Dienstag, 8. September 2026

Vor 20 Jahren (165): Haste Bock?

Haste Bock: Cover (C) Zoch

Kurze Antwort: Nein, habe ich nicht.

Das gilt zugleich für die Frage, ob ich Humor habe. Fehlanzeige! Jedenfalls habe ich nicht diesen Humor. – Welchen? Na den, den man offenbar für HASTE BOCK? haben müsste. Eine gut gelaunte Lustigkeit, die sich an den schönen Dingen erfreut und jene Nebensächlichkeiten ausblendet, über die sich kleinkarierte Nörgler wie ich so wunderbar ärgern können.

In den Nuller- und Zehner-Jahren veröffentlichten Fraser Lamont und Gordon Lamont aus Schottland in ihrem Verlag Fragor Games mehrere Spiele, die auf niedliche, übergroße Figuren aus Kunststoff setzten. Der Erstling LEAPFROG war mit seinen quietschbunten billigen Plastikfröschen noch vergleichsweise harmlos, das zweite Spiel SHEAR PANIC zeigte dann, wohin die Reise später noch gehen würde.

Ich will gar nicht in Abrede stellen, dass zwischendurch auch mechanisch interessante Spiele der Lamont Brothers erschienen. Bei ihren Ausstattungsspielen hatte ich jedoch schnell den Eindruck, dass nicht die Spielidee den Anfangspunkt der Entwicklung bildete, sondern die außergewöhnlichen Figuren, um die herum ein dünnes Spiel gestrickt wurde.


Haste Bock: Figuren (C) Zoch

2006 brachte der Zoch-Verlag SHEAR PANIC als HASTE BOCK? für den deutschen Markt heraus. Blickfang waren die pummeligen Schaffiguren aus schwerem Kunststoff. Mit Farbwürfeln und Aktionskarten bewegen wir diese Schafe.

Die Partie durchläuft vier Stadien, die den Stimmungswandel der Herde dokumentieren. Zunächst gesellen sich gern gleich und gleich, und wir erhalten Punkte, wenn es gelingt, die eigenen Schafe nebeneinander zu dirigieren. Mit Auftauchen von Schafsbock Roger am Wiesenrand ist das vergessen. Kein Schaf kann dem barbrüstigen Widder widerstehen. Es gilt, sich möglichst dicht an den Schwarm zu kuscheln. Nach Rogers spurlosem Verschwinden besinnt man sich des schwarzen Schafes Thea, das bislang unbeachtet in der Herde mitlief, und sucht dessen tröstliche Nähe, bis sich schließlich das Frisörschaf Jacques unheilvoll mit seiner großen Schere heranpirscht, was die Herde mit spontanen Ausweichbewegungen quittiert.

Die Stimmungslage von Udo B. durchlief lediglich zwei Stadien. Beim Auspacken: sehr neugierig. Beim Spielen: komplett abgegessen. HASTE BOCK? entpuppte sich als langweiliges und langwieriges Optimierspiel, bei dem man sehr davon abhängig war, wie unfreiwillig hilfreich oder zerstörerisch die Aktionen der anderen Spieler:innen waren. Ohne die Schaffiguren hätte kein Mensch das je spielen wollen. Jede:r hätte sofort die spielerischen Schwächen bemerkt. Aber gut, das Spiel hatte nun mal diese Figuren. Deshalb fielen die Urteile in den Rezensionen damals auch gar nicht so mies aus: in der Spielbox 5 bis 7 Punkte, in der Fairplay Schulnoten zwischen 3+ und 4, bei hall9000 drei bis fünf Würfelaugen. In Summe Mittelmaß.

Warum ich trotzdem 20 Jahre später noch über HASTE BOCK? schreibe? Für mich war HASTE BOCK? das prägende Ersterlebnis mit dem Phänomen „viel Bling-Bling, wenig dahinter“, also dem Prinzip, das durch Internet und Kickstarter (und natürlich auch durch verbesserte Produktionsmöglichkeiten und den umkämpften Markt) bis heute immer dominierender geworden ist.

Mich wundert, dass Bling-Bling wieder und wieder so sehr verfängt. Ich verabscheue protzige Spielaufbauten, die aus größerer Entfernung vielleicht was hermachen, beim Spielen aber stören und die Sicht versperren. Ich schüttele den Kopf über zehn Zentimeter hohe Skulpturen, die lediglich anzeigen, wer Startspieler:in ist. Im Grunde ist es mir schon verdächtig, wenn ein Spiel zig filigran modellierte Figuren, Tokens, Gebäude oder sonst etwas enthält. Bling-Bling ist in meiner Wahrnehmung fast schon eine Bürde, gegen die das Spiel erst mal spielerisch ankämpfen muss.

(C) Fotos: Zoch

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