Samstag, 26. November 2011

Artus

Stell dir vor, auf dem Festtisch duftet ein knuspriges Spanferkel, und keiner greift zu. Die um den Tisch versammelten Krieger sind ausschließlich mit der Perfektionierung ihrer Sitzordnung beschäftigt. Am Ende wird der Braten wieder abgeräumt, und selbst der Gewinner muss ohne Abendbrot ins Bett. – Die Tafelrunde ist auch nicht mehr das, was sie mal war.

Warum interessiert einen Ritter die Sitzordnung? Weil einen Ritter Punkte interessieren.
Punkte gibt es in jedem Zug. Entweder weil man eine Figur versetzt (Punkte entsprechend dem Wert ihres verlassenen Sitzes) oder eine Auftragskarte ausspielt (Punkte entsprechend dem Kartentext). Der begehrteste Platz ist der rechts vom König. Er zählt zehn Punkte. Von Sitz zu Sitz sinkt die Attraktivität. Der absolute Verlierer-Sessel schlägt mit minus 15 ins Kontor.
Jeder Spieler verfügt über denselben Kartensatz. Wer an der Reihe ist, spielt zwei und zieht nach eigener Wahl Wertungs- oder Bewegungskarten nach. Wertungskarten besagen beispielsweise: „Werte drei Ritter im negativen Bereich“. In diesem Fall geht es also um Schadensbegrenzung. Minus sechs wären super, minus elf akzeptabel. Besitzt man gerade keine drei Ritter im negativen Bereich, zählt die Karte vernichtende minus 50. Gespielt werden muss sie irgendwann.
Mit Bewegungskarten setzen die Spieler eigene Ritter im Uhrzeigersinn vorwärts. Herausgeworfene Pöppel fallen auf den nächsten freien Platz zurück. Manche Karten erlauben das Bewegen eines (neutralen) Prinzen oder sogar des Königs. Verlässt der König seinen Sitz, wird die Festtafel sofort gedreht, so dass der neue rechte Königsnachbar auf dem wertvollsten Stuhl sitzt. Radikale Veränderungen ergeben sich auch dadurch, dass Prinzen mittels Karten zum König erhoben werden und der alte Chef seinen Posten verliert, woraufhin die Geschichtsbücher hektisch umgeschrieben werden müssen und die Tafel sich am neuen Machthaber ausrichtet.

Was passiert? Die Situationen ändern sich rasch. Man kann kaum langfristig planen, sondern muss nehmen, was kommt, und das Beste daraus machen. Das bedeutet allerdings nicht, dass die Spieler nur plump den Zug mit der maximalen Punktausbeute ausrechnen. ARTUS hat auch mit Abwägungen zu tun.
Denn es gibt wertvollere und weniger wertvolle Karten im eigenen Set. Und die im Zug erreichte Punktzahl sollte im Verhältnis zu den eingesetzten Karten gesehen werden. Ähnliches gilt für die Aufträge. Irgendwann muss man sie spielen. Kann man sich erlauben, noch eine Runde zu warten und auf den optimalen Einsatz zu hoffen? Oder spielt man sie lieber mit mittelmäßigem Ertrag und schafft sich einen lästigen Zwang vom Hals?
ARTUS hat also seinen Reiz, aber...

Was taugt es? Der Reiz ist nicht so groß, dass der Wunsch entsteht: Wow, heute mal wieder eine Runde Ritter des Spanferkels. ARTUS spielt sich sachlich-kühl, und es ergibt sich in Folgepartien zu wenig Neues. Der Rhythmus ist aufgrund der Grübeleien eher langsam, und wenn ich an die Reihe komme, stehen immer dieselben Überlegungen und Berechnungen an. Den Rad-Mechanismus an sich finde ich interessant. Aber in ARTUS ist das Rad ausschließlich denklastig eingebunden, als Variable in einer Abfolge von Tüftelaufgaben.

ARTUS von Wolfgang Kramer und Michael Kiesling für zwei bis vier Spieler, alea.

1 Kommentare:

Sarah hat gesagt…

In der Profivariante zu Zweit durchaus gut und mit Wiederspielreiz! Ansonsten gebe ich dir völlig Recht:zu viert schläft man wirklich ein, bis man wieder dran ist.

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