fing Mister X beschämt zu kichern an: „Oh Scheiße, ihr habt mich!“

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (15): Trivial Pursuit
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (17): Risiko
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Freitag, 21. Januar 2011

Als ich noch kein Spieler war (15): Trivial Pursuit

Gerne zu spielen bedeutet leider nicht, immer auch Spaß daran zu haben. Denn es gibt Phänomene wie TRIVIAL PURSUIT. Aus Sicht derer, die nicht so viel spielen, ist TRIVIAL PURSUIT kein Phänomen, sondern ebenfalls ein Spiel. Und ich befürchte: sogar eines der besten.

Ein paar Mal habe ich mitgespielt, freiwillig und gerne. Als aufstrebender Oberstufenschüler wollte ich mit meinem Universalwissen eben nicht hinter dem Berg halten. Außerdem gebe ich zu: TRIVIAL PURSUIT sah wirklich aus wie ein Spiel, täuschend echt imitiert.

Tatsächlich aber spielte man gar nicht. Sondern saß da und starrte ins Leere, bis man wieder an die Reihe kam. Währenddessen zogen die Mitstreiter auf Felder und kriegten Fragen und überlegten. Und überlegten noch länger und irgendwann wussten sie die Antwort vielleicht, bekamen aber nicht einmal ein Tortenstück dafür, weil sie dummerweise auf einem der vielen bedeutungslosen Felder standen. Zur Belohnung durften sie jedoch ein weiteres Mal würfeln, zogen erneut auf Felder, kriegten neue Fragen und überlegten von vorn.

Statt zu spielen versank ich unwillkürlich in leichten Schlummer und träumte von Golfbällen auf dem Mond oder dem 1959er Welthit von Rocco Granata. TRIVIAL PURSUIT lieferte mir einen schrecklichen Vorgeschmack auf das Altersheim. Genau so musste sich das anfühlen.

Meine Mitspieler verstanden mich nicht:
„Du willst doch sonst immer spielen“, wunderten sie sich, wenn ich Verteidigungshaltung annahm, weil schon wieder irgendjemand die dunkelgrüne Schachtel im Anschlag hatte.
„Du willst doch sonst immer spielen.“ Das war definitiv ein Vorwurf.
„Du willst doch sonst immer spielen.“ Für ihr wundervolles Entgegenkommen erwarteten meine Freunde offenbar Dankbarkeit.

Ächz!

TRIVIAL PURSUIT war nicht der einzige Rückschlag auf meinem Weg zum Spieler: Mehrfach hatte ich mir von meinem Cousin DAS SPIEL DER NATIONEN ausgeliehen. Das hatte als Spielfiguren (unter anderem) kleine Panzer. Es gab Öltanker, Pipelines, eine Landkarte, Ereigniskarten und Spielgeld mit unglaublich vielen Nullen. Außerdem war das Spiel von Parker und es gehörte meinem hoch verehrten Cousin. - Nach allem, was mir damals an Urteilskraft über Spiele zur Verfügung stand, war DAS SPIEL DER NATIONEN theoretisch ein ganz großer Wurf. Nur der Praxistest haperte jedes Mal.

Auch als Kind gab es schlimme Enttäuschungen. In unserem kleinen Dorf-Supermarkt hatte ich LETRA-MIX entdeckt und mir von meinem Taschengeld gekauft. Welche Erwartungen ich auch immer an dieses Spiel geknüpft haben mag: Es hat sie nicht erfüllt. Die einzige Partie, an die ich mich erinnere, spielte ich mit meinem Onkel, und sie machte keinen Spaß. Er bildete Wörter, von denen ich noch nie gehört hatte, und behauptete, es gäbe sie.

Schließlich das MAD-SPIEL, das ich als treuer Leser dieser Zeitschrift unbedingt haben musste. Ich bekam es auch, obwohl mein Vater ausdrücklich prophezeite, es würde nichts taugen. Zu einer einzigen Partie konnte ich ihn überreden, und hinterher sah er sich in seiner Meinung voll bestätigt. Objektiv gesehen hatte er möglicherweise vielleicht sogar ein kleines bisschen Recht, doch ein Spiel, um das ich so lange gebettelt hatte, konnte ich unmöglich kampflos aufgeben. Das MAD-SPIEL durfte nicht doof sein! Ich spielte es deshalb noch mehrere Male. Das war Zeitverschwendung, diente aber der seelischen Bewältigung. „Aktive Trauerarbeit“ nennt man das heute, und die Psychologen sagen, es sei sehr gesund.

Mittwoch, 5. Januar 2011

Als ich noch kein Spieler war (14):
Barbapapa Festival

Mein bester Freund und ich waren nun so um die 16 oder 17 und in unserer harten Öko-Phase. Oder was man selber so dafür hielt. Ich kann mich jedenfalls nicht an konkrete Projekte erinnern, die wir angegangen wären, keine in Handarbeit angelegten Streuobstwiesen, keine Demonstrationen gegen die Autobahn. Wir waren wohl überwiegend an der philosophischen Durchdringung der Materie interessiert, saßen im Keller, tranken Jasmintee, brannten Kerzen und Räucherstäbchen ab – und langweilten uns.

Weil SEESCHLACHT zu spielen erwiesenermaßen keinen Sinn hatte, etablierte sich für eine Weile die Tradition, Spiele aus Kindertagen hervorzukramen und sich dabei schlappzulachen. Wichtigster Bestandteil solcher Trash-Abende war BARBAPAPA FESTIVAL. Bei diesem Spiel zog man mit transparenten Farbscheiben über einen Parcours. Landete die blaue Scheibe auf einem gelben Feld, ergab das Grün. Und dies löste nun irgendein Ereignis aus. Der Spieler der gelben Scheibe hatte denselben Effekt auf einem blauen Feld. Und der Besitzer der roten Scheibe konnte niemals vom grünen Ereignis betroffen sein. Und genau darin lag das Problem von BARBAPAPA FESTIVAL: Die Wahl der Spielfarbe bestimmte bereits über die Sieg-Chancen. - Eine solche Perle konnte man gar nicht häufig genug spielen. Der Gag verbrauchte sich nie.

Eine weitere Stimmungskanone war MURMELMIKADO, von dem ich als Kind sehr begeistert gewesen war, obwohl es darunter litt, dass meistens fast alle Murmeln auf einen Schwung herunterfielen. Wir spielten auch ein Memo-Spiel mit schrillbunten Plastikformen, an dessen Namen ich mich nicht mehr erinnere. Wir spielten FUSSBALL-BUNDESLIGA – DAS GROSSE GESCHÄFT, ein schrottiges Würfelspiel, um das ich meinen Freund früher einmal sehr beneidet hatte. Und wir spielten TEUFELS-DREIECK.

Nur wenige Jahre zuvor hatten wir das noch wirklich faszinierend gefunden. Und vielleicht fanden wir es immer noch ein bisschen faszinierend, konnten uns das aber bloß nicht eingestehen. Um es jetzt noch einmal auf den Tisch bringen zu können, bedurfte es schon eines ironischen Rahmens mit Barbapapa und seinen Freunden.

So sah BARBAPAPA FESTIVAL aus: http://www.boardgamegeek.com/image/161561/barbapapa-festival?size=large

Montag, 20. Dezember 2010

Als ich noch kein Spieler war (13): Heiße Karten

Prolog:
Vor ungefähr zehn Jahren schlenderte ich mit einer Freundin über einen Flohmarkt und sah: es!!
HEISSE KARTEN! - „Spiel, Spannung, Schabernack“ versprach der Untertitel. Und genauso hatte ich es auch in Erinnerung. Lächerliche 50 Pfennig sollte das Exemplar kosten, und bei diesem Sonderangebot musste ich natürlich sofort zugreifen und mich den Rest des Tages nur noch an diesem herrlichen Fund berauschen.


Zum Abschied merke meine Freundin an, sie habe den Eindruck, ich hätte mich über das Spiel viel mehr gefreut als über ihren Besuch...
Ja, was war das denn jetzt für eine Äußerung?! Wir zwei konnten uns schließlich beliebig häufig verabreden, aber so ein tolles Spiel für 50 Pfennig: Das gab es nun wirklich nicht alle Tage!

Hinterher habe ich die Schachtel ausgepackt, die Kartengrafik betrachtet, die Regel gelesen und beschlossen... dass es wohl besser sei, HEISSE KARTEN nie wieder zu spielen und einfach nur in guter Erinnerung zu behalten.

HEISSE KARTEN ist ein Stichspiel mit hohem Ärgerfaktor. Alle geraden Zahlen zählen positiv, alle ungeraden negativ. Weil die geraden Zahlen stechen, können einem die anderen Spieler üble Minuspunkte andrehen.
Obwohl in der Anleitung statt von „Spielern“ konsequent von „Kindern“ die Rede ist, spielten wir HEISSE KARTEN sogar noch in fortgeschrittenen Jugendjahren, als wir bereits alt genug für alkoholische Experimente waren.

Ein Abend ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich spielte mit meinem besten Freund und dessen älterem Bruder. Der Bruder brachte eine Flasche Wodka mit und lud uns zu stimmungsfördernden Mixgetränken ein. Es war zwar nicht so gedacht, dass am Ende des Abends neben dem Orangensaft auch der Wodka leer wurde; doch die Karten erwiesen sich als dermaßen heiß, da ergab es sich einfach.

Aufgrund einer architektonisch sehr fragwürdigen Raumaufteilung lag das Zimmer meines Freundes logistisch heikel. Um zur Toilette zu gelangen, musste man erst durchs Wohnzimmer gehen. Dort saßen die Eltern und sahen fern. Sich hier ein paar Sekunden lang zusammenzureißen, möglichst nicht zu schwanken und auch nicht unkontrolliert loszukichern, wurde zu einer zunehmend brenzligen Prüfung.

Ansonsten ist zu dem Abend noch anzumerken, dass ich haushoch verlor und dass ich nur geglaubt hatte, alt genug für alkoholische Experimente zu sein.

Samstag, 4. Dezember 2010

Als ich noch kein Spieler war (12): Seeschlacht

Heimvorteil gibt es auch bei Brettspielen. Spielte ich bei meinem damals besten Freund seine Spiele, dann gewann fast immer er. Spielten wir bei mir zu Hause meine Spiele, gewann fast immer ich. Der Besitzer kannte seine Spiele nun mal besser. Das half selbst bei Spielen, die fast nur Glückssache waren. Das Wort „fast“ ist hier eben das Entscheidende: Obwohl bei ÖL-MAGNAT die Lochscheibe verborgen und in jeder Partie anders gedreht war, kannte mein Freund bestimmte Muster. Im Durchschnitt bohrte er erfolgreicher.

Ein Spiel, das ich meiner Erinnerung nach nie gewann, war SEESCHLACHT. Auf Dauer war das unmotivierend, zumal ich den Eindruck hatte, dass ich tun konnte, was ich wollte. - Mein Freund hatte sowieso immer das bessere Ende für sich: Die Windrichtung spielte ihm ständig in die Karten. Jedes Mal schaffte er es als Erster, seine Schiffe in den neutralen Hafen der Planmitte zu segeln. Und beim Kämpfen würfelte er wie ein Gott oder zumindest wie Admiral Nelson.

Aus heutiger Erfahrung weiß ich, dass der Glücksfaktor von Spielen oft gar nicht so hoch ist, wie von den Verlierern gerne angenommen wird. Man lamentiert über einen entscheidenden Würfelwurf, der alle Träume habe platzen lassen, bemerkt aber nicht, dass man sich durch seine undurchdachte Spielweise überhaupt erst in die fatale Situation gebracht hat, dass ein schlechter Wurf derartige Folgen haben kann.

Insofern räume ich gerne ein, dass ich meine Schiffe damals wohl nicht sonderlich klug navigiert habe. Aber bei den permanent ungünstigen Winden und dem übermenschlichen Gewürfel meines Gegenübers war das auch wirklich kein Wunder!!!

So sah SEESCHLACHT aus: http://www.boardgamegeek.com/image/48217/battle-at-sea?size=large

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (11): Schach
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (13): Heiße Karten
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Donnerstag, 18. November 2010

Als ich noch kein Spieler war (11): Schach

Als Mittelstufenschüler war ich ein Schachgenie. Zu dieser Auffassung konnte ich gelangen, a) weil ich meinen Schachcomputer gelegentlich sogar auf den höheren Stufen besiegte, b) weil keiner meiner Klassenkameraden gegen mich bestand. Täglich nahm ich Figuren und ein Brett mit in die Schule, und wenn ich ein Opfer fand, dann spielten wir. Ich spielte gegen jeden, selbst wenn meine überforderten Gegner gerade mal rudimentär die Regeln beherrschten. Völlig egal. Ich war ein Genie, und das sollten ruhig alle am eigenen Leibe erfahren.

Mit großem Interesse verfolgte ich damals im Fernsehen die Schach-Sendungen von Helmut Pfleger. Beim „Turnier der Großmeister“ spielten Cracks gegeneinander und kommentierten ihre Züge. Brennend interessant; man konnte sich fürs Tagesgeschäft so einiges abgucken: Ich wusste, wie eine Springergabel funktioniert, was ein Abzugsschach ist, warum man eine Rochade macht und dass Türme sich in freien Linien besonders wohl fühlen. Um unbedarfte Spieler niederzuhalten, reichte dieses Wissen völlig aus.

Doch wie man wirklich SCHACH spielt, wusste ich nicht. Ich kannte zwar die Namen einiger Eröffnungen, aber nicht ihren Sinn, ja, ich hatte nicht einmal begriffen, worum es beim SCHACH insgesamt ging: SCHACH ist ein Angriffsspiel mit dem Ziel, den gegnerischen König matt zu setzen. Ich aber spielte es wie ein Buchhalter. Ich machte irgendwelche risikolosen Züge und wartete auf die Fehler meines Gegenübers. Jeden Figurenvorteil nahm ich mit, und irgendwann war die entstandene Übermacht groß genug, dass selbst ich ein Matt fertig brachte.

Dass andere Menschen tatsächlich noch besser SCHACH spielen konnten als ich, wurde mir erst deutlich, als ich an Könner geriet. In weniger als 30 Zügen hauten die einen vom Brett, ohne dass man sich erklären konnte, was da eigentlich schief gelaufen war. - Ich begann zu ahnen, dass eine vertiefende Beschäftigung mit SCHACH in Arbeit ausarten würde. Und prompt verlor ich die Lust an diesem Spiel.
Genie arbeitet nicht.

Dienstag, 2. November 2010

Als ich noch kein Spieler war (10): Öl für uns alle

Taktisches Spielen bedeutete in meiner Jugendzeit oft, den eigenen Informationsvorsprung brutal auszunutzen. ÖL FÜR UNS ALLE habe ich dermaßen häufig gespielt, dass ich aufgrund der Kaufpreise bereits wusste, ob ein angebotenes Ölfeld ein großes Vorkommen sein konnte oder nicht. Um zu gewinnen, musste man die großen haben - also war es nicht klug, das Wissen zu teilen. Kinder und blutigen Anfängern hätte ich vielleicht noch geholfen, niemals aber meinen Freunden.

Die handhabten das übrigens genauso. Ich erinnere mich an meine erste Partie JOCKEY. Wie ich mein Geld beim Wetten verjubele, hatte man mir erklärt. Alles Weitere mit den Karten würde sich ergeben, hieß es. Steht ja alles drauf. Und schon ging´s los...
Mein Kumpel startete und zog das braune Pferd. Und sein Bruder zog ebenfalls das braune Pferd. – Na, was soll´s, dachte ich mir, machte den Gag mit und zog ebenfalls das braune Pferd. Als jetzt wieder Spieler eins an die Reihe kam, lernte ich die „x3“-Karte kennen. Braun ging ab wie eine Rakete. Die anderen beiden Spaßvögel hatten auf Braun gesetzt, ich nicht. Haha.

Schaute ich damals in Kaufhäusern nach Spielen, schaute ich fast nur nach dem blauen Dreieck. Auch einen weiteren Ravensburger-Klassiker, DAS BÖRSENSPIEL, haben wir in dieser Zeit rauf und runter gespielt. Ich liebte vor allem die großen Aktienpapiere. Da hatte man richtig schön was in der Hand. Ein anderer Freund besaß ALASKA. Das spielten wir auch; aber eher, weil wir nicht viel anderes hatten. Auf Dauer fanden wir es zu simpel und lehnten den hohen Glücksfaktor ab - was eigentlich paradox ist, denn unser damaliger Liebling ÖL FÜR UNS ALLE war ebenfalls kein strategisches Wunderwerk.

Würfelte man bei einer neuen Bohrung eine Drei, gab´s sang- und klanglos Gestängebruch. Bestenfalls konnte man sein Risiko etwas streuen, indem man mehrere Bohrungen gleichzeitig durchführte und im Zweifelsfall die schlechtere scheitern ließ. Aber mehr Taktik war nicht, abgesehen vielleicht von der unglaublichen Gewitztheit, mit seinen Schiffen diejenigen Häfen anzusteuern, wo es höhere Preise gab.

Doch wichtiger als Taktik war Opulenz. Und ÖL FÜR UNS ALLE war über alle Maßen opulent: Plastiktanker, zwei Sorten Ereigniskarten, eine Weltkarte und vor allem die beiden grandiosen Stecktafeln. Je mehr Materialverwaltung (Geld zahlen, Geld bekommen, Tanker mit einem farbigen Stecker versehen, Ölpreise ändern...), desto mehr Spielreiz. Damals war Spielebeurteilung noch viel einfacher als heute und zudem wunderbar objektiv.

  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (9): Geister
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (11): Schach
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Sonntag, 17. Oktober 2010

Als ich noch kein Spieler war (9): Geister

Wenn irgendwo irgendwer irgendwas mit mir spielte, war ich schwer von dort wieder wegzukriegen. So hatte ich es auch geschafft, mich als Zwölfdreiviertel-Jähriger beim 17. Geburtstag meiner Cousine einzuschmuggeln. Außer ihrem Freund war ich der einzige Junge. Bei den Gesprächen der Älteren kam ich nicht mit, und von dem, was sonst so um mich herum passierte, verstand ich auch nicht viel.

Der Freund meiner Cousine neckte eine der Anwesenden, indem er sie dauernd „Stift“ nannte. Und sie sagte dann, sie heiße nicht „Stift“. Auch dieser Dialog war mir ein Rätsel, insbesondere weil ich nicht wusste, dass „Stift“ auch „Azubi“ bedeutet.
Für mich war ein Stift ein Stift. Aber ich sah, dass die Sprüche gut ankamen. Der Freund meiner Cousine war witzig und cool.

Doch vielleicht fühlte er sich als einziger Mann, umgeben von einer Übermacht kichernder Frauen, gar nicht so wohl, weshalb er ohne zu murren viele, viele Runden GEISTER mit mir spielte. Fast immer gewann er. Und das war wirklich teuflisch: Dachte man, der Geist sei ein guter, dann war´s ein böser. Und dachte man, auf so einen blöden Trick falle ich kein zweites Mal herein, dann spazierte ein guter Geist unbehelligt durch den Ausgang. Ich erinnere mich, dass ich einige großmäulige Sprüche auf meine Kosten ertragen musste. Aber das war es mir wert: Ich spielte! Und umso größer war der Triumph, wenn ich auch mal eine Runde gewann.

Irgendwann wurde ich nach Hause abkommandiert. Ich selber fand es nicht besonders stichhaltig, dass die angehenden Erwachsenen womöglich lieber ohne mich weiterfeiern wollten. Aber meine anrufende Mutter vertrat diesen Standpunkt sehr vehement.

Schade. Ich hätte gerne noch weitergespielt. Und wenigstens zum Abschied wollte ich auch einmal cool und witzig sein. Aber wie war das Wort noch mal? Ich erinnerte mich nicht mehr richtig und sagte zu der so häufig getriezten Freundin: „Tschüss... Stecker!“
Ich hatte mein Ziel erreicht.
Alle fanden mich witzig.
Sogar zum Brüllen.

Dienstag, 7. September 2010

Als ich noch kein Spieler war (8): Goldrausch

Als mein Vater seinen Meisterbrief erwarb, war er mehrmals tagelang zum Blockunterricht in einer fremden Stadt. Wenn er wieder nach Hause kam, brachte er uns Kindern Geschenke mit. Manchmal für jeden einzeln, manchmal gemeinsame. Teilweise waren dies überraschend teure Geschenke. Zum Beispiel kam ich bei einer dieser Gelegenheiten in den Besitz eines eigenen STRATEGO. (Das Preisschild klebt heute noch dran. Gekauft für 26,50 DM bei Hochherz.)

Ein gemeinsames Geschenk für meine Schwester und mich war GOLDRAUSCH*, ein Geschicklichkeitsspiel mit viel Plastik, bei dem man Nuggets in einem Ring eine Rampe hochziehen musste, um sie von dort in den eigenen Sammelbecher fallen zu lassen. Eine Partie dauerte kaum fünf Minuten, was in einem frappierenden Missverhältnis zur Größe der Verpackung stand. Meiner Erinnerung nach haben wir GOLDRAUSCH trotzdem ziemlich häufig gespielt.

Meine Schwester war fünf Jahre jünger als ich, und das machte es sehr schwierig, gemeinsame Spiele zu finden. Nur um überhaupt zu spielen, spielte ich sogar Spiele mit ihr, für die ich eigentlich zu alt war, solche wie MIX MAX oder MAUSEFALLE. Das Hauptproblem war aber vermutlich gar nicht der Altersunterschied an sich, sondern dass ich immer gewinnen wollte und auf den Spielspaß meiner Schwester keine Rücksicht nahm.

Die entzog sich in solchen Fällen einfach, indem sie ankündigte, kurz etwas trinken zu gehen. Ich saß dann da vor dem Spielbrett und wartete.
Und wartete.
Und wartete.
Sie kam nicht zurück.

Als intelligenter junger Mensch hatte ich das Muster nach mehreren Vorfällen dieser Art natürlich durchschaut, und als meine Schwester wieder einmal ankündigte, sie wolle nur kurz etwas trinken gehen, meckerte ich los: Wenn sie keine Lust mehr habe, könne sie das ruhig sagen!

Nein, nein, hieß es dann, sie wolle wirklich nur etwas trinken. Tja, und so saß ich da vor dem Spielbrett und wartete.
Und wartete.
Und wartete...

Selbst jüngere Schwestern können einen echt fertig machen!


*) Ich bin nicht sicher, ob das Spiel wirklich GOLDRAUSCH hieß. In meiner Erinnerung ist dies so. Meine Internetrecherche verlief ergebnislos.

Nachtrag, 26.12.2010: Es hieß GOLDRAUSCH! Hier das Beweisfoto:



  • Was war: Als ich noch kein Spieler war (7): Avalanche
  • Was kommt: Als ich noch kein Spieler war (9): Geister
  • So ging es los: Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Samstag, 14. August 2010

Als ich noch kein Spieler war (7): Avalanche

Liebe Kinder, aufgepasst: Dünne Plastikteile können leicht abbrechen! Ich musste diese Lektion ausgerechnet lernen, als ich mir bei meinem Cousin AVALANCHE ausgeliehen hatte. Und das war sehr, sehr peinlich.

Ich war so um die zehn Jahre alt und von AVALANCHE total fasziniert. Man warf Murmeln in die Schächte eines Apparats. Dort blieben sie an Wippen hängen. Andere Kugeln, in Nebenschächte geworfen, konnten die Kippmechanik der Blockade auslösen, daraufhin fiel die gefangene Murmel tiefer, blieb vielleicht woanders hängen oder löste die Wippe aus oder rauschte durch bis ins Auffangfach. Tolle Kettenreaktionen waren möglich.

Diese Mechanik allein war so spannend, dass ich gar keine weiteren Spielregeln erwartete und die Regeln deshalb auch nie las. Bei mir ging AVALANCHE so: Jeder kriegte eine Farbe. Folglich ging AVALANCHE höchstens zu dritt und das war irgendwie irritierend, zumal etwas ganz anderes auf der Schachtel stand. - Aber kriegte nicht in allen Spielen jeder immer eine Farbe?

Also weiter: Jeder kriegte eine Farbe. Wer dran war, warf eine seiner Kugeln ein. Und zwar so, dass möglichst viele herausfielen. Wer am Schluss die meisten Kugeln besaß, gewann. Warum dem Spiel bunte Pappkarten beilagen (die Aufgabenkarten), wunderte mich schon ein bisschen. Aber das ließ sich nicht klären - außer man hätte in die Regel geguckt. Und das musste ich ja nicht, weil ich bereits wusste, wie AVALANCHE geht.

Ein wirkliches Spiel war das nach meinen Regeln natürlich nicht mehr. Sondern ausschließlich ein Test, welches Kind das bessere mechanische Vorstellungsvermögen hat. Und das war ich, und deshalb war AVALANCHE nach meinen Regeln ja auch so super.

Einmal spielte ich mit einem Freund, der sonst kaum Schachtelspiele spielte. Er war mehr ein Freund zum Bäumeklettern oder Sandburgen-Bauen. Locker gewann ich also auch gegen ihn, weshalb er schnell den Spaß an der Sache verlor. Er wandelte AVALANCHE nach seinen Regeln ab, und die gingen folgendermaßen: Wir stopfen gleichzeitig so viele Kugeln wie möglich in die Öffnungen und gucken, was passiert.

Und es passierte etwas sehr, sehr Peinliches.

Verzweifelt habe ich versucht, die Wippe irgendwie zu reparieren oder wieder anzukleben, aber das ging nicht. Als ich das Spiel reumütig zurückgab, war mein Cousin glücklicherweise nicht zu Hause. Ich zeigte das Malheur meiner Tante und die sagte: „Ach, das merkt er doch gar nicht...!“ Und damit fühlte ich mich komplett rehabilitiert.

Übrigens merkte er es doch. Irgendwann später in meinem Beisein sagte er: „Wenn ich den erwische, der das gemacht hat...!“ Heldenhaft rettete ich das Leben meines Freundes, indem ich mir nichts anmerken ließ.

Tipp für Gefahrensucher: Genau so kriegt man AVALANCHE am besten kaputt: http://www.boardgamegeek.com/image/483408/avalanche?size=medium

Donnerstag, 29. Juli 2010

Als ich noch kein Spieler war (6): Spiel des Lebens

Neben dem 16 Jahre älteren STRATEGO-Cousin mütterlicherseits hatte ich auch noch (und unter anderem) einen sieben Jahre älteren Cousin väterlicherseits. In der MALEFIZ-Folge kam er bereits kurz vor.

Dieser Cousin besaß eine für damalige Begriffe beachtliche Spielesammlung – mindestens zwanzig Stück – und das hing auch damit zusammen, dass eine seiner Verwandten im Handel arbeitete und an Spiele zum Einkaufspreis herankam. Eines Tages schenkte sie ihm etwas völlig Neues: das SPIEL DES LEBENS!
... Und landete damit nicht unbedingt einen Volltreffer. Beim nächsten Geburtstag wurde das Spiel an mich weitergereicht. Ich muss damals etwa zehn oder elf Jahre alt gewesen sein; mein Cousin war demnach so um die 17, und das erklärt wohl einiges.

Für mein Empfinden aber war das SPIEL DES LEBENS absolut großartig. Das ging schon bei den dreidimensionalen Plastik-Aufbauten los. Und dann dieses unendlich faszinierende Drehrad...! Ich hatte noch nie ein Spiel mit Drehrad gesehen. Das war viel toller als ein schnöder Würfel. Selbst die Spielfiguren waren hier etwas ganz Besonderes. Statt mit Holzpöppeln zu hüpfen, fuhren wir mit bunten Autos und sammelten hellblaue und rosafarbene Stifte ein. An einigen Abzweigungen durfte man sogar wählen, wo man langfahren wollte. Oder ob man Versicherungen abschloss. Oder eine Aktie kaufte.

Aber das Allerbeste waren natürlich die Berge von Papiergeldscheinen, die sich im Laufe der Partie vor uns Spielern aufstapelten - juhuuh! Auch meine Freunde waren total begeistert. Draußen war es knallheiß, man hätte baden gehen können, doch selbst am Tag nach meinem Geburtstag kamen alle wieder, um noch einmal SPIEL DES LEBENS zu spielen. Stolz schrieb ich mit Kugelschreiber auf den Schachteldeckel: „Dieses TOLLE Spiel gehört Udo Bartsch.“

Aber warum bloß hatte mein Cousin auf diese Perle verzichtet? Ich kam nicht dahinter. Bei nächster Gelegenheit fragte ich nach, und anstatt mich mit der brutalen Wahrheit zu konfrontieren („Weil es der totale Rotz ist, und das wirst du auch noch kapieren, du Doofi!“), federte er seine Aussage sehr pädagogisch ab und improvisierte so etwas wie: Er hätte das SPIEL DES LEBENS nicht haben wollen, weil er es nicht haben wollte. - Ah ja?! Ich tat so, als hätte ich das jetzt verstanden. Letztendlich war es aber auch gar nicht so wichtig. Denn Hauptsache, ich hatte das Spiel jetzt.

So sah SPIEL DES LEBENS aus: http://www.brettspiele-report.de/spiel-des-lebens/

Dienstag, 13. Juli 2010

Als ich noch kein Spieler war (5): Stratego

Wenn bei Familienfesten einige der Erwachsenen zu uns ins Kinderzimmer kamen und mitspielten, schätzten wir Kinder dies sehr. Unser absoluter Liebling war die Frau meines 16 Jahre älteren Cousins. Die blieb sogar so lange im Kinderzimmer, bis die anderen Erwachsenen zu murren anfingen.

Damals machte ich mir keine Gedanken darüber. Die war eben einfach nett. Erst im Nachhinein wurde mir einiges klarer: Wie unattraktiv muss es für die ungefähr 25-Jährige gewesen sein, Ostern und Weihnachten mit den Schwiegereltern bei Leuten zu verbringen, mit denen sie selber überhaupt nicht verwandt war! - Grauenvoll! 70er Jahre!!!
Die einzig denkbaren Auswege waren Scheidung, Zyankali oder eben Kinderzimmer. (Übrigens lief es dann in den 80ern auf die Scheidung hinaus.)

Aber eigentlich geht es hier um meinen Cousin, der sowohl gerne mit den anderen Erwachsenen abhing als auch gerne mit mir spielte. Er hatte eine Vorliebe für Spiele mit Militär. Und ich auch. Schließlich war ich ein Junge!
Einmal stellten wir auf dem Wohnzimmertisch meine gesamten Plastiksoldaten auf, und mit einem Gummiring und einer Portion Genie improvisierte mein Cousin ein paar Regeln. Schon war das beste Geschicklichkeitsspiel der Welt erfunden, bei dem wir uns gegenseitig unsere Armeen abballerten.

Leider mussten wir nach einer Partie schon wieder aufhören. Bloß weil den anderen Erwachsenen ab und zu ein paar Soldaten um die Ohren flogen, fühlten sie sich beim Kuchenessen gestört oder irgendwie in ihren Feiertagsgefühlen verletzt.

Aber es gab ja noch andere Spiele. Mein Cousin brachte mir PANZERSCHLACHT und STRATEGO bei. Beide fand ich superspannend, weil so viele Informationen geheim waren. Bei STRATEGO wusste man nicht, wo die gegnerische Fahne stand und wo die Bomben, wer der Feldmarschall war und wer der Spion. Bei PANZERSCHLACHT verminte man vor dem Gegnerzug das Gelände. Hielt der andere mit seinem Panzer auf einem verminten Feld, dann: bumms!

Weil ich damals so häufig mit Älteren spielte, musste ich mir, um zu bestehen, schon äußerst gerissene Sachen einfallen lassen. Bei STRATEGO mauerte ich hinter zwei Bomben in einem Eck meinen General ein, die zweithöchste Figur. Und ich freute mich wie ein Schneekönig, als mein Cousin auf den Bluff hereinfiel, und die Fahne erwartend mit seinem Minör heranzog. Triumphierend fegte ich den Spielstein vom Brett, hahaha! – Das war wie ein kleiner Sieg.

... Auch wenn es für den großen am Ende mal wieder nicht reichte. In der Nachbesprechung erfuhr ich, das sei ein wirklich gelungener Trick gewesen, Kompliment, aber eine schwächere Einheit hätte für denselben Zweck völlig ausgereicht. Der Unteroffizier zum Beispiel. - Hm, das leuchtete mir leider ein und schon fand ich meinen Bluff nicht mehr ganz so genial...
Mit älteren Cousins zu spielen war zweischneidig: Man lernte sehr viel, aber verlor jedes Mal.

Samstag, 26. Juni 2010

Als ich noch kein Spieler war (4): Doppelkopf

Prolog:
Vor einigen Jahren, als ich bereits Spieler war, belegte ich beim Doppelkopfturnier in einem Jugendkulturzentrum mit großem Abstand den letzten Platz. - Was war geschehen?

Weil es ein Spaßturnier war, galten Spaß-Regeln. Beispielsweise die, dass man an jedem Tisch ein Pflichtsolo spielen musste. Fand ich ursprünglich eigentlich gar nicht so spaßig, aber dann bekam ich das Superblatt schlechthin: fünf Damen, Asse, Zehnen. Rundherum idiotensicher... sollte man meinen.

Ich spielte mein Pflichtdamensolo und freute mich schon auf den utopischen Punktesegen, insbesondere nachdem im ersten Stich auf meine Pik- von den Gegnern ebenfalls die Pik- und zweimal die Kreuzdame fielen. Besser ging es gar nicht. Alle weiteren Stiche würden jetzt zwangsläufig an mich fallen. Ich sagte „keine 90“ an und kurz darauf auch „keine 60“. Einen Stich später sagte ich „keine 30“. Und schließlich sagte ich „schwarz“.

Oh, und damit war leider alles verloren, denn die anderen hatten ja bereits einen Stich. Den hatte ich im Rausch des Triumphes großzügig schon wieder vergessen. Das unbedeutende Versäumnis zählte dreistellig Minuspunkte. Die begehrte Urkunde mit Plüschpuscheln dran war in unerreichbare Ferne gerückt.


Arno Schmidt schrieb einmal über sich, er sei ein Schriftsteller zweiten Ranges; besser zu werden hinderten ihn die biografischen Umstände. Und ganz verblüffend ähnlich ist es bei mir: Ich bin ein zweitklassiger Kartenspieler. Besser zu werden hinderten mich ebenfalls die biografischen Umstände...

Als ich sechs oder sieben Jahre alt war, traf sich meine Mutter regelmäßig mit zwei meiner Tanten zum ROMMÉ. Ich musste dann ins Bett. Was hart am Rande der Menschenrechtsverletzung war: Ausgerechnet als sich das mit Abstand spannendste Ereignis des Tages anbahnte, schloss man mich davon aus!

Ebenfalls nicht mitspielen durfte ich, wenn die Männer auf Familienfeiern SKAT droschen. Ein faszinierendes Spiel voller Emotionen. Mit rrrollenden Rrrrrs flogen Wörter wie „Trrrumpf!“, „Grrrand!“, „Contrrra!“ und „Rrre!“ durch die Stube, die Karten wurden mit Schmackes auf die Tischplatte gehauen, und rumms und bumms und hinterher gingen lautstarke Debatten los, wer wann welche Karte, und sag mal, warum haste denn nicht, und du hast doch keine Ahnung...!

Ich durfte immerhin die Punkte notieren. Ein bisschen was an Regeln schnappte man da auf und hin und wieder erklärten die Erwachsenen auch was, aber letztendlich kriegte ich SKAT und DOPPELKOPF von Gleichaltrigen beigebracht. Mal so nebenbei, während wir in der großen Pause auf unserem betonierten Schulhof standen.

„Street Doko“ würde man das heute vielleicht nennen. Ein guter Spieler war da bereits, wer die Farben korrekt bediente. Wer beim DOPPELKOPF sogar noch verstand, mit wem er zusammen spielte, galt als Profi.

Freitag, 11. Juni 2010

Als ich noch kein Spieler war (3): Malefiz

In meinem Elternhaus gab es (zunächst!) nur sehr wenige Spiele. Meine Eltern spielten so gut wie gar nicht, und deshalb reichten eine Standard-Spielesammlung und ein MENSCH ÄRGERE DICH NICHT völlig aus. Doch nur eine Straße weiter wohnten Verwandte von mir, bei denen das Spielen nicht als reine Kindersache angesehen wurde. Hier machte jeder mit, und für mich als kleiner Knirps war das ein ganz besonderes Erlebnis.

Das Familienspiel schlechthin war MALEFIZ. Meine Tante musste meist ein bisschen überredet werden, weil sie eigentlich dies oder jenes zu tun hatte, doch sobald sie mitspielte, merkte man, dass sie es gerne tat. Und MALEFIZ war wirklich ein herrliches Ärgerspiel mit viel Geschrei und Debatten, wer denn nun wen herauswerfen sollte, das Hindernis wo hinstellen und wo auf keinen Fall.

Meist entstanden lange Barrikadenschlangen, Runde um Runde ging es nur noch voran, wenn jemand eine Eins würfelte. Manchmal arbeiteten auch zwei kollegial zusammen - bis einer eine Barrikade zwischen sich und seinen Partner schob oder oberfies den anderen von hinten meuchelte. In solchen Fällen geriet MALEFIZ an den Rande des Spielabbruchs.

Ein traditioneller Zug meiner Tante war, einen Hindernis-Stein direkt ins Ziel zu stellen. Manchmal stapelte sie dort sogar mehrere auf. Mein Cousin versuchte jedes Mal zu erklären, wie sinnlos dies sei, da man das Ziel sowieso mit exakter Würfelzahl erreichen müsse. Aber sie war nicht davon abzubringen.

Bekanntermaßen wird man als Kind von Erwachsenen dauernd hereingelegt; deshalb fürchte ich, das Ganze war ein perfider Trick, um das Spielende mittels Materialentzug zu beschleunigen. Denn Beschleunigung hatte MALEFIZ durchaus nötig. Wenn abends meine Mutter kam, um mich abzuholen, saßen wir oft noch mitten in einer Partie. Und dann konnte ich auf keinen Fall weg: Ach, bitte, bitte, bitte...!

Damals habe ich natürlich nicht über den Rand des MALEFIZ-Brettes hinausgedacht. Heute erkenne ich, dass man bettelnden Kindern nicht allzu oft nachgeben sollte. Die orientierungslosen Geschöpfe kommen sonst schnell vom rechten Pfad ab und wollen plötzlich ihr ganzes Leben lang nichts anderes mehr tun, als wieder und wieder MALEFIZ zu spielen. (Und ähnliches Zeug.) - Glaubt mir!

Mein Cousin und ich wären damals übrigens nie auf die Idee gekommen, Gelb oder Grün zu nehmen. Warum, zeigt das Brett:


Mittwoch, 26. Mai 2010

Als ich noch kein Spieler war (2): Monopoly

Vermutlich habe ich noch niemals die Anleitung von MONOPOLY gelesen. Und das Spiel trotzdem Dutzende Male und noch häufiger gespielt. Ein Freund brachte mir MONOPOLY bei, und das einzige Detail, das uns in der Anleitung interessierte, war die genaue Stückelung des Startkapitals. Man nahm da nicht einfach drei Zehntausender und legte die lieblos ab. Nein, nein, nein! Die Startgeldverteilung wurde zelebriert. Schön säuberlich schichteten wir die einzelnen Sorten auf dem Teppichboden vor uns auf: Einmal 10.000, sechsmal 2.000, viermal 1.000, dreimal 400, zehnmal 200, siebenmal 100 und fünfmal 20. In Summe 30.000. Ich kann das noch heute herunterbeten.

Ein etwas intensiverer Blick in die Regel hätte uns vielleicht erkennen lassen, dass wir MONOPOLY völlig falsch spielten. Erst später erfuhr ich beispielsweise, dass man ganze Straßenzüge besitzen muss, um dort bauen zu dürfen. Wir hingegen bauten, sobald wir wollten. Und weil wir mit dem Wort „Hypothek“ nichts anfangen konnten, gab es keine Hypotheken. Überhaupt war uns der gesamte untere Teil der Grundstückskarten zu komplex, weshalb wir der Einfachheit halber (und idiotischerweise) die Mietkosten auch als Baukosten zahlten. Ein Hotel auf der Schlossallee kostete demnach schlappe 40.000 DM und war aus diesem Grund eine Rarität. Das Spiel funktionierte trotzdem bestens, und das Hantieren mit den vielen bunten Scheinen beschäftigte uns stundenlang.

Blöd war nur, dass wir, wenn andere Mitspieler dazukamen, diesen immer erst die richtigen Regeln (also unsere) beibiegen mussten. Einmal war eine Schulfreundin da und sie setzte eine schadenfrohe Variante durch: Wer nicht bemerkt, dass jemand auf seiner Straße steht, hat Pech gehabt! Sobald gewürfelt wird, verfällt der Mietanspruch. Meinem Kumpel wäre das beinahe passiert. Er wollte schon würfeln, konnte sich erst im allerletzten Moment so eben noch bremsen und rief voller Entsetzen: „Halt! Brrr! Wieher! Stopp!“

31 Jahre dürfte das nun her sein, doch dieses Zitat hat sich in mein Hirn eingebrannt. So war also die Jugendsprache 1979. Und schon immer mal wollte ich dieses „Halt! Brrr! Wieher! Stopp!“ in einem Artikel unterbringen. Jetzt endlich ist es mir gelungen.

So sah mein MONOPOLY aus: http://www.ils.unc.edu/~sharalyn/inls461/monopoly.jpg

Montag, 10. Mai 2010

Als ich noch kein Spieler war (1): Jag und schlag

Wenn auf dem Pausenhof der Orientierungsstufe 15 Jungen, ein Mädchen und ein Lehrer einem kleinen Ball nachjagen, dann nennt sich dies: Verfügungsstunde! Der pädagogische Nutzwert solcher Unterrichtseinheiten leuchtete selbst dem letzten Klassendepp ein. Denn wenn normalerweise irgendetwas auf dem Schulhof verboten war, dann Fußball spielen. Und während die Referendarin die übrigen Mädchen bespaßen durfte, lernten wir Jungen: Solange unser Lehrer dabei ist, darf man alles!

Auch an der Grundschule gab es die Verfügungsstunde. Hier ließ uns der Klassenlehrer spielen. Der Fundus der Schule war erbärmlich, also brachte er Spiele von zu Hause mit. Eines hieß JAG UND SCHLAG, und während es einem meiner Klassenkameraden beigebracht wurde, sammelte sich eine staunende Schülerschar um den Tisch und schaute gebannt zu. Ab diesem Tag wollte jeder nur noch dieses Spiel spielen! Wieder und wieder. Wir haben uns darum gezankt.

Und weil dummerweise nicht jeden Tag Verfügungsstunde war, bastelte ich mir mein eigenes JAG UND SCHLAG für zu Hause. Die Rückseiten etlicher Zeichenblöcke mussten dran glauben, damit ich massenhaft Pappen zu massenhaft Plättchen verarbeiten konnte. Mit Gestaltung hielt ich mich nicht unnötig auf: Statt Füchse zu malen, was sowieso misslungen wäre, schrieb ich einfach ein "F" auf die Kärtchen. Der Jäger war ein Strichmännchen mit Pfeil. Und weil das Spiel ja so supertoll war, musste ich unbedingt spielverlängernde Elemente einbauen. Das Feld war deshalb statt sieben mal sieben gleich neun mal neun Felder groß und es gab Waldtiere, die der JAG UND SCHLAG-Autor Rudi Hoffmann offenbar vergessen hatte. Wildschweine zum Beispiel, die in meinem Spiel genauso wie Holzfäller Bäume aus dem Weg räumen konnten.

Anfang der 90er, also noch vor der Wiederveröffentlichung als HALALI und auch noch vor Ebay, kam ich auf die Idee, bei meiner alten Schule nachzufragen, ob sie das Spiel noch hätten. Und ob sie es mir für private Verfügungsstunden überlassen könnten. Tatsächlich begab sich die Rektorin höchstpersönlich auf die Suche und grub JAG UND SCHLAG in irgendeiner Abstellkammer aus. Doch das Spiel war hinüber: die Schachtel zerfleddert, die Teile unvollständig, die Bilder abgescheuert. Generationen von Kindern hatten JAG UND SCHLAG kaputtgeliebt.

So sah JAG UND SCHLAG aus: http://www.boardgamegeek.com/image/148912/tally-ho