Posts mit dem Label Eine Million Interviews werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Eine Million Interviews werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Montag, 7. Mai 2012

Eine Million Interviews (7): Steffen Benndorf

Steffen Benndorf

Der Interviewte: Steffen Benndorf (37) aus dem mittelfränkischen Röthenbach an der Pegnitz kann als aufstrebender Autor bezeichnet werden. Drei seiner Spiele wurden bereits veröffentlicht, zuletzt MENSCH ÄRGERE DICH NICHT MAL ANDERS.

Der Interviewer: Udo Bartsch (43) aus dem mittelmäßigen Hannover an der Leine kann als aufstrebender Rezensent bezeichnet werden. Es sei denn, man möchte nicht lügen.


Hallo, Herr Benndorf! Ich bin tatsächlich ein bisschen aufgeregt. Sie müssen wissen, ich kriege normalerweise nur B-Promis vors Mikrofon. Aber jetzt den Erfinder von MENSCH ÄRGERE DICH NICHT. – Das ist Wahnsinn! Ich hatte Sie mir allerdings irgendwie älter vorgestellt.

Herr Bartsch, ich bin entsetzt! Nicht weil Sie es mit Ihrer Lobhudelei offensichtlich auf ein kostenloses Rezensionsexemplar abgesehen haben, sondern weil Sie soeben durch Ihre unbedachte Äußerung die Abmahnung des verantwortlichen Spieleredakteurs zu verantworten haben. Können Sie sich vorstellen, wie viel Zeit und Geld Schmidt Spiele investiert hat, um die richtige Stelle für meine vertraglich zugesicherte Namensnennung auf dem Spielecover zu bestimmen, damit man mich eben nicht für den Erfinder von MENSCH ÄRGERE DICH NICHT hält?

Häh?! Was?! Herr Benndorf, Sie müssen so reden, dass die Menschen Sie verstehen. Die Leser von REZENSIONEN FÜR MILLIONEN sind nicht allzu intelligent. Sonst würden sie ja was anderes lesen. Also: Sind Sie jetzt der Erfinder von MENSCH ÄRGERE DICH NICHT oder nicht?

Nein, ich bin nur der Erfinder von MAL ANDERS. Im Übrigen sollten Sie schleunigst aufhören, Ihre werte Leserschaft zu beleidigen. Sonst wird keiner mehr unserer Konversation folgen und Sie müssten in Zukunft wieder Ihren Besucherzähler frisieren.

Moment mal. Woher wissen Sie, dass ich meinen Besu... (stutzt) Äh, Sie sagen, Sie sind der Erfinder von MAL ANDERS. – Sind Sie also Reiner Knizia?

Nein, aber wussten Sie, dass sich mein Ex-Arbeitskollege damals bei einer Bank beworben hat, wo Reiner Knizia was zu sagen hatte, und abgelehnt wurde? In meinen Augen ein Skandal! Wobei Herr Knizia damals Weitblick bewiesen hat. Jener Kollege hat nie ein gutes Wort an meinen Spielideen gelassen. Außerdem ist er der Meinung, man könnte jedes Kartenspiel auch mit einem stinknormalen Romméblatt realisieren! Und dass ständig neue Spiele auf den Markt geworfen werden, sei nur der Profitgier der Verlage und solcher Menschen wie mir und Herrn Knizia geschuldet! Herr Bartsch, sagen Sie doch was!

Ich finde, wer etwas gegen Profitgier hat, ist bei einer Bank tatsächlich falsch. Ich hätte den Mann auch nicht eingestellt. Aber Herr Benndorf, Sie lenken von sich ab. Ich habe mittlerweile den Eindruck gewonnen, Sie sind kein bisschen prominent! Warum interviewe ich Sie überhaupt?

Ja, was weiß denn ich? Sie sind Visionär und glauben an mich? Sie haben noch freien Webspace, den Sie auf keinen Fall verfallen lassen wollen? Sie sind jung und brauchen das Geld? Oder... oder ist MENSCH ÄRGERE DICH NICHT gar Ihr Lieblingsspiel?

Auf keinen Fall! Ich habe riesige Probleme mit dem Rauswerfen. Dass das so einfach geht, finde ich total unmöglich! Wenn die Figuren wenigstens kleine Miniaturwaffen hätten – Baseball-Schläger, Pfefferspray, Laserschwert – dann wäre alles viel logischer und ich könnte tiefer in die Spielgeschichte eintauchen.
Also: Antwort c ist richtig. Ich bin jung und brauche Geld. Zahlen Sie bar? Ich nehme auch Sachwerte: Zahngold, Antiquitäten, Micky Maus-Hefte.

Ich könnte in Briefmarken zahlen. Die müssten Sie nur von meiner Fanpost ablösen, aber das sollte kein Problem darstellen, oder? Alternativ wären noch Antiquitäten möglich. Ich horte schon seit Jahren hunderte Exemplare von WÜRFEL EXPRESS, die könnte ich Ihnen anbieten. Mit ein paar netten Worten der Wertschätzung könnten Sie hier selbst eine gigantische Wertsteigerung erzielen. Ich müsste die Ware allerdings liefern lassen, weil ich Ihren Rat befolgt und die Spiele nicht gleich mitgebracht habe. Wie viele Paletten nehmen Sie?

Ach du je! Und ich dachte, etwas Schlimmeres, als von Herrn Menzels Hund angefallen zu werden, könnte mir nicht mehr passieren.
Wechseln wir das Thema: FIESE 15, ein weiteres Würfelspiel von Ihnen. Oder zumindest hat Schmidt wieder Ihren Namen draufgeschrieben und der Redakteur wird jetzt abgemahnt. Ich kenne die Wilde 13 von Jim Knopf und Lukas, dem Lokomotivführer. Ist FIESE 15 so ähnlich, nur noch fieser und zwei mehr?

FIESE 15 ist eher wie 17 und 4 minus 6 mit Würfeln. Das Spiel hatte ich anfangs unter dem Namen HUNDSGEMEINE HUNDERT vorgestellt. Das Spielmaterial bestand aus 40 Würfeln in putzigen Pastellfarben und geschätzten drei Millionen Aufgabenplättchen für stundenlangen Spielspaß. Die HUNDERT stand dabei sowohl für die machbare Maximalpunktzahl pro Plättchen als auch für das genormte Gesamtgewicht des Spielmaterials. Die Spielverpackung sollte ein handelsüblicher Hartschalenkoffer sein, in dem man auch unverzollte Urlaubspräsente hätte schmuggeln können. Der Verlag wünschte sich letztendlich aber ein leichteres Spiel mit einfacherem Zugang.

FIESE 15, HUNDSGEMEINE HUNDERT... Das sind ja lauter Titel mit Alliterationen! Sie denken wohl, ich merke das nicht, was? Aber ich warne Sie: Ich hatte die Idee zuerst! Herr Stadler ist mein Zeuge.
Mögen Sie zum Abschluss vielleicht noch versehentlich etwas über Ihre zukünftigen Projekte ausplaudern, damit ich meine Anwälte gleich auf die richtige Fährte setzen kann?

Ich sage nur, Würfel pflastern meinen Weg. Apropos „Weg“: Ich muss dann mal dringend wieder los. Mit Ihren albernen Anwälten haben Sie mir jetzt doch ein wenig Angst eingejagt. Herr Stadler erscheint mir als Zeuge Ihrer Alliterationsphantasien zwar wenig glaubhaft, aber man kann ja nie wissen. Sie haben nicht zufällig seine Telefonnummer? Oder singt er noch immer im Nebenraum?

Nein, was Sie da gerade hören, ist der Schrei-Therapeut meines Zwergkaninchens. Seit Herr Stadler meinem Hasi das Taschengeld abgezockt hat, ist Hasi etwas depressiv geworden und muss wieder lernen, mehr aus sich herauszugehen. Apropos „herausgehen“: Die Tür finden Sie selbst?!
Vielen Dank noch für das Gespräch, und wenn Sie mal reich und berühmt sind und nicht wissen, wohin mit Ihrem Zahngold, können Sie sich gerne wieder melden.

Donnerstag, 5. April 2012

Eine Million Interviews (6): Stefan Stadler

Stefan Stadler

Der Interviewte: Stefan Stadler (39), Spieleredakteur bei KOSMOS in Stuttgart und zugleich Autor. Gemeinsam mit Michael Rieneck entwickelte er unter anderem die preisgekrönten Spiele DIE SÄULEN DER ERDE und DIE TORE DER WELT.

Der Interviewer: Udo Bartsch (43), Spielekritiker bei REZENSIONEN FÜR MILLIONEN in Hannover und zugleich Philosoph. Gemeinsam mit irgendwem irgendwas zu entwickeln, lehnt er aus weltanschaulichen Gründen ab.


Hallo, Herr Stadler, was sagen Sie dazu: Im vorigen Interview hat Ihr Freund, der Herr Rieneck, Sie total fies gedisst...

Lieber Herr Bartsch, wenn ich das Interview richtig im Kopf habe, hat er Sie gedisst! Ich kann auch gar nicht gemeint sein, denn ich...

Klar, Herr Stadler, die erste Reaktion ist immer Leugnen. Als mein Blog noch neu war habe ich jeden Tag am Monitor geruckelt, weil ich dachte, der Leserzähler klemmt. Hat er aber nicht.

Ich kann gar nicht gemeint sein, denn ich spiele mit Grün und nicht mit Gelb und bin ein unheimlich netter Mensch. Schließlich finanziere ich mit meinen Ideen auch seinen Lebensunterhalt: Während der feine Herr Rieneck von seinen Tantiemen lebt und mit seinem Kater Schach spielt, muss ich Tag für Tag arbeiten gehen und rund um die Uhr für Kosmos Spiele bearbeiten.

Ach ja, darauf wollte ich sowieso zu sprechen kommen: Sie sind Redakteur bei Kosmos. Sie spielen den ganzen Tag Spiele. Aber was ich nicht verstehe: Womit verdienen Sie Ihr Geld? Fahren Sie nachts Taxi? Kellnern Sie?

Eigentlich versuche ich, meinen Kollegen ihr spärliches Gehalt mit Glücksspiel aus den Taschen zu ziehen. Natürlich helfe ich da zu meinen Gunsten nach. Deswegen spielen die auch nicht mehr mit mir MOGELMOTTE oder WÜRFEL-LIGRETTO.

Wenn ich Ihr Geschäftsmodell richtig verstehe, sind Sie also eine Art Parasit? Sie hängen bei Kosmos rum, schleppen Spiele anderer Verlage ein und saugen hilflose Opfer aus.

Ich? Ein Parasit? Ich dachte, es wäre deutlich geworden, wer hier die Arbeit macht! Der Rieneck profitiert überall von meinem guten Namen, und ich schufte Tag und Nacht, damit Kosmos weiterhin so genannten Spielerezensenten kostenlos Spiele schicken kann. Sich durch Hunderte von Spielideen wühlen, auf Autorentreffen die ganze Nacht mit Menschen, die sich Spieleautoren nennen, abhängen und verschiedene Spiele so zu bearbeiten, dass sie nach der nächsten Messe nicht schon wieder vergessen sind, das ist ein harter Job! Und wenn ich mal ein Spiel der Mitbewerber spiele, kann ich meine Meinung noch nicht einmal zu Geld machen, indem ich lustige Verrisse schreibe.

Jetzt werden Sie aber grob. Langsam verstehe ich, warum der Herr Rieneck Sie gedisst hat.

Jetzt seien Sie doch nicht so wehleidig, Herr Bartsch! Ich hab’s ja gar nicht so gemeint. Hier, nehmen Sie mein Taschentuch. Eigentlich haben wir uns doch in der Spieleszene alle ganz arg lieb. Wir bei den Verlagen machen aus den supertollen Ideen der Autoren prima Spiele und Sie, Herr Bartsch, dürfen die dann spielen und ganz toll benoten.

Die Verlage und Autoren machen auch prima Spiele?! Warum kriege ich dann immer nur die anderen zugeschickt?

Wenn Sie mal groß sind und so viele Leser haben wie die geschätzte Frau Kestering, können wir noch einmal darüber reden. Aber ich hätte hier noch ein paar Mitbringspiele für die Reisezeit. Wenn Sie eines davon gerne hätten, kann ich da sicherlich was arrangieren. Oder Sie spendieren mir mal eine Reise oder bezahlen meinen Urlaub, dann kriegen Sie auch mal die neueste CATAN-Ausgabe. Macht man das bei Ihnen in Niedersachsen nicht so?

Ja, äh, nein... also umgekehrt: Ich bin ja der Niedersachse, also bekomme ich die Reise und den Urlaub. Und die CATAN-Ausgabe natürlich auch. Aber vielleicht können wir anders ins Geschäft kommen: Sie sagten vorhin, Sie lieben die Farbe grün. Und dann noch Ihre Initialen, hm... da ließe sich was draus machen. Ein neuer, lustiger, nie da gewesener Spiele-Verlag! Unsere Erfolgstitel habe ich schon im Kopf: „Stromstoß“, „Staubige Stuben“, „Stullen Stuyvesant Studentenfutter“. Was sagen Sie?

Super Sache! So sollten schlüssige Spieleverlags-Konzepte Stadlers Solvenz-Probleme subtrahieren. Aber dann brauchen wir ja noch jemanden, der die Spiele erfindet. Hoppla, verplappert, ich wollte doch mich als den genialen Spiele-Autoren darstellen. Jetzt weiß ja jeder, dass doch der Rieneck meine Spiele erfindet. Können wir das vielleicht löschen?

Selbstverständlich, ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. In der Spieleszene haben wir uns doch alle lieb. Aber um die Spiele müssen Sie sich trotzdem kümmern. Mein Part im Verlag ist, mich auf meinen Tantiemen auszuruhen und mit meinem Zwergkaninchen HALMA zu spielen.

Hat ihr Kaninchen denn Geld? Und merkt es, wenn ich beim HALMA betrüge? Ohne Nebeneinnahmen kann ich mir doch gar keinen zweiten Job leisten.

Da ist nicht viel zu holen, leider. Mein Kaninchen verplempert sein gesamtes Taschengeld für Möhrchen und Marihuana.

Aha, jetzt weiß ich, warum Sie so hinter den Millionen her sind: Sie sind Beschaffer, Sie finanzieren Süchte!

Stimmt ja gar nicht. Mein Kaninchen sagt, es könne mit den Möhrchen jederzeit wieder aufhören. Apropos: Mit Interviews soll man aufhören, wenn es am schönsten ist, Herr Stadler.

Und wann kommt jetzt die Stelle mit Gesang? Mir wurde gesagt, hier muss jeder singen! Aber auch gut, ich kann sowieso nur „Alle meine Entchen“. So verliere ich wenigstens nicht gegen Frau Wredes Hund.

Sie können gerne singen, falls Sie das möchten. Aber wie gesagt: Ich gehe, wenn es am schönsten ist. Also vorher. Auf Wiedersehen!

Montag, 21. November 2011

Eine Million Interviews (5): Michael Rieneck

Michael Rieneck

Der Interviewte: Michael Rieneck (45), Spieleautor aus Kiel. Von ihm stammen zahlreiche Literatur-Verspielungen. Gemeinsam mit Stefan Stadler entwickelte er die preisgekrönten Spiele DIE SÄULEN DER ERDE und DIE TORE DER WELT.

Der Interviewer: Udo Bartsch (43), Spielekritiker aus Hannover. Von ihm stammt nichts. Und niemand arbeitet mit ihm zusammen.


Hallo, Herr Rieneck! Normalerweise beginne ich das Gespräch mit einem Rückblick auf meine bisherigen Interviews. All die Beleidigungen und Verletzungen, die ich da zu ertragen hatte: Das muss man der Welt ja mal vor Augen führen! Aber jetzt weiß ich nicht, auf Dauer könnte es wohl etwas weinerlich rüberkommen...

„Weinerlich“ trifft es, glaube ich, ganz gut. Tja, Herr Bartsch, das nennt man dann wohl einen klassischen Fehlstart. Vielleicht hätten Sie ein bisschen kleiner anfangen sollen. Mit mir zum Beispiel. Stattdessen bitten Sie lauter gestandene Leute zum Interview. Wie die mit Ihnen umgesprungen sind – fantastisch! Schrecken verbreiten Sie erst mal keinen mehr. Gut so, ich bin jetzt ganz entspannt.

Was ist denn nun kaputt?! Haben Sie die Regie-Anweisungen nicht verstanden? So schwer ist es doch nicht. Sie sollen hier nicht antworten, was Ihnen grad in den Sinn kommt, sondern was auf dem Textblatt hinter Ihrem Namen steht. Da: „Oh, Herr Bartsch, das ist wirklich empörend, wie übel Ihnen mitgespielt wurde! Und übrigens vielen Dank für Ihre positiven Besprechungen von DER HEXER VON SALEM und DER PATE in Ihrem Blog.“

Ach so. Dazu also der Zettel, ich habe mich schon gewundert. Jetzt verstehe ich, das ist so eine Art Spielanleitung. So was liest doch heute eh keiner mehr, Herr Bartsch, das sollten Sie eigentlich wissen. Abgesehen davon hätten Sie sich ruhig etwas mehr Mühe geben können, das ist ja überhaupt nicht zu entziffern. Das ist jetzt Ihr Pech, tut mir leid.

Na gut, wie Sie meinen. Ich mache einfach weiter im Text. Und wenn es hinterher nicht zusammenpasst, ist es ganz klar Ihre Schuld: „Oh, Herr Rieneck, Ihre berührenden, lieben Worte geben mir Kraft und Mut! REZENSIONEN FÜR MILLIONEN wird immer...“
Heh, was trommeln Sie so nervös mit den Fingern? Möchten Sie lieber über sich reden als über mich? Na schön, wo waren wir... ach ja, heute liest keiner mehr. Schreckliche Sache. Aber da wundert es mich ja umso mehr, Herr Rieneck, dass Sie andauernd Spiele zu Büchern erfinden. Das geht doch völlig am Markt vorbei. Viel zeitgemäßer wären Spiele zu Hörbüchern! Oder nicht?

Wie schlau Sie sind! Haben Sie schon mal versucht, in einem Hörbuch zu einer Schlüsselstelle zurückzublättern? Oder zu hören, wie sich die Namen der Protagonisten schreiben? Meine Redakteure würden sich bedanken, wenn sie das hinterher alles selbst recherchieren müssten. Abgesehen davon: Wenn Sie mir eine Hörbuchversion von den NichtLustig-Cartoons besorgen, klicke ich so lange Ihre Seite an, bis Sie die Million endlich voll haben.

Warum denn gleich so aggressiv? Sie mögen es wohl nicht, wenn man mal kritisch nachfragt. Wahrscheinlich wollen Sie lieber so Fragen wie aus Bravo Girl. Bitte sehr, können Sie haben: Was ist Ihre Lieblingsfarbe? Was für ein Flirttyp sind Sie? Und besitzen Sie ein süßes, rosafarbenes Pony?

Meine Lieblingsfarbe ist Blau. Und um wenigstens ein bisschen Bezug zum Thema herzustellen: Ja, das gilt insbesondere auch beim Spielen. Ich muss Blau haben, andernfalls sieht es schon am Anfang schlecht für mich aus. Rot und Grün gehen dagegen gar nicht. Als Spielerfarbe völlig undenkbar. Was war noch mal die andere Frage? Ach ja. Meine Güte, steht das auch auf Ihrem Zettel? Manchmal frage ich mich wirklich, was in Ihren Kritikerkopf so vorgeht. Also schön, wenn es sein muss. Ich bin eher der... äh... erfolglose Flirttyp. Und egal welcher Farbe, Pferde habe ich gar keine, aber einen Schach spielenden Kater.

Schach auf Vereinsebene? Oder nur zum Zeitvertreib?

Na ja, wissen Sie, das ist so: Cato kann die Figuren mit seinen Pfoten ja nicht hochheben, sondern nur über das Brett schieben. Also haben wir uns darauf geeinigt, die Springer wegzulassen. Stattdessen hat jeder vier Läufer. Das funktioniert prima. Im Verein nimmt man es allerdings – wie Sie sich leicht vorstellen können – mit der Einhaltung der Original-Regeln dann doch etwas genauer.

Oh, diese miesen Vereinsmeier! Das ist Diskriminierung! So etwas bringt mich total auf die Palme! – Aber Herr Rieneck, Sie sind ja richtig tierlieb. Ich hatte ein ganz anderes Bild von Ihnen. Als ich Sie bei einer Präsentation von DER PATE mit dunklem Hut und Sonnenbrille gesehen habe, dachte ich, Sie wären voll der Gangsta. Hey, wollen Sie nicht mal jemanden dissen? Den Herrn Stadler zum Beispiel? So macht man das doch: Erst arbeitet man zusammen, dann disst man sich.

Dissen? Das ist doch dieser diskreditierende Rap-Gesang. Das hätten Sie wohl gern, dass ich hier einen Freund in die Pfanne haue. Das können Sie vergessen. Aber wie wäre es hiermit, damit die Welt mal sieht, wie Sie wirklich sind.
(singt:)
Sing it. Trash it.
Ich kenn einen Typ. Der ist so übel wie sein Ruf.
Er spielt meine Werke, so wie ich sie schuf.
Er sucht im Spiel das Haar in der Suppe,
was ich dabei fühle, das ist ihm doch schnuppe.
Am schlimmsten ist’s, wenn Gelb verliert,
dann reagiert er immer tief schockiert.
Dann hört man ihn bald nur noch klagen
und fiese Dinge über meine Spiele fragen.
Was macht das alles für ’nen Sinn?
Und wo ist der rote Faden bloß?
Dann trifft’s mich wie ’nen Boxer unterm Kinn
Denn in seinem Urteil ist er gnadenlos.
Er ist ganz bescheiden und will ’ne Million,
die Hälfte von ’nem Viertelprozent – die hat er schon.
Ich will ihn nett und milde sehen
und biet ihm meine Aktien von Infinion.
Da bittet er mich schon zu gehen,
denn er nimmt nur welche von DOMINION.
Gute Kritik hat sich – wie’s scheint – verteuert.
Was soll’s? Ich bin doch nicht bescheuert.
Ich such mit jetzt woanders „help“
oder mach nur noch Spiele ohne Gelb.

Yeah! Sing it! Trash it! Herr Rieneck, Sie haben ja voll den Groove. Ich musste richtig mitwippen. Rein gesanglich fand ich den Hund von Frau Wrede allerdings stärker.

Aha, schlechter als der Hund. Na ja, ich wünsche Ihnen jedenfalls viel Erfolg mit Ihrem ehrgeizigen Projekt. Eine Million Dollar, eine Million Leser – in einer Million Jahren!

Danke, Herr Rieneck. Aber ich muss Ihnen deutlich widersprechen. Sie rücken mein Projekt in ein völlig falsches Licht. Es geht hier um eine Million Euro, nicht Dollar!
Auf Wiedersehen!



Frühere Interviews:

Montag, 12. September 2011

Eine Million Interviews (4): Sarah Kestering

Sarah Kestering

Die Interviewte: Sarah Kestering (34), Spielekritikerin aus Aachen. Der Name ihrer Internetseite spielenswert.de zeigt, was ihr besonders am Herzen liegt: gute Spiele!

Der Interviewer: Udo Bartsch (43), Spielekritiker aus Hannover. Der Name seiner Internetseite rezensionen-fuer-millionen.de zeigt, was ihm besonders am Herzen liegt: gutes Geld!


Frau Kestering, in den bisherigen Interviews meiner bahnbrechenden Erfolgsserie „Eine Million Interviews“ ging es um Duschhauben, ich wurde von einem unmusikalischen Hund angejault und büßte meine beste Hose ein. Alles ganz schön unbefriedigend. Ich hoffe, mit Ihnen kann ich endlich mal einen gehobenen philosophischen Diskurs führen.

Herr Bartsch, da sind Sie bei der Richtigen gelandet. Auf ein hohes geistig-intellektuelles Niveau lege ich gesteigerten Wert... Immerhin besitze ich mehrere Bücher, unter anderem Weltklassiker wie das Telefonbuch, „Backen macht Freude“ und „Hanni und Nanni gründen einen Klub“.
Um die horrenden Unterhaltskosten für spielenswert zu finanzieren, musste ich allerdings auch Abstriche machen und habe den Duden verkauft. Ist dem einen oder anderem Leser wohl schon aufgefallen...
Gerne bin ich bereit, über Grundsatzfragen des Lebens zu diskutieren, zum Beispiel über die Frage, ob Schildkröten ohne Panzer nur nackt oder eher obdachlos sind.

Ähm, ja. Gewiss ein interessantes Thema. Ich dachte allerdings eher an ein Reflexionsgespräch über Gerechtigkeit. Führen Sie sich doch mal bitte diese Fakten vor Augen: 1. Sie sind jünger als ich. 2. Sie sehen sympathischer aus. 3. Ihre Internetseite hat mehr Leser als meine! Ich weine jede Nacht deswegen. Wie können Sie das mit Ihrem Gewissen vereinbaren?

Ach, kein Problem. Ich lasse Ihnen einfach durch meinen Sekretär Dirk eine Familienpackung Taschentücher zukommen, dann sind wir quitt.
Es ist wohl einfach die Komposition von Stil, Eleganz, Anspruch und High-End-Technik, die spielenswert von diesen Kritiken für Tausend – oder wie hieß Ihre Seite denn jetzt noch? – so sehr abhebt. Falls Sie eine Stelle als Praktikant bei spielenswert suchen...

Als Prakt...?! (muss husten)

Vielleicht, Herr Bartsch, ist das Internet in Ihrem Alter auch nicht mehr so das richtige Medium? Mal so als Tipp aus einem Senioren-PC-Buch: Der PC lässt sich auch herunterfahren, ohne den Stecker zu ziehen.

Senio...?! (hustet heftiger)

Mein Leben hat sich durch spielenswert grundlegend geändert. Ich lasse mir schon mal den Herrn Knizia zum Kartenmischen einfliegen. Außerdem ist es einfach unglaublich, wie viele Heiratsanträge ich seit spielenswert schon erhalten habe!

Nicht, dass es mich wirklich interessiert, aber wie viele waren es denn?

Gar keiner. Unglaublich, nicht wahr? Dafür hat spielenswert schon 32 Facebook-Fans. Na gut, einer bin ich, einer mein Bruder, einer die Freundin meines Bruders...

Hm, wenn sonst keiner will und wenn Ihr Mann nichts dagegen hat, könnten wir ja vielleicht heiraten? Wie würden Sie es denn mit der Gütertrennung halten? Treten Sie mir die Hälfte Ihrer Leser ab?

Herr Bartsch! Ich bin entsetzt. Ganz ehrlich und tief in meinen traditionell, christlich-konservativen Grundwerten getroffen! Dieser Vorschlag ist mindestens so anstößig wie die Bäderkarte aus 7 WONDERS.
Ihre Millionen mögen ihre Reize haben, aber sind Sie sich eigentlich der Spätfolgen dieser spontanen Gefühlsregungen bewusst? Nicht auszudenken, was eine Scheidung zur Folge hätte, wenn Sie erst mal jahrelang Ihre schmutzigen Socken vorm Spieleregal liegen gelassen haben. Ich stelle mir das so vor: „DOMINION kommt zu mir!“ – „Nein, du kriegst EMIRA und die Kinder, DOMINION bleibt bei mir!“
Und was sagt Claudia dazu?

Puh, Sie machen’s aber kompliziert. Ich wollte doch nur Ihre Leser! Mit meinen ist nämlich kein Staat zu machen. Seit Ewigkeiten deute ich ganz zart mein Bedürfnis nach einer Million an, und denken Sie, irgendeiner hätte auch mal nur einen Tausender rüberwachsen lassen? Manchmal fragt man sich schon, warum man das überhaupt noch macht, diesen (schluchzt auf) knüppelharten Knochenjob eines Spielekritikers.
Was ist denn eigentlich Ihr Beweggrund?

Sehen Sie, Herr Bartsch, das ist doch wie bei einer Ehe. Da stellt man vorher keine Kosten-Nutzen-Analysen auf und berechnet auch keinen Break-Even-Point. Nein, es ist der Bauch, der sagt...

Huuuunger!

... das ist deine höhere Daseinsbestimmung. Außerdem kriegste ein schickes weißes Kleid. So lustwandelte ich eines Tages durch die Gegend und fand ein goldenes Buch. Darin stand geschrieben: „Sarah – Du musst unbedingt Spielekritiken schreiben oder die Welt wird in ewige Finsternis versinken.“ Es war der Reiz, es mal selber zu probieren, Spielekritiken zu schreiben, die aber keine reine Regelnacherzählung mit dem aussagekräftigem Fazit sind: „Ein Spiel, das bei Familien sicherlich gut ankommt, es kommt bestimmt noch häufig auf den Tisch“ Kotz!

Frau Kestering, jetzt ist es passiert! Ich habe eine ernsthafte Frage gestellt, und Sie haben ernsthaft darauf geantwortet. Das Interview ist total entgleist! Wir müssen sofort abbrechen, aber eine Frage zum „Graf Ludo“ brennt mir noch unter den Nägeln. Die wollte ich eigentlich Herrn Menzel stellen. Jetzt frage ich Sie: Was ist für Sie das Wichtigste am „Graf Ludo“: Das Preisgeld? Die Ehre? Oder dass „UDO“ im Namen vorkommt?

„Graf Ludo“? Ist das nicht der Film, wo Peter Alexander eine Frau spielt? Oder der Mann von Frauke Ludowig? Es mag ja durchaus sein, dass dies ein nach Ihnen benannter Preis ist, aber solange meine TELESTRATIONS-Bilder nicht nominiert werden, ignoriere ich den.
Vergessen Sie doch mal den Tausender, Ihre Millionen; besinnen Sie sich doch mal auf die wahren Werte, schließlich ist bald Weihnachten. Es gibt da ein altes Sprichwort, ich glaube, es ist von mir: „Spiel gut, alles gut.“

Das könnte ein schönes Schlusswort sein. Ich fürchte nur, Sie möchten trotzdem noch etwas sagen?

Ja.
Ich möchte noch jemanden grüßen. Tante Änne, die Dreifaltigkeits-Schützenbruderschaft Nütheim-Schleckheim, den Döner Grill in Alamogordo, Gaby von Gabys Nagelstudio in Gilching, Dirk – love forever, die Sportfluggruppe Leck, den Fischertechnik Fanclub Deutschland, meinen Bruder, die Freundin von meinem Bruder, die Mutter von der Freundin von meinem Bruder, den Hund von der Mutter von der Freundin von meinem Bruder…

Oh, Scheiße.
Frau Kestering, hallo, ich bin auch noch da, ich danke für das Gespräch.

Mittwoch, 17. August 2011

Eine Million Interviews (3): Michael Menzel

Michael Menzel

Der Interviewte: Michael Menzel (35), Spielegrafiker aus Neukirchen-Vluyn in Nordrhein-Westfalen. Er sorgt dafür, dass Spiele gut aussehen. Beispiele sind: SAFRANITO, FIRENZE, ESELSBRÜCKE.

Der Interviewer: Udo Bartsch (43), Spielekritiker aus Hannover. Er sorgt dafür, dass Spiele schlecht aussehen. Beispiele sind: UFO ATTACK, WHAT´S MISSING, GOLDRAUSCH.


Herr Menzel, im vorigen Teil meiner unwiderstehlichen Erfolgsserie „Eine Million Interviews“ hatte ich es mit einer Verbrecherin zu tun!
Diese Erfahrung hat mich vorsichtig werden lassen. Bevor wir beginnen: Tragen Sie Schusswaffen? Ist Ihr Hund auf Spielekritiker abgerichtet? Hört mich hier jemand, wenn ich schreie?

Hallo Herr Bartsch. Keine Sorge, ich mag Spielekritiker. Der Hund auch.

Hah, Sie können sich das ja auch erlauben. Sie sind jetzt ganz oben, Sie durften CATAN neu illustrieren. Das ist ungefähr so, als dürfte ich die Bibel neu schreiben.

Ehrlich gesagt sehe ich das genauso. Mein Job ist an sich schon super schön. Mit der Neugestaltung der CATAN-Welt betraut worden zu sein, ist aber das Sahnehäubchen obendrauf. Ich bin mir sehr bewusst, was für ein Glück das ist, und versuche ständig, mein Bestes dafür zu geben, dass das vorerst so bleibt. Wenn man sich so umschaut, sieht man ziemlich viele andere gute Illustratoren. Da muss ich schon am Ball bleiben.

Aha, jetzt kommt’s raus: Der große Michael Menzel hat tatsächlich Schiss in der Hose...!

Ich glaube, ich würde das anders formulieren, Herr Bartsch. Es gab halt nur bisher noch nie den Moment, in dem ich gedacht hätte: „So, jetzt bin ich fertig. Da kommt keiner dran.“ Man muss halt ständig weiterlernen.

Schiss in der Hose! Schiss in der Hose!

Verdammter investigativer Journalismus. Sie kriegen auch wirklich alles raus! Okay, Sie haben Recht: Schiss in der Hose!

Machen Sie sich nichts draus, für Schiss in der Hose habe ich einfach ein Gespür. In meinem Zivildienst hatte ich nämlich im Pflegebereich zu tun. Hatten Sie auch schon weniger glamouröse Jobs?

Ja, klar. Auf Reisen hatte ich, wenn das Geld in der Urlaubskasse knapp wurde, häufig angefangen, Karikaturen von Passanten zu machen. Auch das war nicht immer ein Traumjob. Besonders dann nicht, wenn die zu Karikierenden eine sehr, sehr große Nase oder so was hatten und man nicht wusste, wie sehr man das herausstellen durfte, ohne selber was auf die Nase zu bekommen.

Im Urlaub arbeiten? Wie schrecklich! Das kann Ihnen jetzt zum Glück nicht mehr passieren.
Ich gehe davon aus, dass sie als vielbeschäftigter Illustrator überhaupt keinen Urlaub mehr haben?


Die Übergänge sind fließend. Da ich zu Hause arbeite, kann ich jederzeit, zum Beispiel am Wochenende oder abends um elf, noch hier und da ein bisschen weitermalen. Weil ich immer noch gerne mit Papier und Bleistift skizziere, kann ich tatsächlich auch vieles im Urlaub erledigen – wenn meine Frau gerade nicht hinsieht. Fast alle Zeichnungen zu ESELSBRÜCKE sind entstanden, während ich im Auto gewartet habe, um meinen Sohn von der Schule abzuholen.

Haben Sie ein Glück, dass dieses Blog niemand liest! Der Verlag wäre sicher empört, wenn er wüsste, dass sein Auftrag nur ein Pausenfüller für Sie war. Und den „Graf Ludo“ können Sie sich dann erst recht abschminken. Ich sehe das doch richtig: Diesen Preis haben Sie noch nie gewonnen, hm?!

Dass die Bilder im Auto entstehen, ist kein Problem, solange die Qualität stimmt. Und ja, den „Graf Ludo“, den wichtigsten Preis für Spielegrafiker, habe ich noch nie gewonnen. Danke, dass Sie mich daran erinnert haben. Hätte ich fast vergessen, dass ich schon drei Mal unter den letzten drei war, und dann doch nix gewonnen habe. – Hm, finden Sie nicht auch, dass mein Hündchen jetzt schon viel hungriger aussieht als zu Beginn unseres Interviews?

Oh nein...! Lieber Hund! Lieber Hund! Ganz braaav. Sitz! Sitz! Mach Platz! – Herr Menzel, tun Sie was!

Aber Herr Bartsch, ich habe doch gesagt, dass mein Hund Spielekritiker mag. Vor allem die Schenkel.

Haha, Herr Menzel. Das ist nicht meine Art von Humor. Humor ist, wenn ich lache. Möchten Sie zum Abschluss noch etwas sagen?

Ja. Vielen Dank für das nette Gespräch, Herr Bartsch, und schöne Grüße an Ede!

Ede?! Das ist ein Schwachmat! Sich so leicht drankriegen zu lassen. Und wieso nettes Gespräch? Wer zahlt mir jetzt meine Hose? Die war teuer, Herr Menzel! 7,99 bei Rudis Reste Rampe. Und, ach so: Ich beende hier die Interviews, es ist mein Part, mich zu bedanken... Heh, Herr Menzel, Sie hören ja gar nicht mehr zu...? Herr Menzel, warten Sie doch...!

Freitag, 15. Juli 2011

Eine Million Interviews (2): Anja Wrede

Anja Wrede

Die Interviewte: Anja Wrede (43), Spieleautorin und Grafikerin aus Berlin. Gemeinsam mit ihrer Geschäftspartnerin Claudia Hartmann gründete sie den Kinderspiele-Verlag Edition Siebenschläfer.

Der Interviewer: Udo Bartsch (43), Spielekritiker aus Hannover. Gemeinsam mit seinem Geschäftspartner Ede (U-Haft) gründete er das Redaktionsbüro „Copy & Paste für Millionen“ (insolvent).


Frau Wrede, im ersten Teil meiner fulminanten Erfolgsserie „Eine Million Interviews“ bin ich unglücklicherweise einem Scharlatan aufgesessen. Ganz am Ende des Gesprächs stellte sich heraus, dass er tatsächlich weniger Spiele verkauft hat, als es Sandkörner auf der Erde gibt! Ich hoffe, mit Ihnen habe ich nun eine echte Erfolgsautorin vor mir?

Werter Herr Bartsch, ojeoje, ich fürchte, diese Hürde schaffe auch ich nicht, obwohl ich schon so lange in diesen Pappschachteln unterwegs bin. Bin ich hiermit aus der Zielgruppe herausgefallen und wir haben schnellen Schrittes bereits das Ende des Interviews erreicht?

Das hätten Sie wohl gern! Aber wir zwei müssen das durchziehen. Ich hab doch sonst niemanden... Äh, was sagten Sie eben: Sie sind in Pappschachteln unterwegs!?

Ähem, Sie etwa nicht? Erstaunlich, ich dachte, diese Fortbewegungsart hätte sich mittlerweile durchgesetzt. Ich nutze sie schon seit frühester Kindheit. Damals waren es allerdings große, gerade ausgepackte Lebensmittelkartons, mit denen ich über den langen Flur neben dem Lagerraum unseres Tante-Emma-Ladens rumpelte. Heute sind die Schachteln kleiner. Damit ist es auch einfacher, die Kurven und Hindernisse im alltäglichen Leben und Arbeiten ohne allzu viele blaue Flecken zu überstehen.

Verdammt. Wieder ein Trend aus der Hauptstadt, den ich verpasst habe! Das dauert ewig, bis so etwas hier in der Provinz ankommt. Wenn wir in Hannover endlich in Schachteln durch die Gegend fahren, haben Sie in Berlin bestimmt schon wieder was neues Verrücktes. Was weiß ich: Schuhe ohne Schnürsenkel. Oder Autorennamen auf Spielen.

Tja, da muss ich Sie nun aber dezent belehren: Den Trend hab ich aus der Provinz mitgebracht, gemeinsam haben wir diverse Orte in Bayern und Niedersachsen bereist, bevor wir hier gelandet sind. Und diese Landung erfolgte auch noch – ich schäme mich etwas, aber es muss gesagt werden – in einem total uncoolen Stadtteil. Denn – unglaublich, aber wahr: Ja, es ist Leben außerhalb von Mitte, Prenzlauer Berg und Friedrichshain möglich.
Und mehr noch: Trends entstehen bisweilen an eher abseitigen Orten. In Göttingen jedenfalls wurde das mit den Autorennamen aus der Taufe gehoben und auf einen berühmten Bierdeckel verewigt. Und wenn Sie jetzt bitte fragen würden, ob man vom Spieleerfinden denn eigentlich leben kann, darauf habe ich nämlich seit kurzem eine sehr schöne Antwort!

Frau Wrede, ich möchte Ihnen an dieser Stelle eine eher pikante Frage stellen, die Sie vielleicht überraschen wird: Kann man vom Spieleerfinden eigentlich leben?

Oh, Herr Bartsch, Ihre Frage erschreckt mich etwas, bitte lassen Sie mich kurz etwas überprüfen, vielleicht bin ich schon längst tot?
Aber nein, ich habe den Beweis: Ich habe sowohl eine Zahnbürste als auch ein Bett in der Wohnung. Dass diese beiden Dinge wichtige Beweise für das reale Leben sind, weiß ich, seit ich eine wunderbare Hörspielfassung der „Geschlossenen Gesellschaft“ gehört habe. Die Neuankömmlinge in der Hölle haben sich nämlich beschwert, dass es weder Zahnbürsten noch Betten gäbe. Und der Höllenhausmeister sagt daraufhin, sie seien doch schon tot, schlafen müssten sie darum ja nicht mehr, und Zähneputzen sei ebenfalls vorbei.
Ich habe beides, ich lebe also. Also kann ich vom Spieleerfinden und sogar damit leben. Allerdings ist mein Portfolio ein bunter Gemischtwarenladen verschiedener Projekte...

Ach? Und jetzt soll ich wohl fragen, was für Projekte das sind? Hören Sie mal, so läuft das aber nicht! Ich bin hier der Chef! Ich gebe das Kommando! Und ich frage, was ich will. Was für Projekte sind das denn?

Das ist geheim. Aber eines sage ich Ihnen: Mit CARCASSONNE habe ich nichts zu tun.

Nee, nee, nee, so nicht! Man kann vor seinen Taten nicht davonlaufen, Frau Wrede. Auf sämtlichen CARCASSONNE-Spielen steht Ihr Name! Das beweist alles, und jetzt ist diese Göttinger Bierdeckel-Geschichte aber mal so richtig schön nach hinten losgegangen!

Nun ja, mein Name begleitet mich ja schon mein ganzes Leben, CARCASSONNE dagegen erst 11 Jahre. Aber ich verrate es Ihnen im Vertrauen: Ja, es gibt eine Verbindung zwischen dem Herrn von CARCASSONNE und mir.
Wenn Sie sich hier umschauen, werden sie wachen Auges entdecken: In meinem Spieleregal gibt es mehr Spiele, auf denen der Name „Wrede“ steht, als in meiner Ludografie verzeichnet sind.
Schwupps, habe ich hier nicht nur gut 50, sondern knapp 60 Spiele. Und überall ein Wrede drin, zumindest teilweise. Meistens eine Anja – und manchmal ein Klaus-Jürgen.

50...? 60...? 11...? – Tut mir Leid, das ist mir zu hoch. Kann es sein, dass Sie ganz gerne mal mit Zahlen tricksen, Frau Wrede? Ihr Verlag müsste ja eigentlich „Edition Zweimacherinnen“ heißen, statt dessen nennen Sie sich „Sieben Schläfer“. Ich wittere Betrug. Sie wollen die Menschen in die Irre führen. Ich bin der Erste, der es durchschaut!

Ähem, das mit den Zahlen. Na ja, das ist wirklich so ein Thema bei mir. Aber ich muss Sie leider enttäuschen, Sie sind nicht der Erste, dem das auffällt. Vor dieser Person knie ich noch heute mit großem Respekt nieder. In meiner allerersten Rechenarbeit habe ich nämlich geschummelt.
Und zwar nach der Rückgabe. Ich hatte ausgerechnet, dass fünf plus fünf neun ergibt. Frau Peters hat das anders gesehen und einen Fehler vermerkt. Aber ich war als Ladenkind modern mit Tintenkiller ausgerüstet und habe aus der Neun nicht nur nachträglich eine kruckelige Zehn gemacht, sondern bin mit dem von mir korrigiertem Heft auch noch erhobenen Hauptes zur Lehrerin gegangen und habe gesagt, dass da doch wohl das richtige Ergebnis stehe und meine Note darum doch wohl eine Eins sein müsse...
Aber in Sachen Zweimacherinnen kann ich ihnen mitteilen, dass wir gerade daran arbeiten, unseren Personalstamm zu vergrößern - wir nehmen gerade den Kontakt zur Hauptstadt der Siebenschläfer auf und hoffen, dort eine größere Anzahl artgerechten Personals zu finden.

Das wird nun leider nichts mehr werden, Frau Wrede. Das müssen Sie doch selbst einsehen: All diese Zahlentricks und die vorsätzliche Namenstäuschung mit zwei Wredes und sieben Schläfern – das zieht sich wie ein roter Faden durch Ihr Leben! Ich habe es als meine Bürgerpflicht angesehen, die Polizei zu informieren. Das Einsatzkommando wird sicher gleich hier sein. Möchten Sie noch ein paar Abschiedsworte sagen?

Oh, dann bleibt mir wohl nur noch ein letztes Stoßgebet, und ich schließe mit einem Abschiedslied: ÜBER SIEBEN BRÜCKEN MUSST DU GEHN, SIEBEN DUNKLE JAHRE ÜBERSTEHN...
Aber Herr Bartsch, warum halten Sie sich denn die Ohren zu? Wir singen doch super zweistimmig, mein Hund und ich?

Ach du grüne Neune, von Ihnen kommt dieses Geheul? Und ich dachte, das wär schon die Polizeisirene. Ich muss gehen, Frau Wrede, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Mittwoch, 22. Juni 2011

Eine Million Interviews (1): Stefan Feld

Stefan Feld

Der Interviewte: Stefan Feld (40), Spieleautor aus Gengenbach in Baden-Württemberg. Von ihm stammen DIE BURGEN VON BURGUND, STRASBOURG, DIE SPEICHERSTADT, MACAO und viele mehr.

Der Interviewer: Udo Bartsch (42), Spielekritiker aus Hannover. Von ihm stammt nichts.


„Eine Million Interviews“ heißt die neue Erfolgs-Serie auf REZENSIONEN FÜR MILLIONEN. Herr Feld, Sie sind der erste Interviewpartner. Was ist das für ein Gefühl?

Guten Tag, Herr Bartsch! Ich kann nur sagen: „Unbeschreiblich!“ Ihr Blog ist ja weit über die Szene hinaus eine Anlaufstelle für diejenigen, die sich auch nur ansatzweise für Brettspiele interessieren. Und nun als erster Interviewpartner dabei zu sein: Wunderbar! Wie sind Sie denn auf mich gekommen?

Mal nicht so bescheiden, Herr Feld. Es führte überhaupt kein Weg an Ihnen vorbei!
Ich hatte im Vorfeld rund 700 Persönlichkeiten der Spieleszene angemailt, und Sie waren der Einzige, der geantwortet hat.


Sie sind ja auch nicht gerade als „zimperlich“ bekannt. Vielleicht hätten Sie nicht all die Leute anschreiben sollen, die Sie mit Ihren Rezensionen schon in die Pfanne gehauen haben.
Nun, was wollen Sie denn wissen?

Ich hatte gedacht, wir reden mal so richtig Klartext über unverschämt teure Polyester-Duschhauben. Und vielleicht auch zwei, drei Worte zu DIE BURGEN VON BURGUND. Ihr Spiel scheint ja viele Leute geradezu zu elektrisieren. Was ist aus Ihrer Sicht der besondere Kick?

Ich glaube, dass es sich ausgezahlt hat, farbpsychologische Aspekte in das Spieldesign mit einzubeziehen. Ob jetzt allerdings „elektrisierend“ für die Farbwahl das richtige Wort ist, weiß ich nicht. Zudem ist es ein Spiel aus der Kategorie „Bauen und Raffen“ (wie es ein guter Freund sehr treffend bezeichnete), und das gefällt den Leuten. Zusätzlich hat man 25 Mal im Spiel eine kleine Überraschung durch die Würfel, was sicher auch zu einem anhaltenden Spielspaß führt. Übrigens trage ich beim Spielen immer Polyester-Duschhauben, und zwar nur die teuren, alles andere taugt nichts. Was haben Sie denn beim Spielen an?

Ob Sie´s glauben oder nicht: Donnerstags verabreden wir uns immer zum Nackt-Spielen!
Es ist bislang allerdings noch niemand darauf hereingefallen, und alle kommen angezogen. Ebenfalls donnerstags streiten wir auch ständig, ob es nun „BuBu“ oder „BurBur“ heißt. Was sagen Sie als Experte dazu? Und ohne Sie jetzt beeinflussen zu wollen: Ich persönlich bin für „BuBu“...


„BurBur“ geht ja überhaupt nicht. Das hört sich für mich nach Taubengeburre äh -gegurre an.

Wohltuende und weise Worte, Herr Feld! In der aktuellen FAIRPLAY äußern Sie, die veröffentlichte Version von DIE BURGEN VON BURGUND sei die „Babyversion“. Wann kommt die Kindergarten-Erweiterung?

Ich bin gerade in Verhandlung mit den Waldorfpädagogen, und wahrscheinlich wird es bald neue selbstgefilzte Spielpläne geben. Und außerdem muss man dann den Namen jedes Plättchens tanzen, welches man in sein Fürstentum einbauen will.

Mein lieber Herr Feld, bei manchen Antworten gerate ich ins Grübeln, ob Sie mich vielleicht auf den Arm nehmen wollen. Das würde ich nicht erlauben. Ich bin eine geachtete Respektsperson!

Aber Herr Bartsch, das steht doch außer Frage. Und da ich fest an den großen Spielegott glaube und auf keinen Fall im Pöppelfegefeuer enden will, habe ich Ihnen in keinster Weise Unrichtigkeiten unterbreitet.

Na, wenn das so ist, freue ich mich auf die gefilzten Spielpläne. Aber das mit dem Tanzen werden wir in meinen Runden wohl weglassen. Außer donnerstags natürlich, wo wir dann nackt tanzen. Möchten Sie zum Abschluss noch etwas sagen?

Ja. Wussten Sie eigentlich, dass es mehr Sandkörner auf der Erde gibt, als ich Spiele verkauft habe? Tja, manche Dinge erschließen sich erst, wenn man passende Vergleiche heranzieht. So ist das nun mal, Herr Bartsch.

Und ich dachte, ich interviewe hier einen Erfolgsautor?! Herr Feld, wir müssen sofort abbrechen. Ich danke Ihnen für das Gespräch.