Wie vor einem Monat schon verfrüht herausposaunt, wurde THURN UND TAXIS das Spiel des Jahres 2006. In THURN UND TAXIS sammeln wir Städtekarten zunächst auf der Hand, um sie nach und nach als Reihe auszuspielen. Meine Kartenreihe hat ein Vorne und ein Hinten. Nur an diesen beiden Enden darf ich sie verlängern. Außerdem darf ich nur Karten benachbarter Städte aneinanderlegen, also etwa Nürnberg an Ingolstadt und Ingolstadt an Ulm. So ergibt sich eine Reiseroute.
Wenn es mir sinnvoll erscheint oder wenn ich muss, werte ich meine Route und fahre sie (sozusagen) mit meiner Kutsche ab. In einigen der erreichten Städte darf ich nun Häuser aufstellen, sofern ich dort noch keines habe: und zwar entweder in jede Stadt desselben Landes oder in jedes verschiedene Land, dann aber pro Land nur ein Haus. Um möglichst viele Häuser auf einmal zu setzen, müssen die Routen vorausschauend geplant werden.
Viele Häuser bringen viele Punkte, außerdem will ich Bonusplättchen sammeln (die es etwa belohnen, zuerst alle Städte Bayerns besetzt oder zuerst eine Siebener-Strecke abgefahren zu haben) und meine Lok aufwerten, wozu meine bereisten Strecken möglichst von Mal zu Mal länger werden sollten. Im Vergleich zu ZUG UM ZUG, wo ich auch Karten für Routen sammle, ist THURN UND TAXIS vielschichtiger und verzwickter.
THURN UND TAXIS ist einer der bis heute selten gebliebenen Fälle, dass eine Autorin den roten Pöppel gewinnt: Karen Seyfarth. Es ist nach MANHATTAN (1994) der zweite Titel für ihren Mann Andreas Seyfarth, der mit erstaunlich wenigen Veröffentlichungen erstaunlich viele Preise eingesammelt hat. Es ist der ach-man-kann-es-kaum-noch-zählen-wievielte Titel für Hans im Glück. Und es ist der endgültige Durchbruch für Michael Menzel als Spiele-Illustrator. Schon 2004 und 2005 hatte sich Michael Menzel einen respektablen Marktanteil erarbeitet. Nun brach eine Periode an, in der Menzel-Grafiken (zumindest nach meiner Wahrnehmung) omnipräsent wurden, so wie es zuvor schon ähnliche Omnipräsenzen der Arbeiten von Doris Matthäus und Franz Vohwinkel gegeben hatte.
Im Rückblick fällt mir auf, wie sehr THURN UND TAXIS ein deutsches Spiel ist: Alle Urheber:innen inklusive der Redaktion sind Deutsche. Das Spiel hat einen deutschen Titel. Es spielt (größtenteils) in Deutschland und befasst sich mit einem Aspekt deutscher Geschichte. Für mich signalisiert das: Wir befanden uns 2006 noch in der Ära der German Games.
Das gilt natürlich nicht ausschließlich und absolut. Vor THURN UND TAXIS hatte es schon Spiele des Jahres gegeben, die nicht aus Deutschland kamen, 2004 etwa das besagte ZUG UM ZUG. Als Zugeständnis an den deutschen Markt bekam es einen eingedeutschten Titel. Heute würde man das sicher nicht mehr als nötig empfinden.
Wenn ich die Spiele des Jahres als Spiegelbild der Spiele insgesamt nehme, lässt sich ablesen, wie bald sich der Schwerpunkt von Deutschland wegverschieben sollte: Von 2009 bis 2013 kamen die ausgezeichneten Autor:innen gleich fünfmal in Folge nicht aus Deutschland.
Ich beweine das kein bisschen. Ich finde es toll, dass aus der deutschen Spieleszene viele wichtige Anstöße kamen, die das Brettspielen vorangebracht haben. Aber ich finde es noch toller, dass der Personenkreis derer, die sich professionell mit Spielen befassen, immer größer, internationaler und diverser wird. Das hebt Spiele qualitativ auf noch höhere Stufen und lässt uns das goldene Zeitalter der Spiele erleben. Indem Menschen aus aller Welt in Verbindung treten und sich austauschen, befruchten sich ihre Ideen gegenseitig und erklimmen ein neues Level. Auch wenn man heute für den Austausch nicht mehr Postkutschen nutzt, steht THURN UND TAXIS sinnbildlich für den Aufbruch in die Moderne.
Eine meiner Erinnerungen an das Spiel zeigt, was sich außerdem noch verändert hat in den vergangenen 20 Jahren. An einem Spieleabend 2006 waren wir zu sechst, wollten aber unbedingt die Neuheiten von Hans im Glück ausprobieren. Und so spielten drei der sechs auf der einen Hälfte meines Tisches THURN UND TAXIS. Und die anderen drei spielten gegenüber MAUERBAUER. – Zwei große Spiele auf nur einem Tisch! Auf demselben Tisch übrigens, den ich 2025 ausrangieren musste, weil er für viele der heutigen Spiele zu klein geworden war.
- Vor 20 Jahren (162): Thurn und Taxis (1)


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